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Ausstellung in Bregenz : Rosemarie Trockel – die Unbeirrbare

Mal verrätselt, mal humorvoll, aber immer vielschichtig: Die Künstlerin Rosemarie Trockel will nur mit uns spielen – auch in ihrer großartigen Ausstellung in Bregenz.

          4 Min.

          Die Schau läuft auf drei Etagen. In der obersten, genau in der Mitte im strengen Kunsthaus Bregenz, steht eine lebensgroße Puppe mit wächsernem Antlitz und aufgerissenen Augen, anscheinend eine junge Frau. Sie trägt eine Art Tracht. Im Wörterbuch der Brüder Grimm wird zum Begriff „Tracht“ ein Feld eröffnet, dem diese Skulptur entstiegen sein könnte, so schwer, wie sie trägt an dem, was ihr aufgetragen scheint. Beinahe alle Besucher fotografieren sich selbst mit der jungen Frau in ihrer seltsamen Tracht; Rosemarie Trockel hat die Selfies einkalkuliert, keine Frage.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Was hat das Mädel - ganz in Schwarz und vielleicht gar aus dem Schwarzen Wald? - denn da an sich hängen? Vorn am Mieder sind es spitze Zähne, nein, keine Grandeln. Hinten am Wams ein Sammelsurium aus Krallen und Knochen, fein als Anhänger gefasst wie für ein Charivari. Ob sie eine Kriegerin im Wollkleid ist? Und als wäre das noch nicht genug, trägt die eigens für die Bregenzer Ausstellung gemachte Skulptur den Titel „The Critic“. Da geht man also herum, die Bereitschaft zum Verstehen wie einen Revolver im Anschlag, und dann so eine Abfuhr, von dem Geschöpf mit seiner Wanne auf dem Kopf über einer in Plastikfolie verpackten Blondfrisur, aus der haarige Puschel (aha, Gamsbärte) lugen. Eine Art Pinselohräffchen, kerzengrade aufgerichtet, in Schnürschuhen im Ausschreiten fixiert. Gut, dann eben keine Deutung, lieber Bedauern, noch lieber Lachen. Und es kann ja kein Zufall sein, dass in dem weiten Museumsraum unweit eine ziemlich heruntergewirtschaftete Staffelei steht - ein Bildchen, wie es manche Männer mögen, ist ihr angeheftet, Spinnweben hängen an ihr herum, vergammelte Farbtuben liegen im Fach, kein Gemälde steht auf dem gichtigen Gestell: „O-Ton, 2014, Mixed Media“ erläutert die Schrift an der Wand lapidar. Was ist das? Was bedeutet es? Da ist mal wieder einer nicht mit dem Malen fertig geworden?

          Auf den Zehenspitzen der Einbildungskraft

          Sie selbst, Rosemarie Trockel, hat die Bespielung der Leinwand mit dem Pinsel für sich ohnehin nie gewählt; Malerei betrachtet sie dann doch, mit einer gewissen Nachsicht, als eine historisch gut eingewachsene Männerdomäne. Weltbekannt geworden ist sie vor allem mit ihren „Strickbildern“, die sie stets von Maschinen fertigen ließ, und mit ihren an der Wand in die Vertikale aufgerichteten, schwarzen Elektroherd-Platten auf schneeweißem Emaillegrund. Die meisten dieser frühen Schöpfungen hat längst der Kunstmarkt freudig aufgenommen, und wo sie jetzt noch auftauchen, ist er ganz gierig nach ihnen und gibt viel Geld dafür. Währenddessen spinnt Trockel die Fäden ihrer Produktion unbeirrt weiter. Hierher gehören die neueren Wandarbeiten mit Wolle, einem ihrer Urmaterialien. Mit Acryl (was sonst?) gefärbtes Garn ist dafür nebeneinandergelegt zu Streifen und geometrischen Mustern, die Titel tun das Ihre, als klassisches „Ohne Titel“ oder auch „Hommage an D.B.“ - ein kleiner Gruß an den streifenseligen Kollegen Daniel Buren. Die Digitaldrucke, die in lockerer Hängung die Wände bedecken, folgen ebenfalls diesem Prinzip des Anschlusses an bestehende Werkgruppen, aber sie funktionieren auch ohne solches Wissen: Lustig wird es, wenn ein auf die Seite gekipptes Fotoporträt von Günter Netzer den Titel „Softmaschine“ trägt.

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