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Ausstellung im Gabriele-Münter-Haus : Wie Murnau die Kunst des Aussteigens lehrt

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Das Gabriele-Münter-Haus zeigt zehn bisher unbekannte Gemälde: Was wurde aus der Künstlerin, als sie 1931 ohne Kandinsky nach Murnau zurückkehrte?

          Strahlender Sonnenschein in Murnau, als das Zauntürchen des Gabriele-Münter-Hauses aufgerissen wird und wir uns als eine Springflut von Journalisten über die Gartenkieswege ergießen. Für das Haus, in dem die Malerin zusammen mit Wassily Kandinsky lebte, sind wir eigentlich zu viele.

          Gäste wurden hier in der Geschichte häufig empfangen, darunter Sammler, Galeristen, die Künstlerkollegen Jawlensky, Werefkin, Marc oder der Komponist Schönberg. Sie alle kamen jedoch, im Gegensatz zu uns, nacheinander. Und darum ächzt die Treppe, als wir uns ins Haus zwängen, es knarzen die Balken, mit angehaltenem Atem steht man in den bunten Zimmern, vorsichtig, reglos, aus Angst, gleich rückwärts ins Bett zu fallen oder vorwärts auf die Kommode zu kippen.

          Der Pilgerort zu einem Traum

          Was also gibt es Neues im Münter-Haus zu sehen? Zehn neue Bilder von Münter werden der Öffentlichkeit vorgestellt, sie stammen aus den dreißiger und vierziger Jahren. Das Münter-Haus erzählt von dieser Woche an zwei Geschichten. Die erste und berühmteste Geschichte lautet nach wie vor: In dieses Haus zogen Gabriele Münter und ihr Lebensgefährte Wassily Kandinsky im Juli 1909, nachdem sie ein Jahr zuvor zum ersten Mal gemeinsam nach Murnau gekommen waren und bald darauf entschieden, an diesem Ort die Sommermonate zu verbringen. Das Paar war, wie Münter sich später erinnert, entzückt und beeindruckt von der Fülle der Ansichten, dem Nebeneinander von „See und Hochgebirge“, von „Hügelland und Moos“.

          Was folgte, kann man heute in Museen von München bis New York bewundern: Von Murnau aus wurde die Vereinigung „Der Blaue Reiter“ gegründet, am gleichnamigen „Almanach“ gearbeitet, der Programmschrift der Gruppe. In Murnau fanden Münter und Kandinsky zu ihrem neuen Stil, zu den Kontrastfarben, dem flächigen Farbauftrag, den dunklen Umrisslinien. Der Expressionismus des „Blauen Reiters“ begann.

          Was auch noch zu dieser ersten Geschichte gehört: Das Münter-Haus ist mehr als nur ein Denkmal für den „Blauen Reiter“, es ist ein Pilgerort zu einem Traum, einer Utopie. Was Münter und Kandinsky 1909 taten, nämlich auszusteigen, wenigstens in den Sommermonaten, sich ein schlichtes Häuschen zu kaufen und es selbst zu gestalten, davon träumt wahrscheinlich jeder einmal.

          Münter kehrte zurück

          Vor allem Münters Bilder lernt man in diesem Haus wie eine Anleitung zum Aussteigertum zu lesen: Das Paar hatte das gesamte Haus bemalt, von außen, von innen, die Treppe, das Bett, die Kommode, den Toilettenschrank. Und Münter malte das bemalte Haus nun wieder in ihren Bildern. Sie verdoppelte die Malerei, bis sie Schicht für Schicht zu einer zweiten Realität wurde, bunt, glühend, wie ein Kokon, der das Leben der beiden umgab. „Interieur in Murnau“ heißt eines dieser Bilder von 1910. Durch einen blauen Türrahmen sieht man Wassily Kandinsky im Murnauer Bett liegen, ohne Brille und im weißen Nachthemd.

          In einer Ecke, vor grünen Wänden, steht das weiße Toilettenschränkchen, das Kandinsky für Münter bemalt hatte. Er, der immer darauf bedacht war, als originellster Kopf der Gruppe zu gelten, verewigte sich selbst als Reiter darauf, er prescht voran, ihm galoppiert eine blaue Reiterin hinterher, gemeint ist Gabriele Münter. Er wendet sich nach ihr um, winkt, feuert sie an. „Manchmal“, schrieb Münter später, „hat mich dieser Scherz geärgert, weil er unwahr ist – denn er wandte sich nie um und sagte nie ,Komm mit‘.“

          Mit dieser Enttäuschung über Kandinsky beginnt die zweite Geschichte. Das Künstlerduo blieb bis zum Ersten Weltkrieg in Murnau. Dann mussten beide überstürzt abreisen, da Kandinsky – wie auch Werefkin und Jawlensky – als Angehörige einer „Feindesmacht“ nicht mehr in Deutschland bleiben durften. Das Paar ging in die Schweiz und trennte sich dort im November. Kandinsky sah Murnau nie wieder. Münter aber kehrte zurück, von 1931 an wohnte sie wieder fest im blau-weißen Haus, bis zu ihrem Tod 1962.

          Die Geschichte wird zu Ende erzählt werden

          Was wurde aus dem Aussteiger-Traum? Was aus der Kunst? Diese zweite Geschichte des Hauses zeigt nun der ehemalige Musikraum mit den zehn Bildern, die zum allerersten Mal gezeigt werden. Münter malte den Garten, die Blumen, die sie häufig ein wenig vergrößerte wie in dem Stillleben „Gras“ von 1939. Sie malte, verkleinert wie Spielzeuglandschaften, wie sich Murnau veränderte, etwa die „Baustelle an der Olympiastraße“. 

          Das Bild entstand 1935, im Nationalsozialismus, als Baustellen zum Lieblingsgenre in der Kunst des neuen Regimes aufstiegen. Malte Münter Baustellen, um den Nationalsozialisten zu gefallen? Oder weil sie festhalten wollte, wie Murnau zerhackstückt wurde? Das Bild war 1936 Teil der Ausstellung „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“. Danach verschwand es im Depot. Wie Münter im Nationalsozialismus lebte und arbeitete, sei bisher wenig erforscht, sagt die Kuratorin Isabelle Jansen vom Münter-Haus.

          Um die sechshundert Bilder entstanden in den dreißiger Jahren. In drei Jahren soll es eine Retrospektive im Münchner Lenbach-Haus geben. Dann wird die zweite Geschichte, die das Münter-Haus mit der Neupräsentation nun zu erkunden begonnen hat, ganz erzählt.

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