https://www.faz.net/-gqz-9wnx0

Vitra Design Museum : Purer Wohnsinn

  • -Aktualisiert am

Lina Bo Bardi, Casa de Vidro, São Paulo (1951) Bild: Nelson Kon

Früher war mehr Lebensprojekt: Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet sich der Wohnkultur: Eine Reise durch hundert Jahre „Home Stories“.

          4 Min.

          Spätestens seitdem es Breitband-Internetzugang in fast jeder Behausung gibt, ist das „Wohnen“ in eine Krise geraten: Während das Wohnzimmer – weil junge Leute kaum mehr fernsehen – seine Bedeutung als Medien-Raum verloren hat, wird vermehrt im Bett liegend am Laptop geschaut, gelebt und gearbeitet. Der Saugroboter zieht derweil einsam seine Runden, der Bewegungsmelder schaltet das Licht aus, und Alexa hat einen Boten bestellt, der warme Speisen aus dem benachbarten Restaurant bringt, das sich für einkehrende Gäste seit dem Aufkommen der Lieferdienste nicht mehr interessiert. In freien Momenten bringt die Online-Kurzzeitvermietung der Wohnung einen willkommenen Mietzuschuss zur teuren Kleinwohnung.

          Für die möglichst attraktiven Anzeigenfotos darf die Wohnung nicht zu individuell sein. Die Erb-Möbel sind einstweilen im „Self-Storage“-Container eingelagert, und Freunde trifft man im Café, das wohnzimmerartig warm gestaltet ist. Gekocht wird nur noch im Fernsehen. Billigflüge und Sharing-Plattform erlauben jederzeit günstige Eskapaden. Der Arbeitsplatz ist im Gegenzug wohnlich geworden, mit Sofa und Holzmöbeln ausgestattet und lässt die vielen Überstunden vergessen, die nach dem abendlichen Pizza-Essen mit Kollegen noch anfallen. Die Lage der Wohnung ist entscheidender als ihre Ausstattung. Mit schicken Eames-Möbeln lässt sich nicht mehr angeben.

          Etwa siebenundachtzig Prozent ihrer Lebenszeit verbringen Europäer in Interieurs, einen ernsthaften Diskurs über Wohn- und Einrichtungskultur gibt es dennoch nicht. Das möchte das Vitra Design Museum in Weil am Rhein ändern und lässt in einer Tour d’Horizon hundert Jahre Wohnkultur in einer ambitionierten Ausstellung Revue passieren.

          Noritaka Minami, A504 I (Nakagin Capsule Tower), Tokio (2012)

          Neben gut kanonisierten Höhepunkten der großbürgerlichen Wohnkultur wie den Villen von Ludwig Mies van der Rohe, Adolf Loos oder Josef Frank vom Anfang des Jahrhunderts haben die Kuratoren einige interessante Überraschungen entdeckt: Das Verschwinden der Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben führen die Kuratoren beispielsweise auf die Loftwohnung zurück, wie Andy Warhol sie mit seiner legendären Silver Factory 1967 in New York ersonnen hat. Zur gleichen Zeit experimentierte in Paris Claude Parent mit dem „vivre à l’oblique“, dem Leben auf und im Schrägen. Seine Wohnung in Neuilly-sur-Seine stattete Parent durchgehend mit schrägen Ebenen aus, die als Sitzgelegenheiten, zum Essen, Arbeiten und als Liegen gleichzeitig genutzt wurden.

          Interieur spiegelt Wandel

          Die gesellschaftlichen, politischen und natürlich auch technischen Veränderungen der letzten hundert Jahre spiegeln sich im privaten Interieur. Die Veranschaulichung der Umbrüche anhand von zwanzig Beispielen, wie die Schau sie wagt, kulminiert in Arno Brandlhubers „Anti-Villa“ bei Potsdam von 2014, die zeigt, dass zum Umbau einer ehemaligen Fabrik zum Wohnraum heute schlichte textile Raumteiler und Secondhandmöbel genügen können.

          Auch quietschbunte Kleider auf schiefer Ebene von Maison Parent (1973/74) sind Teil der Ausstellung.

          Vom „heroischen“, aber auch übergriffigen Gestalter, der Rezepte für ein „schöneres Wohnen“ verteilt, sind derlei Projekte meilenweit entfernt. Unwillkürlich komisch wirkt in der Schau der direkte Vergleich des „Hauses der Zukunft“, das die beiden britischen Architekten Peter und Alison Smithson für die Londoner „Ideal Home Exhibition“ 1956 mit neuesten Materialien, Küchengeräten und selbstreinigendem Bad entwarfen, und Jacques Tatis Villa Arpel in dem Film „Mon Oncle“ von 1958, einer aseptischen und eigenmächtigen Wohnmaschine, die sich ihre Bewohner gefügig macht. Diese Vorstellung von modernem Wohnen ist unwiderruflich passé, sie wird als bourgeoises Korsett verstanden. Innenarchitektur als elitäres Zubehör der sozialen Repräsentation wird von Gestaltungen abgelöst, deren alleiniges Ziel es ist, Wohlgefühl zu befördern, und die allein vom Nötigen und Erhältlichen ausgehen. Zeitgenössische Innenraumgestaltungen befreien von Nippes, Hausarbeit und Konvention zugleich.

          Wohnst du noch oder lebst du schon im Jahr 1974

          Die Vorstellung, die Wohnung sei nur ein Refugium vor der Welt, stammt aus Japan, wo die Urbanisierung ungleich ausgeprägter ist als im Westen und folgerichtig die moderne Wohnkapsel ersonnen wurde, die allen Komfort bietet und rein gar nichts mehr. Nichtmöblierte Interieurs sind heute en vogue. Das Bestreben, aus einem Interieur ein Gesamtkunstwerk zu machen, wurde eingestellt. Dafür ist die Kunstform der Innenraumgestaltung wohl auch zu ephemer. Unter den Millennials herrscht Unlust, aus dem eigenen Heim ein Lebensprojekt zu machen.

          Finn Juhl Haus, Ordrup, Dänemark (1941)

          Der homo movens bevorzugt den Dauertourismus und braucht kein „Zuhause als Selbstdarstellung“. Möbel sind in dem Zusammenhang oft nur kurzlebige Konsumgüter. Der „Flur-Grundriss“, wie er Millionen von Wohnungen in Deutschland prägt, scheint deshalb ebenso obsolet wie Nobelküche und Wohnzimmer. Das Zuhause soll aussehen und funktionieren wie ein Boutique-Hotelzimmer. Das war einmal anders. Das beweisen die beiden Höhepunkte der Schau: Karl Lagerfelds Wohnung in Monte Carlo, die er in den Achtzigern im überbordend-postmodernen Memphis-Stil gestalten ließ, und Verner Pantons „Phantasy Landscape“ von 1970, ein höhlenartiger Wohntunnel aus psychedelischen lila Polsterelementen, in dem Besucher der Ausstellung dem Zeitgeist ihrer Jugend frönen können.

          Tempel des Stils: Karl Lagerfelds Apartment in Monte Carlo mit Entwürfen von „Memphis“, um 1983

          Die ausgestellte Reise durch die jüngere Geschichte des privaten Wohnens wirft Fragen nach der Produktion auf: Die Schau krönt Elsie de Wolfe, die 1913 das Buch „The House in Good Taste“ verfasste, zur ersten Einrichtungsgestalterin der Welt. Ihre neobarocken Interieurs sollten die gehobene Identität der Bewohner aus dem amerikanischen Geldadel darstellen. Seit den Fünfzigern aber wurde der Typus der „Dekorateurin“ zunehmend von akademisch ausgebildeten, oft männlichen „Designern“ ersetzt. Mit dem millionenfachen Aufkommen bezahlbarer Hypotheken in der angelsächsischen Welt wurde das Haus zum „Finanzinstrument“. Der Berufsstand der Architekten hat sich das Sujet weitgehend aus der Hand nehmen lassen, auch wenn Architekten gleichzeitig begannen das Möbeldesign zu dominieren.

          Im digitalen Zeitalter änderte sich nicht nur der Wohngeschmack, sondern auch die Medien, mit deren Hilfe er kommuniziert wird. Heute ist die Wohnung mehr Ware als Inszenierung. Möblierung folgt den Gesetzen der „Fast Fashion“ und versteht sich nicht mehr als Akkumulierung von kulturellen Sedimenten. Erst wenn Hersteller gezwungen würden, Altmöbel zurückzunehmen, könnten sie motiviert werden, wieder Langlebigkeit zum Ziel zu machen und so Müll zu vermeiden oder Möbel zum Mieten anzubieten. Die pneumatischen Plastik-Objekte, die man in den Siebzigern liebte, waren „einfach keine gute Idee“, stellte der italienische Gestalter der Ausstellung, Joseph Grima, anlässlich der Vernissage trocken fest. Dem „fehlgeleiteten Optimismus der siebziger Jahre“ folgt nun der Klima-Kater und nährt eine weitverbreitete Technik-Skepsis. Für Grima bestimmt in der Surveillance-Ökonomie allein die Daten-Ernte den Wert einer Immobilie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Altbundeskanzler Gerhard Schröder (r, SPD) mit Bela Anda, seinem früheren Regierungssprecher, in seiner Anwaltskanzlei bei der Aufzeichnung seines neuen Podcasts

          Liveblog zum Coronavirus : Schröder zu Protesten: „Idioten gab es immer“

          Bundesregierung und Lufthansa sollen sich auf milliardenschwere Staatshilfen geeinigt haben +++ 147 Schlachthof-Mitarbeiter in den Niederlanden infiziert +++ RKI vermeldet 289 Neuinfektionen und 10 Tote in Deutschland +++ Amerika verhängt Einreisebeschränkungen gegen Brasilien +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
          Aufgeheizte Stimmung: Demonstrationen in Frankfurt gegen die Corona-Verordnungen (Symbolbild).

          Folgen der Corona-Regeln : Die große Gereiztheit

          Die Corona-Beschränkungen erscheinen vielen als willkürlich oder übertrieben. Manche sind es auch. Doch im Kampf gegen die Pandemie braucht es Regeln, auch wenn sie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft auf eine harte Probe stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.