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Ausstellung im Louvre-Lens : Herzdamen auf dem Geschichtsspielbrett

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Alles ein Stoff der Natur: Die Ausstellung „Amour“ im Louvre-Lens führt durch zweitausend Jahre Kulturgeschichte der Liebe. Dabei oft im Mittelpunkt: Die sich verändernde Rolle der Frau.

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          Gibt es ein umfassenderes, in der Menschheitsgeschichte zentraleres Thema als die Liebe? Die Frage bleibt rhetorisch – nicht einmal ihr ebenso fataler Gegenpol Thanatos kann mithalten. Seit es künstlerische Zeugnisse gibt, stellen alle Kulturen das unstreitige Herzstück menschlichen Empfindens in den Mittelpunkt des schöpferischen Ausdrucks. Gleichzeitig ist alles, was sich um die Liebe als Emotion rankt, Sexualität und das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Mann und Frau, bezeichnend für die jeweilige Kulturepoche.

          Die Ausstellung „Amour“ im Louvre-Ableger im nordfranzösischen Städtchen Lens muss ihren ambitionierten Gegenstand notwendig eingrenzen. Sie konzentriert sich, nach einem Vorspann zum Altertum, auf das christliche Abendland und führt in sieben Kapiteln bis ins zwanzigste Jahrhundert. Der Untertitel „Eine Geschichte der Formen der Liebe“ möchte auf die ausdrücklich subjektive Perspektive der Kuratoren Zeev Gourarier und Dominique de Font-Réaulx verweisen, die aus dem extrem reichen Schatz der ikonographischen Möglichkeiten etwa 250 Werke ausgewählt haben. Vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet, ist diese zugleich thematisch und zeitlich linear organisierte Auswahl ein Genuss. Es werden einige Meisterwerke gezeigt, und die Fülle der Liebes-„Positionen“ ist faszinierend, denn der Besucher läuft zugleich durch die Kunstgeschichte wie durch eine Gesellschafts- und Sittengeschichte.

          Die Frau als Quelle des Leids und der Sünde

          Der Louvre-Lens eröffnete vor fast sechs Jahren und kann für seine temporären Ausstellungen neben dem festen Bestand aus dem Fundus des Pariser Mutterhauses schöpfen – hier etwa ein Drittel der Exponate. Schon der erste Saal bietet einen beeindruckenden Einstieg in die Materie: die ewige Liebe in Stein gemeißelter Paare aus dem Altertum. Welche ruhige Einigkeit strahlt das Paar aus Mesopotamien aus, das etwa vor viertausend Jahren skulptiert wurde. Youyou, ein ägyptischer Schatzmeister, und seine Frau Tiy ließen sich vor mehr als dreitausend Jahren Arm in Arm sitzend für eine Grabstele darstellen.

          Sobald jedoch die griechische Antike durch eine das Patriarchat befestigende Mythenbildung die Pfeile ihres Eros abschießt, scheinen die Liebesbeziehungen aus dem Gleichgewicht zu geraten. Der Götterwelt steht ein donnernder Zeus vor, und Aphrodite entsteigt schaumgeboren dem Meer und nicht etwa einem Mutterleib. Die erste Frau, die Zeus kreiert, wird von Hephaistos aus Lehm geknetet: Pandora, die dem bekannten Mythos nach die unheilvolle Büchse öffnet und damit für alles Leid in der Welt verantwortlich ist.

          Mit Eva, aus Adams Rippe geschnitten, tritt die christliche Variante des Sündenfalls und der Frau als Versucherin auf die Bühne der Menschheitsgeschichte (hier in einer Version von Giuseppe Porta), gefolgt vom jahrhundertelangen Cortège der Misogynie im Abendland. Für die Kunst sind das weite, ausschweifend bearbeitete Themenfelder. Andere verräterische Verführerinnen wie Delila in der biblischen Geschichte von Samson und Delila – gezeigt wird das Gemälde von Il Guerchino – vervollständigen das erotisiert schauerliche Frauenbild, das von Warnschriften zum Thema „Die unvollständige Frau“ oder „Die Bosheit der Frau“ (achtzehntes Jahrhundert) auch intellektuell bearbeitet wird.

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