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Malerin Miriam Cahn : Nackte Bilder

Miriam Cahns Gemälde „abbau“ aus dem Jahr 2017 Bild: Miriam Cahn / Grazyna Kulczyk Collection

Die Malerei der Schweizerin Miriam Cahn stürzt uns vom Thron der Selbstgewissheit. Jetzt wird sie neu entdeckt. Eine Begegnung in ihrer grandiosen Münchner Ausstellung.

          7 Min.

          Miriam Cahn hat sich den Weg freigekämpft von der Pressekonferenz im Münchner Haus der Kunst, wo sie durch vierzig Jahre glühende, flammende, berstende Malerei geführt hat, hat Journalisten beiseitegefegt, die noch irgendeine dumme Frage zu Hitler und seiner Kunsttrutzburg stellen wollten und wie das für sie sei, hier auszustellen, als Jüdin, hat einen Tisch ausgewählt im Museumsrestaurant und sich auf den Stuhl gesetzt, und dann kommt einer dieser gschaftelig-arroganten Münchner Kellner und weist darauf hin, dass jetzt gleich die Mittagsgäste anrücken: „Ich brauche hier jeden Tisch.“ Cahn geht in Kampfstellung. „Mich bekommen Sie hier nicht weg“, erklärt sie in aufschaukelndem Baslerisch. „Da müssen Sie mich schon raustragen.“ Der Kellner wechselt, und es kommt die Limonade.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ich brauche hier jeden Tisch: Jetzt muss die Cahn, die am kommenden Sonntag siebzig wird, schon wieder den Kampf führen, den sie seit vierzig Jahren führt, gegen die Stumpfheit der instrumentellen Vernunft, gegen Kuratoren, Direktoren, Politiker, Künstlerfreunde. Gegen das Basler Baudezernat, das sie vor Gericht bringt, weil sie als Dreißigjährige nachts die Pfeiler der neuen Basler Stadtautobahn mit riesigen Kreidezeichnungen bemalt hat, um die Gleichgültigkeit der Infrastruktur mit der privaten Empfindung zu überkreuzen. Gegen den Richter, dem sie erklären muss, dass Kreide sich, anders als Graffiti, im Regen löst. Gegen den Kurator Rudi Fuchs, der sie bei der Eröffnung der Documenta 1982 öffentlich als „hysterische Neurotikerin“ bezeichnet, weil sie, nachdem Fuchs im letzten Moment einige ihrer raumhohen Zeichnungen aus ihrer Installation entfernt und durch Werke eines anderen Künstlers ersetzt hat, auch all ihre übrigen Zeichnungen wieder eingepackt hat und abgereist ist. „Ich dachte: Lacket mir!“

          Absagen in alle Richtungen

          Auf dem Tisch zwischen uns liegt ein Buch, das Cahn gerade herausgebracht hat. Es heißt „Das zornige Schreiben“ und ist voller böser Briefe, erschütternder Tagebucheinträge und bohrender Essays. Ein Leben, erzählt durch die Korrespondenz mit der Welt und sich selbst, in der sich Kunstmarkt, Bosnienkrieg, Irakkrieg und Feminismus brechen. Alle jungen Künstler sollten es lesen. Besser lässt sich nicht vermitteln, was es bedeutet, Künstler zu sein. Alle Selbstverständlichkeiten abzubauen, die das Leben mit sich und den anderen annehmbar machen. Eine Schärfe der Wahrnehmung, Kenntnis der Geschichte und Intensität der Empfindung auszubilden, die einen auf die eigene Zündschnur setzen. Und die unabhängig machen von allen äußeren Belohnungen.

          Ihre „kriegerin“ malte Miriam Cahn 2013 mit Wasserfarben und Pastell auf Papier. Bilderstrecke

          In einem ihrer zahllosen Absagebriefe schreibt Cahn, damals noch kaum bekannt, an die Stiftung Pro Helvetia: „Ihr Ausstellungskonzept hingegen überzeugt mich nicht: ich sehe darin nur kulturelle Repräsentation der Schweiz im Ausland auf dem Rücken der Künstler.“ Sie zerpflückt in einem Brief an den Direktor der Berliner Nationalgalerie dessen Giacometti-Ausstellung: „durch die ausstellung gehend sehe ich ununterbrochen sockel: sockel mit und ohne plexiglashauben, sockel mit glashauben, sockel mit haubenvorrichtungen ohne hauben, sockel auf brettern, sockel mit leisten oben oder unten, sockel auf anderen sockeln, sockel auf bodenplatten verschiedener höhe“ und so weiter. Sie schreibt der Malerfreundin Silvia Bächli, nachdem sie deren Ausstellung in der Kunsthalle Basel gesehen hat: „in deinen räumen stellte ich mir die frage: willst du das überhaupt? wenn ja: dann müsstest du – entschuldige – viel mehr arbeiten. wenn nein: dann ist es das falsche verfahren.“

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