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Ausstellung in Catania : Operation am offenen Hals

Was 3D-Drucker alles beherrschen: Passt der Kopf des Kouros Lentini wirklich so nahtlos auf den Rumpf wie dieses Modell es vermuten lässt? Bild: Associazione LapiS

Werden zwei Teile einer Statue nach mehreren Jahrhunderten wieder vereint? Catania zeigt den Kouros von Lentini. Das sorgt für Diskussionen.

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          Den Kopf hat er schon lange verloren. Der Kouros von Lentini, eine Jünglingsstatue der griechischen Archaik, war nur als Torso erhalten, als der Archäologe Paolo Orsi ihn im Jahr 1904 für tausend Lire (heute etwa 4400 Euro) vom Marchese di Castelluccio erwarb. Die Figur zählt zu den Juwelen des seit dem Neubau 1988 nach Orsi benannten Museums in Syrakus: eine Skulptur aus weißem Marmor von der Wende vom sechsten zum fünften Jahrhundert vor Christus, die als eines der wichtigsten Artefakte aus der Frühzeit der griechischen Kunst auf Sizilien gilt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Über den dazugehörenden Kopf wird schon lange spekuliert: Immer wieder wurde dafür die sogenannte „Testa Biscari“ in Betracht gezogen, die der Archäologe und Mäzen Ignazio Paternò Castello, Prinz von Biscari, im achtzehnten Jahrhundert in Lentini entdeckt und seiner Heimatstadt Catania vermacht hat, wo sie im Museo Civico di Castello Ursino, einer von Stauferkaiser Friedrich II. errichteten Festung, aufbewahrt wird. Die Verbindung hatte erstmals der in Rom lebende Archäologe und Kunsthändler Ludwig Pollak hergestellt, als er 1925 Sizilien besuchte, und fünf Jahre später hat Guido Libertini, der Gründungsdirektor des Museums, dessen Annahme untermauert. Die Hypothese löste eine „Querelle“ aus, die seitdem geführt wird. Die Funde aber blieben getrennt: Der Körper in Syrakus, der Kopf keine hundert Kilometer weiter nördlich in Catania.

          Ergebnis eines interdisziplinären Forschungsprojekts

          Wer heute in den obersten Stock des Museums, eines weitläufigen Schatzhauses im Herzen der vulkansteinschwarzen Stadt am Fuße des Ätnas, hinaufsteigt, begegnet dem Kouros in einem abgedunkelten Raum, wo eine raffiniert ausgeleuchtete Inszenierung dem Augenschein nachhilft: Dieser Kopf sitzt und passt auf diesen Körper. Mit dreifachem Haarkranz steht er, die Nase ramponiert und ein feines Lächeln um die Lippen, auf einem schlanken, armlosen Rumpf, der, die Beine an den Oberschenkeln amputiert, dem Besucher auf einem Sockel aus gebrochenem Kalkstein in Lebensgröße gegenübertritt.

          Statue mit bewegter Geschichte: Mit dreifachem Haarkranz steht er nun in Catania, die Nase ramponiert und ein feines Lächeln um die Lippen.

          Die späte Wiedervereinigung ist das Ergebnis eines interdisziplinären Forschungsprojekts, an dem Archäologen, Kunsthistoriker, Architekten, Petrographen und Mediziner beteiligt waren. Die Indizien, die sie zusammengetragen haben, bezeichnete dessen Leiter, Sebastiano Tusa, bei der Vorstellung des „restaurierten“ Kouros im November 2018 in Palermo als „wissenschaftliche Evidenzen“, die die Einheit der Skulptur bestätigten: Die petrographischen und geochemischen Analysen ergaben, dass der feinkörnige Marmor von Kopf und Körper, der auch andernorts in Sizilien – in Syrakus, Agrigent und Selinunt – verbaut wurde, aus dem gleichen Steinbruch in Lakkoi auf der Kykladen-Insel Paros stammt. Anatomisch, so das Resultat einer 3D-Rekonstruktion, wiesen beide Teile „genügend überschneidende Details“ auf; schließlich konnten, trotz eines fehlenden Verbindungsstücks am Hals, das durch eine Kunststoffprothese ersetzt wurde, Kopf und Körper mit Hilfe eines 3D-Scanners so aufeinander bezogen werden, dass sie ein festes Ganzes bilden.

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