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Broodthaers-Ausstellung : Am Quellcode der Kunst entlang

  • -Aktualisiert am

Er schwelgte in Tautologien und war skeptisch gegenüber letzten Antworten: Eine Düsseldorfer Ausstellung zeigt das Werk des belgischen Künstlers Marcel Broodthaers – ein Fest für jeden Besucher.

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          Tiere auf dem Bauernhof“ steht auf der Erklärtafel, wie sie einst im Biologieunterricht zum Einsatz kam. Sie zeigt Zeichnungen fünfzehn unterschiedlicher Kuhrassen, unter denen jeweils steht: „Chevrolet“, „Cadillac“, „Chrysler“, „Maserati“ und so weiter. Das ist Marcel Broodthaers’ lakonischer Witz: Die nüchterne Autorität wissenschaftlicher Erläuterungen wird geliehen, um den größten Unsinn zu veranstalten und zu zeigen, dass keine Zuordnung auf einem höheren Sinn beruht als auf dem Zweck, zu dem sie dient. „Kein Gegenstand ist mit seinem Namen so verbunden, dass man keinen anderen für ihn finden könnte, der besser zu ihm passt“, schrieb René Magritte 1929. Und später Wittgenstein: „Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten, in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen.“

          Jede Verknüpfung zwischen den Dingen, ihren Bildern und ihren Namen ist so willkürlich wie der künstlerische Akt. Deswegen sind sie aber nicht wirkungslos: Auf ihrer Regelmäßigkeit beruhen die Sprache, die Sitten, die Staaten, die Wissenschaft, das Militär. Der absurde Abgrund aber, der unter all diesen klafft, ist der Spielraum der Kunst. Und den hat kaum jemand so präzise - und so unterhaltsam - abgeschritten wie Marcel Broodthaers (1924 bis 1976).

          So präzise wie kein anderer

          Die große Broodthaers-Retrospektive in Düsseldorf ist ein Fest. Vorher im New Yorker MoMA und in der Reina Sofia Madrid gezeigt, ist sie jetzt dort angekommen, wo dieses Schlüsselwerk der Gegenwartskunst im Funkenschlag von Kunst und Politik um 1968 entstand, zwischen Broodthaers’ Wohnung in Brüssel, der legendären Antwerpener Galerie Wide White Space und Düsseldorf, wo der Künstler von 1970 bis 1972 lebte und wo sein Adlermuseum einen zentralen Pfeiler der Kunstsammlung bildet.

          Gut, viele der Werke waren schon vor zwei Jahren im Kasseler Fridericianum zu sehen. Aber nicht in dieser knackigen Kompaktheit. Hier greifen alle Elemente, Lyrik, Film, Malerei, Skulptur und Installation, ineinander und präsentieren sich als offenes System. Regelrecht als Betriebssystem. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass kein anderer Künstler so präzise erforscht hat, was es überhaupt heißt, ein Werk zu schaffen. Bis heute glauben manche, Marcel Duchamp habe dazu alles gesagt, als er 1917 mit seinem Urinal vorführte, dass der Künstler entscheidet, was Kunst ist. Diese Erfindung des Readymades sprach sich übrigens erst ab 1960 herum und löste die Lawine aus, die unter anderem zur Pop-Art führte. Deren Affirmation des Neuen war Broodthaers suspekt; gleichzeitig waren ihm die Skulpturen der Noveau Realistes, die er in Paris kennenlernte, zu beliebig; und die sogenannten „Primärstrukturen“ der Minimal Art erschienen in ihrer Buchstäblichkeit naiv. „Es gibt keine Primärstrukturen“, erklärte Broodthaers weitsichtig, nachdem er 1964 seine Gedichtbände als Skulptur vergipst in den Galerieraum gestellt hatte, und: „Die Sprache der Formen muss mit jener der Worte wieder zusammengeführt werden.“

          Gründungswerk der Installationskunst

          Als junger Dichter war Broodthaers nach dem Krieg zum Kreis der belgischen Surrealisten um René Magritte gestoßen, an dessen Verschachtelung von Malerei und Sprache er sich zeitlebens abarbeitete. Magritte überreichte ihm symbolisch seinen Bowlerhut. Und er schenkte ihm die Gallimard-Ausgabe von Stéphane Mallarmés Gedicht „Un coup de dés jamais n’abolira le hasard“, dessen Anspruch, Schrift zum Bild werden zu lassen, Broodthaers fortführte, indem er die Verse mit schwarzen Balken übermalte.

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