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Die Hauptstadt im Gemälde : Himmel über Berlin, versilbert

Das Stadtmuseum Berlin zeigt eine Ausstellung mit Bildern der Hauptstadt aus drei Jahrhunderten. Sie ist Zeitreise und Raumpuzzle zugleich.

          Eduard Gaertners Gemälde „Die Königsbrücke mit den Königskolonnaden“ zeigt eine Hauptverkehrsader Berlins an einem Werktag. Ein Lastkarren, beladen mit Stoffballen, rollt aus der Stadt, eine Bäuerin mit einem Bündel auf dem Rücken ist auf dem Weg hinein. Ein kleines Mädchen beugt sich von der Brücke herab zum Wasser des Festungsgrabens, ein Junge droht ihm von oben mit einem Stock. Im Hintergrund stehen Passanten in Gruppen auf dem Pflaster, Frauen mit Hauben, Männer mit Hüten, ein Kutscher, ein Soldat. Ein Lehrling nutzt die Gelegenheit zu einer Arbeitspause. Es ist das Jahr 1835; drei Jahre zuvor hat der Berliner Magistrat die Kolonnaden aus der Zeit Friedrichs des Großen restaurieren lassen. Heute stehen sie im Schöneberger Kleistpark, und dort, wo die Brücke über den Graben führte, erhebt sich der Bahnhof Alexanderplatz.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Knapp hundert Jahre später malt Hans Baluschek den Molkenmarkt an einem Regentag. Jetzt bestreiten Straßenbahnen und Autos den Verkehr, die Linie 27 fährt von hier nach Tegel, ein Taxifahrer wartet auf Kundschaft. Noch aber ist genug Platz für die Fußgänger, für einen Packer, der eine Karre mit Kisten über die Gleise schiebt, ein Mädchen mit Obstkorb, einen Mann mit Zigarre, deren glühende Spitze einen roten Tupfer in die linke untere Bildecke setzt. Die Gründerzeitfassaden sind mit Werbetafeln bedeckt: „Lichtpausanstalt Elektra“, „Riethmüller Stoffe“. An einer Litfaßsäule steht „Cabaret“.

          Wie ein Gruß nach Paris

          Die Ausstellung mit Berlin-Bildern aus drei Jahrhunderten, die das Stadtmuseum Berlin im Ephraim-Palais zeigt, ist eine Zeitreise und ein Raumpuzzle. Man sieht, wie die Stadt aussah, während sie ihr Aussehen ständig veränderte, durch Industrialisierung, Landschaftsfraß, Bombenteppiche, Systemgrenzen. Und man sieht, wie sie angeschaut wurde: der gleiche Ort mit anderen Augen. Beckmanns Nollendorfplatz, Kirchners Nollendorfplatz, Lesser Urys Nollendorfplatz. Oder die Mauer, gesehen von Konrad Knebel, Karl Oppermann, Wolf Vostell, Roland Nicolaus und Rainer Fetting. Bei Knebel ist sie das tote Stück Stein am Ende der Straße, bei Nicolaus ein Gehege für Hasen. Vostell gießt sie in Beton, den er auf ein Foto vom Brandenburger Tor streicht, Fetting färbt sie himmelblau. Bei Trak Wendisch, der sich selbst mit Reisekoffer und hochgeschlagenem Mantelkragen auf einen nächtlichen Bahnsteig stellt, ist sie ein Phantom im Hintergrund. Wendischs Bild hat eine selten atmosphärische Magie: Es fasst die Stimmung seiner Zeit und des Ortes, an dem es entstand, Ost-Berlin 1983, in einem Augenblick zusammen. Das gelingt sonst nur Eduard Gaertner.

          Die Ausstellung beginnt im dritten Obergeschoss und führt stufenweise nach unten, von Gaertners Friedrichwerderschen Panoramen zu Karl Hofers „Ruinennacht“ von 1947 und Albrecht Gehses „Tränenpalast“ von 2004. Das tränkt den Gang durch die Säle mit Melancholie. Das Buch des Designers und Architekten August Endell, dem die Schau ihren Titel verdankt, sang vor dem Ersten Weltkrieg das Hohelied der Hauptstadt, „trotz aller häßlichen Gebäude, trotz des Lärmes, trotz allem, was man an ihr tadeln kann“. Die Bilder der Ausstellung sabotieren diesen Zweck auf subtile Art. Sie zeigen die Rückansicht, die nichtmetropolitane Seite der Metropole: das obsolete Bahnwerk Charlottenburg auf Conrad Felixmüllers Ansicht von 1934. Die leere Jannowitzbrücke, 1958, von Helmut Symmangk. Zwei Kinder in Regenmänteln auf Peter Herrmanns „Trüber Sonntag“ von 1987. Der Blick aus dem Fenster in eine feindliche Welt, den der „entartete“ Willy Robert Huth 1938 gemalt hat. Je näher man hinschaut, desto stärker tritt das Memento mori unter dem Farbenglanz hervor. Nur bei Lesser Ury ist die Großstadt noch das Glücksversprechen, das Endell gemeint hat. Das Regenwasser stiebt wie Gischt unter den Kutschenrädern, zwei Grazien mit Hut und Schirm schweben über den Asphalt, die Pferdebahn zieht den Blick des Betrachters mit sich in die Ferne. Ein Bild wie ein Gruß nach Paris.

          Der Kurator Dominik Bartmann hat die Ausstellung nicht chronologisch, sondern nach Stichworten gegliedert („Über den Dächern“, „Im Kiez“, „Baustelle Berlin“). Dabei hätte gerade die Chronologie eine eigene Geschichte erzählen können, etwa darüber, wie verschieden die Stadt in Ost und West erlebt wurde. Bei Harald Metzkes liegt die Knaakstraße im Prenzlauer Berg wie ein Traum vom Süden im Morgenlicht, bei Karl Horst Hödicke dagegen ist im gleichen Jahr 1974 „Der Himmel über Schöneberg längst versilbert“. Rainer Fetting malt 1995 das wiedervereinigte Berlin als großes Geschichtstheater aus Kränen und Türmen, während Wolfgang Peuker das braune „Wetterleuchten“ vor Speers auferstandener Reichskanzlei beschwört. Die geteilte Stadt hat geteilte Blicke hervorgebracht, so wie die Metropole des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Widerspruch von Industrialisierung und Biedermeier erwuchs, von Gaertners Idyllen und Borsigs Maschinenbau-Anstalt, die Karl Eduard Biermann 1847 als Tempellandschaft einer auf Dampf und Eisen gestützten neuen Erlösungsreligion malte. Berlin war seinen Künstlern immer eine Nasenlänge voraus. „Die Stadt sagt alles, was du denken sollst, und lässt es dich wiederholen“, heißt es in Italo Calvinos Buch über „Die unsichtbaren Städte“. Dabei wird es bleiben.

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