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Magnum-Fotoausstellung : Der Blick in die verdichtete Zeit

Virginia ,1963 Bild: Elliott Erwitt, Magnum Photos

Bilder als moralischer Appell: Eine Ausstellung in Berlin zeigt Magnum-Fotografien aus fünfzig Jahren. Sie hilft dabei, die Welt auch in Zukunft mit klarem Blick betrachten zu können.

          2 Min.

          Es lohnt sich immer, berühmte Fotografien wiederzusehen. Ein großes Bild verblasst ja nicht, es wird historisch, aber nie antiquiert. In diesem Sinn kann man die Ausstellung „Zeit-Zeug*innen“, die das Veranstaltungszentrum freiraum für fotografie in Berlin-Kreuzberg zeigt, ebenso als Retrospektive wie als Repetitorium verstehen: Als Wiederholung eines Bildwissens, das nicht verlorengehen darf, wenn wir die Welt auch in Zukunft mit klarem Blick betrachten wollen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es trifft sich, dass sämtliche Aufnahmen, die in Berlin zu sehen sind, von Fotografen der Agentur Magnum stammen. Nicht alle haben zu dem Zeitpunkt, als die Fotos entstanden, schon der Agentur angehört, aber jeder ist irgendwann der exklusiven Gemeinschaft beigetreten, die Robert Capa und Henri Cartier-Bresson mit zwei weiteren Kollegen nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet haben.

          Die Welt, wie sie war und ist

          Exklusiv deshalb, weil nicht der berufliche Erfolg, sondern ein Bewusstsein der Berufung, die sich damit verbindet, jene Gemeinschaft gestiftet hat und immer noch stiftet, der die Magnum-Fotografen angehören. Man könnte dieses Bewusstsein als Ethos des Visuellen oder praktizierte Menschlichkeit im technischen Medium bezeichnen, aber damit hätte man immer noch viel weniger gesagt, als jedes einzelne Bild der Ausstellung dem Betrachter mitteilt.

          Loyalistischer Soldat, Spanien, 1936

          Etwa in der Aufnahme, die der Brite Chris Steele-Perkins 1980 im Hungergebiet von Karamoja in Uganda gemacht hat. Man sieht die nackten Beine von Erwachsenen, die erkennbar bis auf die Knochen abgemagert sind, und daneben ein kauerndes Kind. Auf den ersten Blick scheint das Mädchen mit seinen dürren Ärmchen um Essen zu betteln, aber dann sieht man, dass es selbst für diese Geste zu schwach ist. Es hat die Hände unter den Kopf gelegt, um nicht umzufallen, um einen Rest von Würde zu bewahren in einer Situation, die alle entwürdigt, die an ihr teilhaben, auch jene, die nur zuschauen.

          Von diesem Foto ausgehend könnte man über die Körpersprache der Menschen auf anderen Bildern sprechen, über die Beine des Paares mit Pinscher, das Elliott Erwitt 1974 im New Yorker Central Park aufgenommen hat, oder die zum Steinwurf ausholenden Arme der Studenten auf Bruno Barbeys Aufnahme von den Pariser Unruhen des Jahres 1968. Man könnte über den Blick reden, mit dem eine Frau mit Hut auf der 1947 in Wien entstandenen Fotografie von Ernst Haas einem heimkehrenden Kriegsgefangenen ein Bild ihres vermissten Sohnes hinhält, oder über die zugeneigte Miene des Priesters, der während des Werftarbeiterstreiks 1980 in Danzig einem Mann auf der Straße die Beichte abnimmt.

          Friedensmarsch gegen den Vietnamkrieg, Washington D.C., 1967

          Aber das eigentliche Thema dieser Ausstellung wäre damit nur sehr grob umrissen. Das eigentliche Thema dieser Ausstellung ist die Verdichtung von Zeit – im Gesicht eines Menschen (wie Leo Trotzki, Marilyn Monroe oder Fidel Castro), in einer Bewegung (wie der des tschechischen Demonstranten, der im August 1968 vor dem sowjetischen Panzerfahrer, der ihm eine Maschinenpistole entgegen hält, seine Jacke aufreißt), einer Szenerie (wie dem Wohnzimmer in Leipzig, in dem auf Robert Capas Foto vom April 1945 ein toter Soldat in seinem Blut liegt) oder einer Landschaft.

          Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag, 1968

          Diese Verdichtung ist eine elementare Möglichkeit der Fotografie, aber sie gelingt nur den Besten des Metiers, und in diesem Gelingen steckt zugleich eine Bürde. Nur wenige Magnum-Fotografen sind so reich geworden wie ihre Kollegen der Mode- und Porträtfotografie, und viele haben Dinge erlebt, die sie lieber nie gesehen hätten. Aber dafür steckt in ihren Bildern auch ein moralischer Appell, den andere Fotos nie ausstrahlen werden. Diese Fotos zeigen nicht nur die Welt, wie sie war und ist, sie sehen uns auch an. Auch das erfährt man in dieser Berliner Ausstellung.

          Zeit-Zeug*innen. Ikonen des Bildjournalismus 1932 bis 1986. f³ – freiraum für fotografie, Berlin, bis 2. August. Kein Katalog.

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