https://www.faz.net/-gqz-7ewn6

Ausstellung in Freiburg : Verblüffend wie ein Zaubertrick

Einfache Mittel und große Wirkung: Welche Welten mit Stift und Feder geschaffen werden, zeigt eine glänzende Schau im Augustinermuseum in Freiburg.

          Das Augustinermuseum mausert sich zusehends zum Anziehungspunkt im Herzen von Freiburgs Altstadt. Nachdem im Jahr 2010 der erste Abschnitt seiner Gesamtsanierung fertiggestellt wurde, läuft nun deren zweiter Teil. Es geht um einen angegliederten Neubau, wie schon der Umbau nach dem Entwurf des Architekten Christoph Mäckler; er wird „Haus der Graphischen Sammlung“ heißen. Das schreibt Tilmann von Stockhausen, seit 2008 Direktor der Städtischen Museen Freiburg, im Vorwort zum Katalog der aktuellen Ausstellung, die jedem Liebhaber von Zeichnungen - und allen, die das noch werden können - das Herz aufgehen lässt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Sie ist das Gegenteil eines Spektakels, eine feinsinnige Auswahl, die ausschließlich mit eigenen Beständen arbeitet. In seiner Katalogeinleitung umreißt Felix Reuße, der Kurator der Graphischen Sammlung, die Geschichte des Bereichs, der seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts keineswegs aus gezieltem Sammeln entstand. Vielmehr kamen die heute rund fünftausend Zeichnungen zunächst durch Schenkungen, Vermächtnisse und Künstlernachlässe, vor allem aus der Bürgerschaft, ins Haus.

          Erst später gab es sporadische Ankäufe, in jüngster Zeit einige ergänzende Erwerbungen. Entsprechend heterogen ist die Struktur der Sammlung, die sich aber nicht im regionalen Bezug erschöpft - und genau das macht den besonderen Reiz dieser erstmaligen Präsentation jetzt aus, unter der viele bisher unbekannte Blätter sind. Und so manche kaum bekannte oder gar unbekannte Namen tauchen auf in den dreizehn Sektionen der Schau, die einige Ordnung in das vielgestaltige Revier bringen.

          Vom „Langen Atem des Klassizismus“, der noch bis zur genialischen Studie einer „Toten Hexe (Entseelt am Meeresstrand)“ des Bonaventura Genelli reicht, führt der Weg zum „Seriösen und Comischen“, der romantischen Ironie eben auch, wie sie die Arbeiten des Hannoveraner Hofkünstlers Johann Heinrich Ramberg auszeichnet, der mit spitzer Feder die Mythologie und seine Zeitgenossenschaft umreißt. Darauf schwingt der „Traum der Romantik“ im Mandolinenspiel eines „Troubadour“ des 1802 in Mannheim geborenen Friedrich Hoffstadt mit; sein Aquarell fängt die Mittelaltersehnsucht jener Zeit zauberhaft ein.

          Für das stark religiöse Programm der Nazarener kann Joseph Heinemanns „Jakob schenkt Joseph einen bunten Rock“ von 1850 stehen; wunderbar ausgearbeitet ist diese Bleistiftzeichnung auf Velin des Schülers von Julius Schnorr von Carolsfeld zur vollgültigen Bildhaftigkeit. Wie bald „Pose und Psyche“ im Porträt erscheinen, zeigt das Selbstbildnis von Carl Sandhaas, in dessen Blick sein seelisches Leiden eingefangen ist. Schon in Konkurrenz zur frühen (Porträt-)Fotografie stehen, auf je eigene Art, die wohl idealen Frauenbildnisse von Sebastian Luz und Ludwig Zorn, beide um 1880, die dem neuen Medium ihre zeichnerischen Mittel der Innerlichkeit im äußeren Ausdruck kraftvoll entgegensetzen.

          Jeder Betrachter wird seine eigenen Lieblinge in diesem Panoptikum finden, unbesehen von Geltung und Berühmtheit der Künstler. Es treten durchaus Namen auf wie Edward von Steinle oder Karl Spitzweg, Franz Xaver Winterhalter oder Marie Ellenrieder, Anselm Feuerbach oder Hans Thoma, aber die eigentliche Erfahrung heißt: hinschauen und begreifen, wie es dieses lange Zeit geschmähte Jahrhundert in sich hat, besonders in der Zeichenkunst. Das handwerkliche Können, an den Akademien eingebimst, ist das eine. Dass die Strahlkraft und Anmut der Zeichnungen, Aquarelle und Pastelle diese notwendige Grundlage so oft bei weitem überschreiten, ist das andere.

          Konvolut von nachgerade romantisch fragmentarischem Charme

          Das zeigen auch die ausgestellten Naturstudien. Unter ihnen finden sich Blätter vom Freiburger Künstler Emil Lugo; in der Nachfolge des einflussreichen Karlsruher Professors Johann Wilhelm Schirmer (der auch vertreten ist) entwickelte er seinen Stil. Das war Emilie, der Schwester von Anselm Feuerbach, aus familiären Gründen verwehrt; ihr blieb das „Blumenmalen“. Welches Talent sich so nicht entwickeln durfte, deutet ihr aquarellierter „Feldblumenstrauß“ wenigstens an.

          Erwähnt sei noch die Darstellung der Architektur, die es mit der wirklichen Topographie weniger hatte als gemeinhin gern vermutet. So widmete Friedrich Eibner, um das Freiburger Münster möglichst zu überhöhen, ihm gleich mehrere Ansichten - abseits der um 1870 realen Umgebung, eines langweiligen klassizistischen Gebäudes: Da stehen auf Eibners Aquarellen, phantasievoll wahrlich, links der gotischen Kathedrale entweder mittelalterliches Fachwerk oder geschwungene Renaissancegiebel oder gleich ein italienischer Renaissance-Palazzo. Der Historismus ist einfach mit Vorsicht zu genießen. Dann lieber gleich hin zu tanzenden Hexen, zu Triton und Nereide von Hans Thoma, wo die „Vergangenheit als Motivschatz“ wiederkehrt - während die Moderne draußen längst die Türen eintritt.

          Nicht Vollständigkeit wird im Augustinermuseum vorgeführt, sondern ein Konvolut von nachgerade romantisch fragmentarischem Charme. Die unaufdringliche Didaktik, mit der Felix Reuße die Präsentation in ein paar Vitrinen unterstützt, erhöht das Vergnügen - selten genug - übrigens noch.

          Weitere Themen

          Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, dass die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          „Post von Karlheinz“ als Hörbuch Video-Seite öffnen

          Hörprobe : „Post von Karlheinz“ als Hörbuch

          Die Nachrichten, die die Schauspieler Bjarne Mädel, Cathlen Gawlich und Bernhard Schütz für dieses Hörbuch vorlesen müssen, liegen außerhalb der Vorstellungskraft anständiger Menschen.

          Tarantino stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Mit Hollywood-Stars besetzt : Tarantino stellt neuen Film vor

          Kult-Regisseur Quentin Tarantino präsentiert seinen neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood" beim Filmfestival in Cannes. In den Hauptrollen sind Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie zu sehen. Im deutschsprachigen Raum läuft der Film ab Mitte August in den Kinos.

          Knochenkegeln als Tanztheater

          Video-Filmkritik „John Wick 3“ : Knochenkegeln als Tanztheater

          Computertricks schaffen das nicht: „John Wick 3“ schlägt, tritt und erschießt mit wuchtig und präzise inszenierter Action alles, was das Massenkino heute sonst kann. Superhelden, fürchtet Euch vor Keanu Reeves!

          Und wer fragt nach den Bäumen?

          Hans Traxler zum Neunzigsten : Und wer fragt nach den Bäumen?

          Er arbeitete in der Redaktion der Zeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ und erzählte „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“: Jetzt wird Hans Traxler, der Meister der Perspektivwechsel, neunzig Jahre alt.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, dass die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.
          Durch die Druschba-Pipeline fließt zur Zeit kein Öl.

          Versorgung stockt : Lieferstopp für russisches Öl trifft Ostdeutschland

          Seit vier Wochen erreicht kein russisches Öl mehr die deutschen Raffinerien. In Berlin wurde nun sogar das Flugbenzin knapp. Immer mehr drängt sich die Frage auf, wer für den Schaden aufkommt.
          Wolfgang Schäuble kritisiert den Drang nach „immer perfekteren Regelungen“ auch beim Bundesverfassungsgericht

          FAZ Plus Artikel: 70 Jahre Grundgesetz : Mehr Freiraum!

          Das Grundgesetz wurde als Fundament für einen freiheitlichen, handlungsfähigen Staat geschaffen. Diesen Gedanken sollten wir wieder stärker freilegen, statt uns weiter einzumauern hinter immer neuen Regelungen, die noch detailliertere nach sich ziehen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.