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Ausstellung in Lübeck : Goldglanz für die Aristokratie der Kontore

Die einheimischen Schöpfungen verkaufte man an die Partnerstädte, für die eigenen Kirchen holte man sich das Beste, was anderswo geschaffen wurde: Eine Ausstellung in Lübeck feiert die Kunst der Hansemetropole zwischen Spätgotik und Reformation.

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          Ein Sturm scheint Maria Magdalena in die Glieder gefahren zu sein. Wie von Sinnen ringt sie die Hände zu Jesus empor, der über ihr am Kreuz hängt, während die Gewänder aus Goldbrokat und Purpurlinnen um ihren Körper flattern und das blonde Haar sich unter dem Schleier zu lösen beginnt. Es ist, als hätte sie sich aus einem Botticelli-Gemälde unter diesen nordischen Himmel verirrt, zwischen die Charakterköpfe würfelnder Soldaten und glotzender Stadtbewohner, die ernsten Matronengesichter unter weißen Tüchern, die blaustichigen Berge am Horizont.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch gehört sie zum Stammpersonal dieses Triptychons, das von den Martern, dem Tod und der Auferstehung Christi erzählt, denn auf dem rechten Flügel ist sie noch zweimal zu sehen, vorn in Begleitung Marias, mit der sie den Leichnam des Gekreuzigten beweint, und darüber, ganz klein, auf Knien vor dem auferstandenen Gottessohn, der sie freundlich, aber bestimmt – „Rühr mich nicht an!“ – in ihre Schranken weist. Aber hier hat der Maler Hans Memling ihr ein Gesicht gegeben, das zur Umgebung passt, ein Frauenantlitz mit hoher Stirn und Kirschmund, gemäß dem Schönheitsideal der nordeuropäischen Spätgotik.

          Memlings Greveraden-Retabel von 1491 wirkt in der Ausstellung „Lübeck 1500“ im Museumsquartier St.Annen so fremd wie die Figur der Maria Magdalena auf dem Mittelflügel seines Altartriptychons. Denn es zeigt nicht, was die Lübecker Kunst im späten fünfzehnten Jahrhundert leistete. Es zeigt, was sich die Lübecker Patrizier leisten konnten. Der Stifter des Bildes, ein Ratsherr und Mäzen, hatte dem Dom seiner Heimatstadt eine eigene Vikarsstelle geschenkt, für die der Altar dreizehn Jahre nach seiner Entstehung in Brügge angekauft wurde. Zu jener Zeit herrschte zwischen Lübeck und den niederländischen Handelsstädten ein erbitterter Konkurrenzkampf um die Absatzmärkte an der Ostsee, den die Lübecker am Ende verloren. Gleichwohl wusste man, was man sich schuldig war, wenn man Kunst bestellte. Die lübischen Meister waren berühmt in Stockholm und Riga, die flämischen in ganz Europa.

          Noch tief in den spätgotischen Anfängen

          Nur noch ein Altarbild in der Ausstellung zeigt in Bewegung und Gestik der Figuren eine ähnliche Vertrautheit mit der Renaissance wie Memlings Maria Magdalena. Es ist die Verkündigungsszene auf den Außenflügeln des Marienaltars aus der Lübecker Marienkirche, gemalt um 1518 von einem namenlosen Antwerpener Meister. Über dem Eingang zu Marias Gemach hängt ein weiterer prestigeträchtiger Exportartikel, eine Wanduhr mit Kettenzug. Heute würde man von Product Placement reden.

          Der Rückstand, den die Lübecker Künstler in Formgefühl und Weltläufigkeit gegenüber ihren Kollegen aus den Niederlanden hatten, ist nicht das Thema, aber die Kontrastfarbe auf dem Epochentableau der Ausstellung. Was Bernt Notke, Hermen Rode, Hans Kemmer, Evert van Roden, Claus Berg und andere in Eichenholz und Ölfarben schufen, war nicht weniger expressiv, doch es gehörte einer Stilhaltung an, die in Flandern und Süddeutschland schon wieder überwunden, mindestens aufgeweicht war. Dieses Nachzüglertum musste, ästhetisch gesehen, kein Nachteil sein. Der Claus Berg zugeschriebene Apostel Andreas aus dem Güstrower Dom weist im Furor seiner Gestik und des Faltenwurfs auf Barlach voraus. Auf dem Porträt eines Jünglings aus der Werkstatt Hermen Rodes, das durch einen italienischen Sammler in die Mailänder Brera gelangte, kreuzt sich das Formgefühl des jungen Dürer mit der Skyline einer Lübecker Stadtansicht. Schärfer tritt der künstlerische Klassenunterschied in den Altarwerken hervor. Die Flügel eines Johannesretabels und die Szenen aus dem Leben der heiligen Crispin und Crispinian, die der Werkstatt Bernt Notkes zugeschrieben werden, stecken mit ihren Knollennasen und verrutschten Gesichtszügen noch tief in den spätgotischen Anfängen.

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