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Ausstellung in Frankfurt : Plötzlich sah die Neue Heimat alt aus

Sommer, Sonne und Beton: In der Selbstdarstellung der Neuen Heimat warfen die Hochhäuser helle Schatten, wie hier in Darmstadt-Kranichstein. Bild: Hamburgisches Architekturarchiv

Wie viel Zukunft steckt im Geschäftsmodell der Gemeinwirtschaft? Die Ausstellung „Neue Heimat“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt macht wenig Hoffnung.

          3 Min.

          „Neue Heimat“, der Name für das größte Wohnungsunternehmen der deutschen Geschichte, ist ideologisch enorm anschlussfähig. Unter den Nationalsozialisten geprägt, wurde er von den sozialdemokratisch beherrschten Gewerkschaften im Nachkriegsdeutschland übernommen, nachdem ihnen die entsprechenden Wohnungsbestände von den Alliierten übertragen worden waren. Im Adjektiv „Neue“ klang die modernistische Aufbruchstimmung der Weimarer Jahre an, in „Heimat“ spiegelte sich die konservative Heimatschutzbewegung wider.

          Matthias Alexander

          Redakteur im Feuilleton.

          Insgesamt rund 480.000 Wohnungen entstanden unter der Ägide der Neuen Heimat dann in den Jahren 1950 bis 1982. Die meisten sind bis heute bewohnt. Grund genug, die Geschichte der Neuen Heimat in einer Ausstellung aufzuarbeiten, die nach Stationen in München und Hamburg nun im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu sehen ist.

          Die Ausstellung selbst kommt bieder daher. Sie stellt die Etappen der Unternehmensentwicklung hübsch bebildert dar, ergänzt um zeitgenössische Filme, die einen trefflichen Einblick in das Selbstverständnis des Unternehmens geben. Im Rahmen der Frankfurter Schau werden die Projekte im Rhein-Main-Gebiet – die Nordweststadt und der Ben-Gurion-Ring in Frankfurt sowie Kranichstein in Darmstadt – etwas ausführlicher herausgestellt.

          Auf der grünen Wiese entstanden Großsiedlungen wie die Neue Vahr in Bremen.

          Politisch aufgeladen wird die Schau durch Bemerkungen im Katalog. Die Kuratoren Andres Lepik und Hilde Strobl vom Architekturmuseum der TU München vertreten die Ansicht, dass von der Neuen Heimat für die heutige Zeit etwas zu lernen sei. Die These: Heute, in Zeiten von teils dramatischer Wohnungsknappheit in den Ballungsräumen, fehle uns ein Wohnungsunternehmen vom Schlage der Neuen Heimat, das in der Lage sei, im ganzen Land viele günstige Wohnungen innerhalb von kurzer Zeit fertigzustellen.

          Ein unsolides Geschäftsmodell

          Die Ausstellung liefert allerdings wenige Hinweise, dass diese Annahme tragfähig wäre. Das beginnt mit dem unsoliden Geschäftsmodell der Neuen Heimat. Unter dem Dach des DGB wurde die ursprünglich auf Hamburg beschränkte Neue Heimat nach der Fusion mit anderen regionalen Unternehmen zum bundesweit agierenden Marktführer. Sie war Bestandteil eines gewerkschaftlichen Unternehmenskonglomerats, das unter der Rubrik „Gemeinwirtschaft“ geführt wurde. Der DGB wollte zeigen, dass er ein guter, wenn nicht der bessere Unternehmer war. Er grenzte sich damit in zwei Richtungen ab: gegen die profitorientierte Privatwirtschaft, aber auch gegen die klassenkämpferischen Genossen in anderen europäischen Ländern.

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          Das ging in jeder Hinsicht schief. Der Anlass für den Zusammenbruch der Neuen Heimat nach Enthüllungen des „Spiegels“ im Jahr 1982 war die korrupte Selbstbereicherung des Vorstands unter dem Vorsitz von Albert Vietor, doch die Ursachen lagen tiefer, nämlich darin, dass sich aus den Erlösen des Geschäftsbetriebs die Finanzierungszinsen nicht bedienen ließen. Am Ende stand eine Schuldenlast von fünfzehn Milliarden Mark.

          Die Neue Heimat war an ihrem eigenen Gigantismus zugrundegegangen. Dabei hatte in den frühen fünfziger Jahren alles harmlos mit sehr ansehnlichen Siedlungen im modern anverwandelten Stil der Gartenstadtbewegung begonnen. Bald entschied man sich, in größerem Maßstab zu bauen, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Auf der grünen Wiese entstanden Großsiedlungen wie die Neue Vahr in Bremen. Nachdem Alexander Mitscherlich seine Kritik an der Unwirtlichkeit solcher Trabantenstädte ohne funktionierende Infrastruktur formuliert hatte, wurden in vielen Großstädten gemäß dem Schlagwort von der „Urbanität durch Dichte“ gewaltige Neubauviertel mit Hochhausclustern geplant. Die Neue Heimat profitierte davon, dass sie einen exklusiven Zugang vor allem zu den sozialdemokratischen Bauministern und Oberbürgermeistern hatte, die ihr die passenden Grundstücke zuschusterten. Heute würde man von Korruption sprechen, damals war das unverhohlene offizielle Praxis.

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          Die Häuser der Siedlungen, die nun tendenziell näher an die gewachsenen Stadtzentren heranrückten, wurden nicht nur höher, sie wurden auch unansehnlicher. Nur die verantwortlichen Manager und Planer, die genau zu wissen meinten, was den Menschen guttat, wollten das nicht sehen. Darüber, welche ästhetischen Zumutungen mit dieser sozialdemokratischen Form von Paternalismus für die Bewohner verbunden war, legt die Ausstellung nur andeutungsweise Rechenschaft ab.

          Als sich in den frühen siebziger Jahren abzeichnete, dass die Wohnungsnot beseitigt war, funktionierte das Geschäftsmodell der Neuen Heimat endgültig nicht mehr. Mit der Flächensanierung von heruntergekommenen Altbauquartieren (hinter dieser Idee verbarg sich nichts anderes als der Abriss von historischer Bausubstanz, die durch gesichtslose Neubauten ersetzt werden sollte) versuchte die Geschäftsführung sich ein neues Tätigkeitsgebiet zu erschließen. Doch die Bürger begannen sich zu wehren. Als auch Auslandsengagements und Ausflüge in Gewerbeobjekte nicht die erhofften Renditen erbrachten, nahte das Ende.

          Die Neue Heimat als Modell für die Gegenwart abzulehnen, bedeutet nicht, alle ihre Leistungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Es wäre eine eigene Ausstellung wert, sich mit dem heutigen Zustand der Siedlungen zu beschäftigen. Während sich einige Quartiere zu sozialen Brennpunkten entwickelt haben, präsentieren sich andere wie die Frankfurter Nordweststadt sehr stabil, die Identifikation der Bewohner mit ihrer nicht mehr allzu neuen Heimat ist hoch. Es wäre zu fragen, welche Rolle die Belegungspolitik durch die Nachfolgegesellschaften der Neuen Heimat spielt, die zumeist von den Bundesländern übernommen wurden. Und welche baulichen Ergänzungen sich anbieten, um den Bestand attraktiver zu gestalten und zugleich die neue Nachfrage zu befriedigen.

          Die Neue Heimat – Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt am Main; bis zum 11. Oktober. Der Katalog kostet 29,90Euro.

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