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Grasser-Ausstellung in München : Die Vertänzelung der Welt

Bewegter Anblick aus unruhigen Zeiten: Der spätgotische Schnitzer Erasmus Grasser gab seinen Holzfiguren den lasziven Hüftschwung eines Elvis Presley.

          5 Min.

          Vermutlich kennen japanische Touristen nach dem obligatorischen Münchenbesuch Erasmus Grasser besser als die meisten Deutschen. Obwohl einer der talentiertesten und originellsten Holzschnitzer des fünfzehnten Jahrhunderts, ist er heute den wenigsten ein Begriff. Und mehr als sein einsames Münchner Hauptwerk, die einst ekstatisch den dreißig Meter langen Tanzsaal des Alten Rathauses durchzuckenden Moriskentänzer, für deren sechzehn Grasser im August 1480 bezahlt wurde, kennen auch Skulptur-Interessierte meist nicht.

          Stefan Trinks
          (S.T.), Feuilleton

          Die erste diesem bekannten Unbekannten gewidmete Einzelausstellung überhaupt ist nun im Bayerischen Nationalmuseum zu sehen: „Bewegte Zeiten. Der Bildhauer Erasmus Grasser“, was bereits im Titel darauf anspielt, dass es nicht zuletzt an den unruhigen Zeitläuften gelegen haben mag, wenn Grasser damals wie heute mit seinen „bewegten“ Bildern von Tänzern und Heiligen nicht die Rolle einnahm, die ihm eigentlich hätte zukommen müssen.

          Im Triumphzug nach München

          Bereits wenige Jahre nach seinem Tod im Jahr 1518 war der Bildhauer wieder vergessen, obwohl er doch prestigeträchtig für das Rathaus Münchens oder auch für den öffentlichen Morisken-Brunnen vor dem Oberen Schloss im nahegelegenen Schmidmühlen gearbeitet hatte und 1480 zum Zunft-Vorsteher der Maler, Schnitzer, Seidennäher und Glaser in München gewählt wurde. Bald schon war nicht einmal mehr sein Geburtsdatum bekannt, das heute hypothetisch auf „um 1450“ zurückgerechnet wird, und dies blieb so, bis er Ende des neunzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.

          Ab diesem Zeitpunkt allerdings erlebten die Moriskentänzer eine stürmische Renaissance: Vier von ihnen, die der Stadtrat noch 1843 leichtfertig dem populären Bildhauer Ludwig von Schwanthaler als Sondervergütung für die Umgestaltung des Tanzsaaals zur königlich-bayrischen Weihestätte geschenkt hatte, wurden von einer hochoffiziellen Münchner Delegation unter Leitung des Akademie-Professors Franz von Seitz für einen horrenden Betrag vom italienischen Grafen Pallavicini zurückgekauft und im Triumphzug nach München überführt. Wie so oft in der Geschichte der Kunst entflammte die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für Grassers Moriskentänzer erst ab dem Moment, in dem klar war, dass es sich bei ihnen um etwas Wertvolles handeln müsse, da ja andernfalls nicht derart viel Geld geflossen wäre.

          Herr der Morisken

          Die wechselhafte Wertschätzung der Moriskentänzer ist ein Musterbeispiel für die beständigen gesellschaftspolitischen Umdeutungen von Kunst. Außer dass sie, teils Turbane und andere fremdländische Kleidung tragend oder afrikanischer Herkunft, ein Element des Exotismus im Münchner Rathaus bildeten, weiß man über die Hintergründe des Auftrags und ihres Aussehens herzlich wenig. Genau diese Exoten aber werden im zwanzigsten Jahrhundert zu Ikonen deutscher Skulptur stilisiert, die die bis dato unbekannte „Wundergabe deutschen Humors“ repräsentierten, wie der Münchner Stadtmuseumsdirektor Philipp Maria Halm 1928 schrieb. Im „Kunstbrief“ der kleinen Feldbücherei von 1943 für die Wehrmachtssoldaten werden sie endgültig völkisch umgebogen von Eberhard Hanfstaengl, dem Direktor der Berliner Nationalgalerie, der zuvor als Münchner Stadtmuseumsintendant Herr der Morisken gewesen war. So verwundert es fast nicht, dass auch Hitler auf seinem Berghof eine Kopie eines Tänzers von Grasser aufstellte.

          Was aber ist objektiv über diese Morisken zu erfahren? Wie in den neunziger Jahren der Lambada mit seinen gelenkgefährdenden Verrenkungen als Modetanz ein Strohfeuer war, das kurz darauf peinlich beschwiegen wurde, so war die „Morisca“ ein Top-Hit der Jahre um 1480. Einer Fieberepidemie gleich hatte sich der Modetanz wohl vom maurisch geprägten Spanien durch Europa ausgebreitet. Nicht zuletzt wegen seiner luxuriösen Tanzkostüme in glänzenden Seidenstoffen, stand er generell für modische Exotik aus weit entfernten Gegenden – passend für einen Repräsentationssaal im Rathaus einer aufstrebenden Stadt wie München, der mit seinem sternenübersäten Tonnengewölbe, den ebenfalls von Grasser geschnitzten und in der Schau zu sehenden Personifikationen von Sonne und Mond wie auch mit zahlreichen Wappen den gesamten Kosmos abbilden sollte.

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