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Arabische Künstlerinnen : Kreativität heißt Widerstand

  • -Aktualisiert am

West-östliche Diven: Das Museum Marta in Herford zeigt Werke von Künstlerinnen aus dem arabisch-persischen Raum, die mit einigen Erwartungen brechen.

          „Es ist ein Spiel, das euer Schicksal verändern wird!“ Eine männliche Stimme feuert im reißerischen Ton eines Sportkommentators junge Männer und Frauen an, die in zwei Teams in roten und blauen Superhelden-Capes jubelnd durch schmale Gassen ziehen und sich auf einem großen Platz versammeln. Angeführt wurden sie von einer Frau, hinter der ein goldfarbener Umhang herflattert: die „Super-Tunisian“. Sie ruft zur Schaffung einer „Super-Constitution“ auf, einer Super-Verfassung für einen Super-Staat. Lauthals und unter grölendem Beifall fordern die Mannschaften Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau. Im Hintergrund erklingen triumphal Schiller und Beethoven mit „Freude, schöner Götterfunken ...“.

          Doch dann stürmen Störer den Platz, das Match muss, wie „Super-Tunisian“ verkündet, in die Verlängerung gehen. Für zwei Jahre – es ist eben keine ganz einfache Sache mit so einer Super-Verfassung. Vor allem dann nicht, wenn die wichtigste Spielregel lautet: „Gewinne oder verliere, aber immer im Rahmen der Demokratie“.

          Voller Neugierde auf weitgehend unbekanntem Terrain

          Im wirklichen Leben heißt die tunesische Superwoman Moufida Fedhila. Die Monty-Python-artige Performance, die die Künstlerin 2012 in den Straßen von Tunis filmen ließ, ist ein ironischer Kommentar auf die Diskrepanz zwischen den hochfliegenden Hoffnungen vor dem Arabischen Frühling und den bitteren Realitäten danach, auf die Schwierigkeiten, demokratische Strukturen in Ländern zu etablieren, die immer Autokratien waren.

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          Fedhila ist eine von neun Frauen, deren Werke im Museum Marta Herford in einer Ausstellung über „Künstlerinnen aus dem arabisch-persischen Raum“ gezeigt werden. Sie stammen aus dem Irak, Iran, dem Libanon, aus Libyen, Jordanien, Algerien, Tunesien, die meisten leben allerdings in den Vereinigten Staaten, Europa und Kanada oder pendeln zwischen Orient und Okzident. Voller Neugierde betritt der westliche Besucher weitgehend unbekanntes Terrain: Was haben diese Frauen wohl zu sagen, die aus Ländern kommen, in denen patriarchale Strukturen herrschen, in denen sie nur eingeschränkte Rechte haben und die ständig von Kriegen erschüttert sind?

          Rote Linien, die sich bis tief ins Privatleben ziehen

          Sechs tunesische Nationalflaggen stecken, wie in einer Militärparade heroisch hintereinandergestaffelt, in einer Wand – Moufida Fedhila macht auch Installationen. Ihren feuerroten Fahnen in Herford ist das wichtigste Merkmal abhandengekommen: in der Mitte des Stoffes klafft ein Loch, der Kreis aus Halbmond und Stern liegt auf dem Boden. Darüber ist eine Munitionskiste montiert. „Material of self-destruction, do not open“, steht darauf. Der bezeichnende Titel der zynischen Arbeit: „In you we trust“.

          Ähnlich demonstrativ-politische Werke zeigt Morehshin Allahyari aus Iran, die seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebt. Von ihr sind kleine Skulpturen zu sehen, ausgespuckt von einem fleißigen 3D-Drucker. Zum Beispiel: ein Hund, der einen Dildo um den Bauch geschnallt hat, auf dessen Ende eine Satellitenschüssel sitzt. Das Objekt, so die Künstlerin, erzähle eine „Geschichte vieler roter Linien“, die sich bis tief ins Privatleben ziehen: 1994 wurde in Iran das Satellitenfernsehen verboten, Sexspielzeug ist ohnehin tabu, Hunden trachtet man nach dem Leben, ihren Besitzern drohen Strafen, da das Tier in der muslimischen Tradition als unrein gilt.

          Widerständig – auch gegenüber Erwartungen westlicher Betrachter

          Ganz anders sind die Arbeiten der 1973 geborenen palästinensisch-irakischen Sama Alshaibi. Sie zeigt großformatige mystisch-kontemplative Fotos und Videos, in denen oft sie selbst, in traditionelle Gewänder gehüllt, in Landschaften zu sehen ist, die man sich gut in einem „Geo“-Magazin vorstellen könnte: unendliche Wüsten, Sonnenuntergänge, rauschendes Meer, Flüsse, weite Himmel, Oasen. Dazu Federn und flüchtige Linien im Sand, vom Winde verweht. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich, dass auch in Alshaibis so ästhetisch-poetischen Arbeiten kritische Töne mitschwingen. Sieben Jahre lang reiste sie durch die Länder des Nahen Ostens und andere muslimisch geprägte Gegenden. Ihre Bilder zeigen vielfach fragile, durch Umweltzerstörung gefährdete Orte, etwa ausgetrocknete Salzseen, Oasen, die verdorren, oder die Malediven, die durch die zunehmende Erderwärmung im Meer zu ertrinken drohen.

          Ebenfalls mit dem Medium Fotografie arbeitet Arwa Abouon aus Libyen. Von ihr sind in Herford mehrere Bildpaare zu sehen, Diptychen, in denen sie West und Ost verbindet. Ein Werk zeigt ihre Eltern im Profil. Die Kleidung und der eindimensionale Hintergrund sind mit einem schwarz-weißen Muster überzogen, das an Ornamentkunst ebenso erinnert wie an westliche Op-Art. Die Frau im Hidschab steht über dem Mann, hält seinen Hals zwischen den Händen und küsst ihn zärtlich auf die Stirn. Ein feministisches Statement? Wer den nahezu identischen zweiten Teil des Werks betrachtet, auf dem die Rollen vertauscht sind, dem wird schnell klar, dass es hier um etwas ganz anderes geht: um eine liebevolle, gleichberechtigte Partnerschaft.

          Die Schau in Herford erzählt – anders, als man es vielleicht erwartet hätte – wenig vom Frausein, von Rollen und Rollenbildern, von weiblicher Unterdrückung oder feministischer Auflehnung. Sie präsentiert vielmehr neun starke Künstlerinnen, die sich ganz selbstverständlich einmischen, deren Werke schön sind und zugleich widerständig – manchmal auch gegenüber Erwartungen westlicher Betrachter. Der gemeinsame Nenner ist nicht der ohnehin extrem weit gefasste geographische Raum, aus dem die Frauen kommen. Es ist vielmehr jener Satz, den Moufida Fedhila ans Ende ihres „Super-Tunisian“-Videos gestellt hat: „To create is to resist“ – Kreativität heißt Widerstand.

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