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Fotos von Germaine Krull : Den Dingen des Lebens auf der Spur

Der Berliner Gropiusbau zeigt das Lebenswerk der Fotografin Germaine Krull. Sie war Kriegsberichterstatterin und Hotelmanagerin. Unvergleichlich war sie als Flaneurin der automobilen Moderne.

          3 Min.

          Man denkt oft an Filme, wenn man historische Fotografien betrachtet, aber selten so oft wie bei Germaine Krull. Das mag daran liegen, dass wir die Welt von vorgestern nur noch als Kinobild im Kopf haben, als schwarzweißen Ausschnitt aus Spiel- und Dokumentarfilmen mit oder ohne Ton. Noch mehr aber liegt es daran, dass Germaine Krulls Bilder, wie die Fotografie ihrer Zeit überhaupt, den filmischen Blick haben. Die zwanziger und frühen dreißiger Jahre waren die Jugendblüte des Kinos, und Krull, die zuerst in Berlin und dann in Paris lebte und mit dem niederländischen Regisseur Joris Ivens verheiratet war, nahm aus nächster Nähe daran teil. Sie kannte Gott und die Welt, verkehrte mit Eisenstein, Rilke, Cocteau, Malraux, Simenon, Colette, André Gide und dem Ehepaar Delaunay. Aber auf ihren Aufnahmen, von den Porträts abgesehen, die sie von ihren Bekannten gelegentlich machte, sieht man wenig davon. Sie handeln nicht vom Jetset. Sie handeln von den Dingen des Lebens.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Etwa die Fotos, die Germaine Krull im Jahr 1928 für die Zeitschrift „Vu“ vom Eiffelturm, von den Häfen in Rotterdam und Saint-Malo, von Fabrikhallen, Maschinen und Uhren machte. Man sieht Kräne, Gestänge, Schwungräder, Eisenrohre, Stahlzylinder. Vor allem aber sieht man Bewegung. Die Luft in den Fabriken scheint zu vibrieren, das Wasser unter den Hafenkränen fließt schneller als auf anderen Fotografien. Der echte Fotograf, hat Germaine Krull in einem Brief an Jean Cocteau geschrieben, sei „der Zeuge aller Tage, der Reporter“ und der Mensch „nur ein weiteres bewegliches Objekt in der Welt und der Epoche“. Nach dieser Maxime hat sie gelebt und gearbeitet.

          Als sie von der Firma Peugeot einen Werbe-Auftrag bekam, ließ sie sich mit einem Auto bezahlen. Mit ihrem 5 CV fuhr sie kreuz und quer durch Frankreich, und genauso oft wie die Dinge an der Straße fotografierte sie die Straße selbst. Es war die Zeit, in der Walter Benjamin, den sie ebenfalls persönlich kannte, in Paris an seinem „Passagenwerk“ schrieb, einer Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Blickwinkel des Flaneurs. Germaine Krull hat diesen Blick aus den überdachten Passagen ins Freie getragen und beschleunigt. Sie ist die Flaneurin der automobilen Moderne.

          Am Stummfilmkino geschulte Sensibilität

          Die Ausstellung von Germaine Krulls Lebenswerk, die der Martin-Gropius-Bau in Berlin jetzt zeigt, wurde vom Pariser Jeu de Paume und seinem Kurator Michel Frizot konzipiert. Wohl auch deshalb spielen die Berliner Jahre vor 1925, in denen Krull von der Anarchistin und gescheiterten Revolutionärin zur Fotografin wurde, darin eine Nebenrolle. Aber schon auf den wenigen Aktfotos, die es aus dieser Zeit zu sehen gibt, kann man erkennen, warum Germaine Krull für die ruhige Arbeit im Atelier verloren war. Sie kümmert sich kaum um die perfekte Ausleuchtung von Frauenkörpern. Was sie interessiert, ist Aktion. Die Aufnahmen zweier Freundinnen, die halb entblößt auf einem Sofa und einem Hocker miteinander turteln, sind keine Einzelkompositionen, sondern Szenen einer Geschichte. Zehn Jahre später bebilderte Krull für den Verleger Jacques Haumont eine Mordstory von Georges Simenon, „La Folle d’Itteville“. Das Buch war ein Misserfolg, weitere Projekte wurden abgesagt. Die Idee aber setzte sich durch: Es war der Fotoroman, der selbst im Internetzeitalter nicht ganz tot ist.

          Was wir heute, mit einem veralteten Ausdruck, als „Illustrierte“ bezeichnen, entstand in den späten zwanziger Jahren. Mit den Bilderstrecken, die in Magazinen wie „Vu“ und „Jazz“ erschienen, etablierte sich die Fotoreportage als eigenständige Form. Sie passte Germaine Krull wie angegossen. Auch wenn sie nach wie vor Akte und Porträts aufnahm und ihren Künstlerfreunden Man Ray und Moholy-Nagy in einzelnen Arbeiten huldigte, bleiben die Reportagen aus Paris ihr wichtigstes Vermächtnis. Sie zeigen Brücken, Treppen, Markthallen, Kaufhäuser, Jahrmärkte, Arbeitslose, Barbesucher, Schläfer und Streuner. Der Blick von Atget und Cartier-Bresson kreuzt sich darin mit einer expressionistisch getönten, am Stummfilmkino geschulten Sensibilität.

          Man erkennt die Ästhetik von Ruttmann und Fritz Lang, von Friedrich Wilhelm Murnau und G.W. Pabst in diesen Flaneursbildern, ohne dass sich das Filmische in den Vordergrund drängt. Manchmal wartet man darauf, dass Peter Lorre in „M“ an dem Schaufenster vorbeigeht, das Germaine Krull gerade aufgenommen hat. So nah waren sich Kino und Fotografie in diesen Jahren, dass Krull selbst mit einem Filmvorhaben anfing, über eine Autofahrt von Paris nach Nizza. Es blieb Fragment.

          In der Mitte der dreißiger Jahre bricht die Karriere Germaine Krulls ab. Eine Zeitlang verdingt sie sich als Hausfotografin im Casino von Monaco, dann flieht sie vor der Wehrmacht über die Vereinigten Staaten nach Brazzaville, in die Hauptstadt der „France libre“. Mit den Truppen de Gaulles nimmt sie an der alliierten Landung in der Provence teil, später fotografiert sie den Frühjahrsfeldzug im Elsass und die Befreiung des Arbeitslagers in Vaihingen, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Struthof. Es sind ihre letzten Fotoreportagen. Nach dem Krieg wird Germaine Krull zur Teilhaberin des Mandarin Oriental Hotels in Bangkok, das sie mit großem Erfolg zwanzig Jahre lang leitet. 1967, achtzehn Jahre vor ihrem Tod in einem Altersheim in Wetzlar, widmet ihr Henri Langlois eine Werkschau in der Cinémathèque française, ein Jahrzehnt danach zeigt das Rheinische Landesmuseum Bonn ihre Bilder, 1988 gibt es eine Ausstellung in Arles. Seitdem herrscht Stille um Germaine Krull. In Berlin kann man sie nun wieder entdecken.

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