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Strukturierte Vermessungen des Selbst und der Gesellschaft: Teresa Burgas „Autorretrato“ auf Millimeterpapier von 1972/2006. Bild: Teresa Burga/Galerie Barbara Thu

Künstlerin Teresa Burga : Wo der Zufall das System durchkreuzt

  • -Aktualisiert am

Wenn Henri Rousseau „Der Zöllner“ war, ist sie „Die Zöllnerin“ der Kunst Lateinamerikas: Die Kestnergesellschaft in Hannover zeigt Bilder und Drahtskulpturen der peruanischen Künstlerin Teresa Burga.

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          Die Schau, die derzeit in der hannoveranischen Kestnergesellschaft zu sehen ist, sieht aus, als wäre sie zwei Personen gewidmet. Auf der einen Seite bunte Figuren, vor allem Frauen an der Bar, Arbeiter und Märkte, in leuchtenden Farben, fast expressionistisch, auf der anderen Seite Linien, Graphiken und Listen auf Rasterpapier, aufgelockert durch ein paar Schwarzweißfotografien. Doch stammt alles von der peruanischen Künstlerin Teresa Burga, deren Werk in Deutschland erstmals in einer solch großen und großartigen Retrospektive zu sehen ist.

          Auf den ersten Blick ist der Wechsel der Darstellungsweisen einem biographischen Umstand geschuldet. Ausgebildet wurde Burga an der Universidad Católica in Lima, eine Akademie, die einen spirituellen Expressionismus mit Bauhaus-Idealen mischte, die an peruanische Bedingungen angepasst wurden. 1966 wurde Burga zur Mitbegründerin der Arte-Nueva-Gruppe, die sich mit internationalen künstlerischen Richtungen wie Pop Art, Minimalismus und Happenings befasste. Während ihre Künstlerkollegin Gloria Gómez-Sánchez auf Handwerklichkeit setzte, die als „peruanisch“ galt und damit einen in den zwanziger Jahren entwickelten „Indigenismo“ in neue Formen goss, entschloss sich Teresa Burga im Gegenteil, auf Eigenhändigkeit zu verzichten. Sie beauftragte andere Teilnehmer der Gruppe mit der Ausführung ihrer Entwürfe, so bei „Prismas“, geometrischen Holzobjekten, die poppig bemalt waren.

          1969 ging Burga mit einem Fulbright-Stipendium an das renommierte Art Institute of Chicago und vertiefte dort ihre Kenntnisse konzeptueller Kunstformen. In ihrer eigenen Arbeit wechselte Burga von der figurativen und bunten Darstellung eines oft harten Alltags zu meist auf Schwarzweiß reduzierte, mit Schrift und Zahl operierenden Werken, die Mensch und Welt auf je eigensinnige Weise vermessen.

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          Zurück in Lima arbeitete Burga jedoch mit den unterschiedlichsten Verfahren und mischte Elemente von Pop Art, Konzeptkunst, dokumentarischen und aneignenden Formen. „Autorretrato“, ein installatives Selbstporträt von 1972, versammelt Dokumente einer kardiologischen Untersuchung Burgas, von Rezepten und Überweisungen über eine Aufzeichnung der Herztöne bis zu schnöden Rechnungen – Dokumente, die auf die körperliche Existenz und auf das symbolische Zentrum eines Individuums, das Herz, verweisen, aber dennoch die Person nicht zum Vorschein bringen. Andere, jüngere Bilder sind nachgemalte Kinderbilder, die die leuchtenden Figuren der frühen Arbeiten Burgas aufrufen, nun aber in angeeigneter Form. Die Originale, allein mit familiärem oder anthropologischem, von menschlicher Imagination zeugendem Wert ausgestattet, hängen nun neben ihren Kopien, die, als Kunst deklariert, hochkulturellen Wert erhalten.

          Die Frage nach dem Wert von Kunst

          So unterschiedlich diese Werke auch sind, teilen sie ein Anliegen, nämlich künstlerische Arbeit zu entsubjektivieren. Die Künstlerin erscheint nicht als Ausnahmemensch, der sich im Selbstbildnis prägnant und originell zum Ausdruck bringt, sondern als ein systematisch aufgezeichnetes, berechnetes und verwaltetes Wesen. Handschrift, sofern sie vorkommt, ist eine entliehene, eine angeeignete. Zwar übermittelt sie Einbildungs- und Gestaltungskraft, aber nicht die der Künstlerin. Es geht also nicht um genialisches Schöpfertum, sondern um die Frage, wie Bilder in welchem Medium erscheinen. Und was macht das Medium, das Umfeld mit ihrer Bedeutung und mit ihrem Wert?

          Die Frage nach dem Wert von Kunst und Arbeit kann Teresa Burga umso ernsthafter stellen, weil sie selbst aus dem Fokus der Kunstwelt herausgefallen ist. Zwar kehrte sie nach Lima zurück, weil ihr, noch in den Vereinigten Staaten, eine Position im Kunstbetrieb ihrer Heimat versprochen wurde. Doch in Lima galt das Versprechen nichts mehr. So gab Burga die Bestrebung auf, professionell als Künstlerin zu arbeiten, nicht zuletzt wegen des mangelnden Interesses an ihrer Arbeit, das sie zwang, eine Tätigkeit in der staatlichen Zollverwaltung aufzunehmen.

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