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Ausstellung „Ich“ in der Schirn : Die ganze Welt dreht sich um mich

Es muss nicht immer das Selfie sein: Wie Künstler heute ihr Ich verbergen und inszenieren, zeigt eine Schau in der Frankfurter Schirn.

          So holt einen das vermeintlich längst Abgehakte wieder ein: Dass sie anderthalb Jahrzehnte nach ihrer Dissertation über Selbstbilder ohne Selbst in der Gegenwartskunst das alte Thema wieder hervorkramen würde, hätte sie auch nicht gedacht, sagt Martina Weinhart. Doch der Kuratorin der Frankfurter Kunsthalle Schirn fiel auf, was schon die jüngsten Selbstporträt-Schauen in Düsseldorf und Karlsruhe inspiriert hat: Alle Welt macht Selfies, wir leben im Zeitalter der massenhaften digitalen Ich-Performance, überall Gesichter, medial inszeniert, computertechnisch optimiert, schönheitschirurgisch paralysiert, dennoch mit einem - gebrochenen - Glauben an Authentizität und das Selbst verbunden. Und die Künstler? Haben endgültig das Monopol auf visuelle Selbstdarstellung verloren und bedienen sie nur noch mit Ironie.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für den Kunstbetrieb ist das eine willkommene Entwicklung. Sie ist populär und aktuell, sie bietet Anlass für Ausstellungen, die fragen, wie es so weit kommen konnte, und dabei wahlweise bis zur Selbstaufrichtung des Ich in der Renaissance zurückgehen oder - so in Frankfurt - zur postmodernen Erkenntnis, dass jedes Ich sich selbst verkennt und der Autor respektive Künstler ohnehin tot ist. Programmatisch durchgestrichen ist deshalb auch das „Ich“ im Titel der Schau in der Schirn, die in ihrem Zentrum wie in einer Zeitkapsel Werke aus den sechziger und frühen siebziger Jahren birgt: In diesem Raum hängt Beuys’ Filzanzug, Robert Morris’ Zeichnung seiner Gehirnströme, Friederike Pezolds sechsfaches fotografisches Abbild ihrer mit den Händen verformten Brüste und zielt Vito Acconci in seinem Video „Centers“ über die eigenen Augen hinweg mit dem Zeigefinger auf die Augen des Betrachters.

          Damit sind auch schon die wichtigsten Linien skizziert, an denen entlang sich die rund vierzig Positionen zeitgenössischer Künstler in der Ausstellung sortieren: An die Stelle des Selbstbildnisses mit Antlitz treten Gegenstände als Statthalter des Künstlers, Lebensspuren, medizinische und technische Protokolle oder pars pro toto verzerrte Blicke auf den eigenen Körper. Wolfgang Tillmans schaut mit der Kamera an sich selbst herab, die Koreanerin Jun Ahn legt sich auf das Dach eines Hochhauses und präsentiert uns im Foto von 2008 ihr verlorenes Profil über der Straßenschlucht. Zwanzig Jahre zuvor nannte Jürgen Klauke ein Bild seiner selbst, aufgenommen von den Maschinen zur Gepäckdurchleuchtung am Flughafen, „Selbstfindung“.

          Was sagt eine Röntgenaufnahme über einen Charakter? So wenig wie die Elemente, aus denen unsere Körper bestehen und die Alicja Kwade in Phiolen präsentiert. Aber die künstlerische Komposition in ihrer Anordnung und in Klaukes Fotoarbeit, die sich irgendwo zwischen Rayographie und Grabtuch von Turin bewegt, ist das Selbstbild - wie jedes Werk, jede Hinterlassenschaft, jede Spur, ob eine Zettelsammlung oder eingeschweißte Klamotten. Das ist die Moral dieser Ausstellung. Sich eitel wie Malerfürsten von einst ins Bild zu setzen ist passé. Stattdessen sehen wir immer neue Varianten einer Ausweichbewegung, die das Selbst zugleich zeigt und verbirgt. Mark Leckeys Selbstbild als 3-D-Druck besteht nur aus Beinen, Thorsten Brinkmanns Ich-Wiedergänger aus einem Karton über dem Kopf.

          Ist das weniger eitel? Natürlich nicht. Ostentativer sich selbst auf einen Sockel stellen als Mark Wallinger mit seiner wie ein kapitales I in Lebensgröße des Künstlers geformten Säule „Self“ von 2014 kann man kaum. Und sich selbstbewusster über Selbstdarstellung lustig machen als Erwin Wurm in seinem „Selbstporträt als Essiggurkerl“ von 2008 auch nicht: Er präsentiert 36 täuschend echt wirkende Acrylgürkchen auf Podesten.

          Ein großer Spaß ist das krakenhaft riesige Stoff-Plastik-Stroh-Ungetüm von John Bock, ein Kostüm für eine seiner Performances. Wo es ums Ich geht, sind Karneval und Maskeraden nicht fern. Da passt das große Gruseln am Schluss der Ausstellung mit Florian Meisenbergs Installation „Out of Office“, in der ein überdimensioniertes Smartphone alles widerspiegelt, was der Künstler auf seinem Handy tippt und sucht und sieht. Sehen und Gesehenwerden - um nichts anderes geht es schließlich, im Leben und in der Kunst.

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