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Vitra Design Museum : Purer Wohnsinn

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Wohnst du noch oder lebst du schon im Jahr 1974

Die Vorstellung, die Wohnung sei nur ein Refugium vor der Welt, stammt aus Japan, wo die Urbanisierung ungleich ausgeprägter ist als im Westen und folgerichtig die moderne Wohnkapsel ersonnen wurde, die allen Komfort bietet und rein gar nichts mehr. Nichtmöblierte Interieurs sind heute en vogue. Das Bestreben, aus einem Interieur ein Gesamtkunstwerk zu machen, wurde eingestellt. Dafür ist die Kunstform der Innenraumgestaltung wohl auch zu ephemer. Unter den Millennials herrscht Unlust, aus dem eigenen Heim ein Lebensprojekt zu machen.

Finn Juhl Haus, Ordrup, Dänemark (1941)

Der homo movens bevorzugt den Dauertourismus und braucht kein „Zuhause als Selbstdarstellung“. Möbel sind in dem Zusammenhang oft nur kurzlebige Konsumgüter. Der „Flur-Grundriss“, wie er Millionen von Wohnungen in Deutschland prägt, scheint deshalb ebenso obsolet wie Nobelküche und Wohnzimmer. Das Zuhause soll aussehen und funktionieren wie ein Boutique-Hotelzimmer. Das war einmal anders. Das beweisen die beiden Höhepunkte der Schau: Karl Lagerfelds Wohnung in Monte Carlo, die er in den Achtzigern im überbordend-postmodernen Memphis-Stil gestalten ließ, und Verner Pantons „Phantasy Landscape“ von 1970, ein höhlenartiger Wohntunnel aus psychedelischen lila Polsterelementen, in dem Besucher der Ausstellung dem Zeitgeist ihrer Jugend frönen können.

Tempel des Stils: Karl Lagerfelds Apartment in Monte Carlo mit Entwürfen von „Memphis“, um 1983

Die ausgestellte Reise durch die jüngere Geschichte des privaten Wohnens wirft Fragen nach der Produktion auf: Die Schau krönt Elsie de Wolfe, die 1913 das Buch „The House in Good Taste“ verfasste, zur ersten Einrichtungsgestalterin der Welt. Ihre neobarocken Interieurs sollten die gehobene Identität der Bewohner aus dem amerikanischen Geldadel darstellen. Seit den Fünfzigern aber wurde der Typus der „Dekorateurin“ zunehmend von akademisch ausgebildeten, oft männlichen „Designern“ ersetzt. Mit dem millionenfachen Aufkommen bezahlbarer Hypotheken in der angelsächsischen Welt wurde das Haus zum „Finanzinstrument“. Der Berufsstand der Architekten hat sich das Sujet weitgehend aus der Hand nehmen lassen, auch wenn Architekten gleichzeitig begannen das Möbeldesign zu dominieren.

Im digitalen Zeitalter änderte sich nicht nur der Wohngeschmack, sondern auch die Medien, mit deren Hilfe er kommuniziert wird. Heute ist die Wohnung mehr Ware als Inszenierung. Möblierung folgt den Gesetzen der „Fast Fashion“ und versteht sich nicht mehr als Akkumulierung von kulturellen Sedimenten. Erst wenn Hersteller gezwungen würden, Altmöbel zurückzunehmen, könnten sie motiviert werden, wieder Langlebigkeit zum Ziel zu machen und so Müll zu vermeiden oder Möbel zum Mieten anzubieten. Die pneumatischen Plastik-Objekte, die man in den Siebzigern liebte, waren „einfach keine gute Idee“, stellte der italienische Gestalter der Ausstellung, Joseph Grima, anlässlich der Vernissage trocken fest. Dem „fehlgeleiteten Optimismus der siebziger Jahre“ folgt nun der Klima-Kater und nährt eine weitverbreitete Technik-Skepsis. Für Grima bestimmt in der Surveillance-Ökonomie allein die Daten-Ernte den Wert einer Immobilie.

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