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„Imagine 68“ in Zürich : Das Napalm kommt aus der Schweiz

Hyperrealistisch gemalt, aber leider wahr: Franz Gertschs „Vietnam, 1970“, Acryl auf ungrundiertem Halbleinen. Bild: Landesmuseum Zürich

Vietnam, Pflastersteine und Revolte: Das Landesmuseum in Zürich erschließt die Welt von 1968 in seiner Ausstellung „Imagine 68. Das Spektakel der Revolution.“

          3 Min.

          Schweizer Uhren gehen anders, manchmal, so hat es den Anschein, etwas langsamer. Erst in diesem Herbst, aber bis ins nächste Jahr hinein befasst sich das Landesmuseum in Zürich mit der Epoche des weltweiten Protests; man musste einer Ausstellung in Bern den Vortritt lassen. Auch für die von den beiden Weltkriegen verschonte Schweiz war 1968 ein Aus- und Aufbruch. Brutal wurde sie damals aus ihrem „Schlaf des Gerechten“, wie es ein durchaus bürgerlicher Minister formulierte, gerissen; die „Globuskrawalle“ in Zürich erreichten durchaus das internationale Niveau der Gewalt und Repression.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das neutrale Land befand sich im Griff des Kalten Kriegs, Kritiker galten als Nestbeschmutzer, im Wiederholungsfall als Landesverräter, denen man die Reise „Moskau einfach“ empfahl. Napalmbomben, wie sie in Vietnam zum Einsatz kamen, wurden auch in der Schweiz gebaut – ein unscheinbares Exemplar hat seinen Weg in die Ausstellung von Juri Steiner und Stefan Zweifel gefunden. Die Existenz dieser Waffe für eine Armee, die damals den Status einer „heiligen Kuh der Eidgenossen“ hatte und nur im eigenen Land zu dessen Verteidigung zum Einsatz kommen sollte, muss damals ein militärisches Geheimnis gewesen sein.

          Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.

          Der Waffenhändler Bührle, der mit NS-Deutschland Geschäfte gemacht hatte und dessen einmalige Bildersammlung demnächst in das durch einen Anbau erweiterte Kunsthaus kommen wird, war in den Bürgerkrieg in Biafra involviert. Seine Kanonen sind das Emblem für die schweizerische Variante der Beziehung zwischen dem Weltkrieg und der Jugendrevolte, die in den europäischen Ländern ein Aufstand gegen die verdrängte Vergangenheit war.

          Der Rundgang beginnt mit dem Erklimmen einer hohen, breiten Treppe. Für ein Armeeflugzeug des Typs „Mirage“, dessen Beschaffung einen Skandal ausgelöst hatte, fehlte der Platz. Er reichte für zwei acht Meter lange Bloodhound-Raketen, die den Besucher beim Aufstieg von oben begrüßen. Man kommt an einem kleinen Fernseher vorbei, über dessen Bildschirm die Haarschnitt-Szene aus Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“ flimmert: Die ins Alter gekommenen Achtundsechziger fühlen sich, wie manche Reaktionen und auch Diskussionsteilnehmer der Rahmenveranstaltungen bezeugen, heimisch in dieser Retrospektive.

          Von der Bibliothèque Nationale in Paris haben Zweifel und Steiner das Originalmanuskript von Guy Debords Schrift „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1967) bekommen; sie mündet in die Forderung nach einer Revolution. Schon in ihrem Titel bekennen sich die Kuratoren, Jahrgang 1967 und 1968, zu Debords Einfluss auch auf ihre Darstellung der Epoche: „Imagine 68. Das Spektakel der Revolution“.

          Wie die Welt 1968 tickte

          Der Historiker Jakob Tanner, Achtundsechziger, zitiert Debord in einer hymnischen Rezension der Ausstellung in der Online-Zeitung „Republik“: „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen. Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen.“ Steiner und Zweifel rekonstruieren „1968“ als Puzzle.

          Der legendäre Züricher Anwalt Franz Schuhmacher stellte Akten der Globus-Prozesse zur Verfügung. Franz Gertschs Bild „Vietnam, 1970“ ist zu sehen. Ausgestellt sind Dokumente des „Zürcher Manifests“, dem die bedeutendsten Intellektuellen der Zeit, darunter Max Frisch, angehörten. Auf einer Wandzeitung die Forderung: „Donald for President“ – es ist die gezeichnete Ente. Dem „Pflasterstein“ wird gehuldigt. Die Rockerbande der „Hells Angels“ war links, man sieht sie auf ihren Maschinen vor dem Pornokino. Ingrid Steeger ist auch da. Die Mondlandung. In einem kleinen Säckchen steckt Asche von Timothy Leary, dem Theoretiker der Bewusstseinserweiterung durch Drogen. Mit einer Leerlauf-Maschine von Jean Tinguely werden Bierflaschen zur Explosion gebracht.

          In einem Begleittext – einen Katalog gibt es leider nicht – wird 1968 als „kurzer Sommer der Anarchie“ beschrieben. Er wurde zur „Chiffre einer Generation“, deren „Sound und Gefühl“ die Ausstellung vermittelt. Französische Veranstaltungen zum Protestjahr waren sehr stark auf den Mai 68 als Revolution bezogen und klammerten Aspekte wie den Vietnam-Krieg oder die Popmusik aus. Juri Steiner und Stefan Zweifel inszenieren zum Ausgang des Protestjahrs keine Schweizer Nabelschau mit Nostalgiebonus, sondern eine reiche und intelligente Ausstellung, die ein Panorama der Epoche entfaltet und zeigt, wie die Welt 1968 tickte und die Weichen für ihre Veränderung stellte.

          Imagine 68. Das Spektakel der Revolution. Im Schweizer Landesmuseum, Zürich; bis zum 20. Januar 2019. Kein Katalog.

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