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Ausstellung : Himmelsscheibe und Sonnenwagen

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Was die Welt der Alten zusammenschmiedete: Mit der Schau „Der geschmiedete Himmel“ findet das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle endlich jene Beachtung, die es seit langem verdient.

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          Endlich findet das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle jene Beachtung, die es seit langem verdient. Vor dem hinreißenden triumphalen Bau, den Wilhelm Kreis 1911 als ewigkeitstrunkene Mixtur aus Mesopotamiens Potentaten-Palästen, römischem Castrum und Triers Porta Nigra schuf, winden sich Besucherschlangen und warten auf Einlaß in den "geschmiedeten Himmel", die Ausstellung zur nordischen bronzezeitlichen Kultur, die man rings um die allbekannte "Himmelsscheibe von Nebra" arrangiert hat.

          Drinnen Menschentrauben vor den in Halbdunkel getauchten Vitrinen. Die größte drängt sich vor der Himmelsscheibe und dem zweiten, ebenso staunenerregenden Kunstwerk dieser fernen Epoche, dem "Sonnenwagen von Trundholm", einer Bronze, die den ornamentierten Himmelskörper - die Tagseite vergoldet, die Nachtseite bronzen - und ein Pferd zeigt, das grotesk und dennoch würdevoll auf der Deichsel eines sechsrädrigen Gefährts balanciert.

          Inszeniert im Nachbau der Himmelsbarke

          Der 1902 in Dänemark gefundene Sonnenwagen ist rund 3400 Jahre alt. Die Himmelsscheibe aus Sachsen-Anhalt zählt 3600 Jahre, was dank ihrer Schlagzeilen machenden Irrfahrt zwischen Raubgräbern des Jahres 1999 und Polizisten, die sie 2002 in einem filmreifen Coup sicherstellten, jedermann weiß.

          Beide Prachtstücke sind demselben Kulturkreis zuzurechnen. Sie werden in einem suggestiv inszenierten Environment dargeboten, einem großen, schwarz eingefärbten Nachbau jener "Himmelsbarke", die auf der Scheibe von Nebra zu sehen ist. Der Halbmond wiederum, der sie auf deren Relief überwölbt, ist als goldener Riese hoch oben unter das Glasdach des säulengeschmückten Lichtschachts gehängt worden, der die pompöse Eingangshalle des Museums rahmt. Die Mondsichel ist, ebenso wie der Vollmond, der als ihr Pendant im Zentrum der Scheibe glänzt, von Anfang an das Zentralmotiv dieses rätselhaften Kultgegenstands gewesen, der insgesamt einen sternenübersäten Nachthimmel wiedergibt, aus dem das Siebengestirn der Plejaden hervorsticht.

          Wie kommt eine solche Symbolik in den Norden der Alten Welt?

          Erst später wurden links und rechts zwei "Horizontbögen" appliziert, dann die Himmelsbarke; Anreicherungen, die etwa 160 Jahre kultischen Gebrauch umfassen. Das größte Rätsel gibt die Himmelsbarke auf. Vertraut ist sie der Archäologie als zentrales Symbol altorientalischer Kulte, insbesondere Ägyptens. Dort trägt sie den allabendlich sterbenden Sonnengott - oder auch den Gott der Toten - durch die Unterwelt, um ihn bei Sonnenaufgang, triumphal wiedergeboren, über den Horizont gleiten zu lassen. Sterben und Werden, der Zyklus der Jahreszeiten und der Landwirtschaft sind darin gebannt.

          Wie aber kommen eine solche Symbolik und derartige Glaubensinhalte aus dem äußersten Süden der Alten Welt in deren Norden? Die frühen Zivilisationen der Ägäis jedenfalls, gemeinhin als Stifter unserer Kultur angesehen, kennen sie nicht. Wohl aber finden sich Spuren solchen magischen Denkens in der einstigen großen Vermittlerstation zwischen Orient und Okzident - im minoischen Kulturkreis auf Kreta und in Mykene. Auch dort spielt die Mondsichel eine große Rolle im Glauben, scheinen zyklisches Werden und Vergehen in Gestalt sterbender und auferstehender Gottheiten die Mythen dominiert zu haben. Schließlich zeigen minoische Wandgemälde auf Thera und in Knossos Schiffe, die als Gefährte von Prozessionen zur See oder auch als Miniaturen in den Händen Opfernder der Barke von Nebra verblüffend ähnlich sehen.

          1600 Exponate aus 18 Ländern

          Mit dem schönen Satz "Die weite Welt im Herzen Europas" faßt die Ausstellung im Untertitel diese merkwürdigen Übereinstimmungen über Riesendistanzen hinweg zusammen. Möglicherweise waren es Söldner, so eine der Überlegungen, die von ihrem Dienst in den Truppen der Minoer oder Mykener den faszinierenden Glauben in die Heimat brachten. Doch wie hätten derart grobe Gesellen die feinsinnigen Mythen einer Hochkultur verstehen und mitteilen sollen? Wie die astronomischen Kenntnisse, die in der Himmelsscheibe verschlüsselt sind, die exakte Datierung von Sommer- und Wintersonnenwende? Ist es denkbar, daß tumbe Legionäre (oder waren die militärischen Wanderer, anders als in unseren heutigen Vorstellungen vom Söldnerwesen, zugleich Kulturgesandte?) die feinziselierte minoische und mykenische Ornamentik, ihre eleganten Spiralen und Rosetten, ihre anmutig wilden Löwen und Stiere, gesehen, geschätzt und den Schmieden ihrer Heimat zur Nachahmung empfohlen hätten?

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