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Impressionisten im Exil : Was haben die Franzosen im Nebel gesehen?

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London als Ort der Rettung und Experimente: Eine Pariser Ausstellung zeigt die französischen Impressionisten im Exil an der Themse.

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          Seit Christophe Leribault die Leitung des Petit Palais in Paris übernahm, hat dieses Museum eine stetig wachsende Attraktivität gewonnen. Erneuerung der Infrastruktur, Neuordnung der Sammlung, wichtige Erwerbungen, aber vor allem hervorragend inszenierte Ausstellungen haben dem von der Stadt Paris getragenen Museum lange Besucherschlangen beschert. Strebte man früher vornehmlich in die Ausstellungen des Grand Palais, verbindet man diesen Weg heute stets, seiner Sammlungen und lebendigen Aktivitäten wegen, mit einem Gang durch das kleinere, aber dennoch imposante Jugendstilgebäude gegenüber.

          Gegenwärtig sollte man die mit der Tate London gemeinsam vorbereitete Schau über Emigration und Exil der französischen Künstler, insbesondere der Impressionisten, nach London 1870/71 nicht versäumen. „Les Impressionistes à Londres, Artistes français en exil, 1870–1904“, kennzeichnend für vergleichbare Unternehmen in diesem Museum, ist eine Kunstausstellung. Sie bindet jedoch auf geschickte und unaufdringliche Weise künstlerische Entwicklungen in den historischen Kontext ein.

          Der siegreiche Feldzug der vereinigten deutschen Armeen, die Einnahme von Paris und der Untergang des Zweiten Kaiserreiches lösten eine dramatische Wende in der französischen Politik aus. Während die Deutschen, in wenig taktvoller Weise Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamierten, zerbrach der Zusammenhalt der französischen Gesellschaft in den blutigen Straßenkämpfen der Commune. Auch viele Künstler suchten den katastrophalen Zuständen in Paris während der Belagerung und den die Aufstände mit härtester Gewalt unterdrückenden militärischen Maßnahmen zu entkommen. Unter den geschätzten 3300 Flüchtlingen, die nach England flohen, da dort politische Delikte keine Grundlage für Auslieferung bedeuteten, waren die Maler und Bildhauer nur eine kleine Gruppe.

          Sie entkamen über den Kanal

          London erschien für sie als ein Ort der Rettung nicht nur für Leib und Leben, sondern womöglich auch ein neuer Markt für die Erprobung ihrer Gemälde und Skulpturen. Monet, Pissarro, Sisley, Tissot, Daubigny, Bonvin, Dalou, Carpeaux und andere, vor allem Künstler der modernen Richtungen, entkamen über den Kanal.

          Die Ausstellung beginnt mit einem Einblick in die historische Situation, einer Dokumentation der militärischen Niederlage und des grausamen Bürgerkrieges in den Straßen von Paris durch Gemälde, Graphik und Fotografien. Eindringlich zu verfolgen ist die unterschiedliche künstlerische Sprache, in der die Ereignisse geschildert werden. Realistische Darstellungen der Erschießung von Aufständischen und der Zerstörungen von Denkmälern stehen allegorischen Visionen von Untergang und Hoffnung auf Revanche gegenüber. Corots „Le Rêve: Paris incendié“ bietet im unteren Drittel des Gemäldes eine fast abstrakte braunrote Landschaft, in der nur vereinzelte Türme auf die Stadt Paris hinweisen. In dem aufsteigenden grauen Rauch, der den Rest des Bildes einnimmt, erscheint in der Ferne die Gestalt der „France“, die mit erhobenem rechtem Arm die Hoffnung auf Wiederauferstehung aus dem Untergang zum Ausdruck bringt. Doré hingegen wählt in seinem dunkelblau-kalten Gemälde eine Episode der Belagerung von Paris. Eine Nonne trägt ein Kind in der Nacht in eisiger Kälte durch eine schneebedeckte Straße und rettet es aus der im Hintergrund brennenden Hauptstadt.

          Nur die in Paris verbliebenen Impressionisten, wie Manet und Tissot, verarbeiteten ihre Erlebnisse in Zeichnungen oder Lithographien. Sprachlos verharren die Besucher der Ausstellung einen Moment vor Tissots Aquarell, das an die Erschießung von Aufständischen im Bois de Boulogne erinnert. Die Leichen wurden in den Festungsgraben hinabgeworfen. Das Blatt zeigt, auf geradezu surrealistische Weise, einen Körper, wie festgefroren in der Luft, im Absturz in den Graben.

          Diesen brutalen militärischen, aber auch noch durch die Hungersnot lebensbedrohenden Umständen suchten die Menschen zu entkommen. Es gelang nur wenigen. England und London, wenn man es dorthin schaffen konnte, nahmen die Flüchtlinge auf. Wie auch in unserer Gegenwart beherrschten aber nur wenige Flüchtlinge die Sprache des Gastlandes. Die Künstler formten daher eine Gemeinschaft, bildeten ein Netzwerk für gegenseitige Hilfe. Zwei Persönlichkeiten traten in diesem Prozess besonders hervor, der Maler Alphonse Legros, der bereits 1863 nach England zog. Er war mit Dante Gabriel Rossetti und später mit Edward Burne-Jones befreundet und vermochte sich in den dortigen Kunstbetrieb erfolgreich zu integrieren. Die zweite war der Kunsthändler Paul Durand-Ruel. Er sollte Monet bei Pissarro in London kennenlernen und erkannte die Bedeutung ihrer und ihrer Freunde Kunst, unterstützte sie finanziell und blieb ihnen für immer verbunden. Durand-Ruel gründete in London eine „Gesellschaft Französischer Künstler“, deren Ausstellung jedoch nur begrenzt erfolgreich war.

          Von den Zeitgenossen als exzentrisch angesehen

          Die Exilanten wurden in England allgemein freundlich empfangen, aber die impressionistische Landschaftsauffassung fand keine oder nur wenige Liebhaber. Die modernen französischen Maler entdeckten allerdings die englische Landschaft und zogen auf der Entdeckung nach Sujets die Themse entlang. Die Großstadt London mit ihren sozialen Gegensätzen, die Dickens und auch Doré geschildert hatten, wurde nicht ihr Thema. Wohl aber faszinierten sie die Brücken, der Schiffsbetrieb auf dem Fluss im Spiel der Reflexionen. Das gerade vollendete Parlamentsgebäude von Barry und Pugin, das sich in der Themse spiegelte, sollte Monet als Eindruck nicht mehr vergessen. 1904 kehrte er nach London zurück, um vor allem diesem Gebäude eine Serie von Gemälden zu widmen, ein ästhetisch überwältigendes Herzstück der Ausstellung im Petit Palais.

          Selbstverständlich schwärmten die Maler in die Sammlungen, vor allem die National Gallery, aus. Sie bewunderten die englische Landschaftsmalerei, Gainsborough, Lawrence, Constable und auch Turner. Aber wie Pissarro und Monet später berichteten, seien sie nur begrenzt beeindruckt gewesen, da ihr eigenes unmittelbares Naturstudium die romantische Landschaftsauffassung der britischen Vorläufer längst überwunden habe.

          Nur wenige blieben

          Die Frage, ob und wie diese kulturelle Begegnung für die englische Kunst einflussreich war, ist nicht leicht zu beantworten. Sie wird nur im Katalog aufgeworfen, aber in der Ausstellung nicht recht sichtbar. Mit Whistler und Tissot sind aber zwei Persönlichkeiten vertreten, die in gewisser Weise beiden Kulturen angehören. Whistler, von amerikanischer Herkunft, aber viele Jahre in Paris lebend, von den Impressionisten hochverehrt, malte in den 1870er Jahren eine Serie von „Nocturnes“, beinahe abstrakte Impressionen der Themse, die von den Zeitgenossen als exzentrisch angesehen wurden. Eine Auswahl dieser visionären Gemälde bereiten den Besucher der Ausstellung im Petit Palais auf Monets Serie des britischen Parlaments vor.

          Tissot war ein Sonderfall. Der in Nantes geborene, in Paris bei Ingres und Flandrin ausgebildete Maler fand im viktorianischen England seine zweite Heimat als ein brillanter und überaus erfolgreicher Schilderer der bürgerlichen und aristokratischen Gesellschaft. Erst nach zehn Jahren kehrte er nach Paris zurück. So lange Zeit blieben nur wenige. Monet und Pissarro verließen London nach nur sieben, Daubigny nach acht Monaten. Eine längere Zeit des Exils haben die französischen Künstler, bis auf wenige politisch Verfolgte, nicht auf sich nehmen müssen.

          Die Ausstellung gibt nur einen Einblick in ein frühes Kapitel eines viel weiter auszulotenden Themas der kulturellen Beziehungen der beiden Länder. Die Rezeption der Präraffaeliten in Frankreich oder der englischen akademischen Historienmalerei sowie der populären Graphik sozialer Umstände, die van Gogh so faszinierte, würden ein viel umfangreicheres Projekt bedeuten. „Die Impressionisten in London“ gibt aber einen lehrreichen und durch die hohe Qualität der ausgestellten Werke eindrücklichen Einblick in eine durch dramatische historische Ereignisse hervorgerufene transnationale künstlerische Begegnung. Ästhetische Anregungen durch die modernen Bestrebungen der Franzosen lassen sich in der englischen Malerei der Zeit nur schwer fassen. Aber die Erfahrung des gastgebenden Landes durch ihr Exil hat die kulturellen Beziehungen der beiden Länder über Jahre gefördert.

          Dieser Umstand wird am Ende der Ausstellung nicht zuletzt durch Monets Bilderserie des Parlaments aus dem Jahre 1904 vergegenwärtigt. Sie wiederum inspirierte die nächste Generation von Modernen, die Pointillisten und Fauves, etwa Maximilien Luce und André Derain, nach London zu reisen, um dieses Gebäude, ein Symbol des Parlamentarismus in der Epoche der Dritten Republik, in der ihnen eigenen Vision zu malen. Sie reisten nun nach London nicht mehr als Flüchtlinge, sondern auf der Suche nach künstlerischen Motiven dieser pulsierenden Hauptstadt.

          Les Impressionistes à Londres, Artistes français en exil, 1870–1904. Im Petit Palais – Musée des Beaux-Arts de la ville de Paris, Paris, bis zum 14. Oktober. Der Katalog kostet 35 Euro.

           

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