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Ausstellung : Franz von Stuck: Der Müllersohn und die Mythen

Er gab der Jahrhundertwende alle Reize, die sie brauchte und war ihr Malerstar schlechthin. Jetzt sind Meisterwerke des Malers Franz von Stuck in München zu sehen. Es gilt, einen Avantgardisten wiederzuentdecken.

          Er war ein Künstlerfürst, wie es einen heute gar nicht mehr geben kann. Für gut zwei Jahrzehnte, um die vorletzte Jahrhundertwende, war er der international gefeierte deutsche Malerstar schlechthin, keiner kam ihm gleich: Franz Stuck, geboren 1863 im niederbayerischen Tettenweis als Sohn eines Müllers, geadelt 1905 vom bayerischen König; in sein Wappen holt er den Kentauren, jenes mythische Wesen, mit dessen Darstellungen er berühmt wurde.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Und er war, das erschließt sich heute wieder, nicht nur der wuchtige Bebilderer seiner Epoche, in der sich die Tektonik der gültigen gesellschaftlichen Ordnung krachend verschob, sondern ein Avantgardist - als den ihn seine Zeitgenossen schon einmal sahen. Der ganz junge Hugo von Hofmannsthal feiert ihn emphatisch 1894 in der „Neuen Revue“ als den „Meister“. Ein Brief des siebzehnjährigen Egon Schiele hofft auf „ein Wort von Ihrem göttlichen Wesen“ zugunsten seiner Bilder für die Ausstellung der Wiener Secession 1908: „Ein Schreiben von Ihnen Hochverehrter wäre eine Reliquie.“ Dass endlich Stucks Geschöpfe dem Surrealismus in die Hände spielten, ist gar kein Wunder.

          Ein engagierter Secessionist

          Es war Stuck, der 1892 die Münchner Secession mitbegründete, die erste Secession überhaupt, noch vor den Absetzungsbewegungen von den Akademien in Wien oder Paris. Er wird zu ihrem Protagonisten; er ist ein Werbeprofi aus früher Erfahrung mit dem Zeichnen von Karikaturen, seine Plakate sind Markenzeichen. Als er 1893, inzwischen auch bayerischer Professor, auf der Ausstellung der Secession „Die Sünde“ zeigt (die Version, die heute in der Neuen Pinakothek hängt), sorgt das für Furore: Das Weib ist da gezeigt, wie es des jungen unglückseligen Wieners Otto Weininger schlimmsten Phantasien nicht rasanter entstiegen sein konnte, als der sich genau zehn Jahre später sein wirres böses Buch „Geschlecht und Charakter“ abrang.

          Aber Stuck enthebt diesen symbolistischen Erotismus seiner „Sünde“ aller Vulgarität, indem er einen Rahmen darum setzt, der das biblische Intermezzo zwischen Frau und Schlange ganz wörtlich eingrenzt. Heute darf Franz von Stuck wieder ungestraft als Maler gewürdigt werden. Die Ausstellung, die jetzt in den phänomenal restaurierten Räumen seines früheren Wohn- und Atelierhauses unter dem Titel „Meisterwerke der Malerei“ gezeigt wird, ist dafür eine erhellende Demonstration.

          Eine von Personen dominierte Bildwelt

          Vierundfünfzig Gemälde und Pastelle vereinigt die Schau, viele davon aus Privatbesitz weltweit, die nicht zum schieren Überwältigungsspektakel zusammenschwappen, weil sie nach Themengruppen gebündelt sind. Dreh- und Angelpunkt ist die Bedeutung, die den Figuren in Stucks Schaffen zukommt, dahinter tritt die Landschaft zurück - keinesfalls deshalb, weil Stuck Landschaft nicht hätte malen können. Sondern weil dieses abenteuerliche Personal in seinen Bildern triumphiert, die Kentauren und Sphingen, Faune und Panisken, Pan selbst und seine Sippe, die Amazonen und die guten und bösen Engel und Wächter.

          Der für diese Belegschaft gewählte Oberbegriff „Archetypen“ mag nicht völlig stimmig erscheinen, auch wenn Stuck selbst „das Rein-Menschliche, das Ewig-Gültige“ verkörpert sehen wollte. Jedoch diese Mythenwesen sind weniger kollektive Urbilder denn Inkorporationen von Triebmechanismen, animierte Triebmaschinen gleichsam, die so in keiner Entstehungsgeschichte der Arten vorgesehen waren.

          Schöpfungen aus seinem Geiste

          Sie sind eigentlich Kopfgeburten - nicht eines Intellektuellen, sondern eines Mannes von sinnlicher Intelligenz und Evidenz -, wie jene zauberische „Pallas Athene“ eben, die zur „Amazone“ mutieren kann: heroische Hybride jedenfalls, inspiriert von den Genien in der Glyptothek. Er kleidet sein Personal ganz eindeutig in das ikonographische Gewand der vorigen Jahrhundertwende, das gleichzeitig auf Sensationen setzt und im Fundus seiner Vorgänger räubert, wo er sich reißerisch anverwandeln lässt.

          Im Katalog steht an einer Stelle, Stuck habe im Grunde bayerischen Mannsbildern als Pferdemänner vier Beine gemacht; das trifft es ziemlich genau. Was der Provokation dient, die zuverlässig funktioniert - ohne sich dabei aus der guten Gesellschaft zu katapultieren, der er gibt, was sie, im Wortsinn, animiert -, das macht dieser genialische Parvenue doch gern! Geschlechterkampf, Kampf unter Männern und ums Weib, Erotismus um jeden Preis, so heißt die Agenda der Epoche, zu deren drama-king er sich aufschwang.

          Titelentwürfe für die Zeitschrift „Pan“

          Franz von Stuck hat aus der damals notorischen Klemme zwischen Wissenschaftsgläubigkeit einerseits und der Sehnsucht nach einem Wesentlichen andererseits, in der die in Hochkonjunktur florierende Seele steckte, eine hochbezahlte Tugend gemacht. Die Vereinigung der Gegensätze im einen Gott war gerade perdu, es blieb der Mythos als Surrogat. „Pan“ hieß ja die Zeitschrift der Stunde, die von Julius Bierbaum und Julius Meier-Graefe zwischen 1895 und 1900 herausgegeben wurde und für die Stuck die Titelvignette entwarf.

          Aber alles Psychologisierende sollte man vor der Tür lassen, wenn man jetzt Stucks umwerfende Werke in dieser dichten Schau betrachtet. Umgekehrt kommt, was er schuf, auch nicht aus den Tiefen eines gerade entdeckten Unbewussten. Man verdirbt sich regelrecht selbst den Spaß, wenn man ihm gewissermaßen eine vorweggenommene Nachträglichkeit unterschiebt: Schließlich erschien Sigmund Freuds „Traumdeutung“ erst 1899, da war Stuck längst ein Star, und Carl Gustav Jung, Jahrgang 1875, hatte an seiner Archetypen-Lehre noch gar nicht zu basteln begonnen.

          Nach England schweift sein Blick

          Man sollte die Würdigung Stucks vor allem im Malerischen verankern - dann ist diese Ausstellung ein wahrer Traum. Dieser Mann hätte vermutlich alles malen können, wenn es denn seinem vitalen Interesse entsprochen hätte; zum Beispiel in der Manier der Impressionisten: Hinter den schwarzen Schwingen seines Wächters vor dem „Verlorenen Paradies“ öffnet sich ein Blumengarten, den man mit Kusshand einem Franzosen abnehmen würde.

          Allein das Irrlicht neben dem gebrochenen Flügel des melancholischen „Luzifer“ enthüllt mehr Beherrschung des Metiers, als braves Handwerk jemals hoffen darf. Doch Stuck blickt nicht nach Frankreich, seine Brüder im Geiste leben im England des neunzehnten Jahrhunderts, und es sind gewiss die Deutschrömer. Weshalb es kein Wunder ist, dass ihm Italien huldigt, die Biennale in Venedig 1909 sein Triumph wird.

          Zwischen den Zeiten

          Eine schon aufreizende Spannung durchzieht dieses Œuvre, auch sie ein Spiegel des Fin de Siècle: Während Franz von Stuck sich auf der einen Seite, vorsätzlich wortkarg, distanzierend und selbstheroisierend, zum Renaissancefürsten stilisierte, verfügte er auf der anderen Seite über eine Virtuosität, die sein Werk als Vorschein einer heraufziehenden Modernität erkennbar macht.

          Diese Energie droht verdeckt zu werden von der deftigen Münchner Sinnenfreude, die zumal das delirierende Schwabing der Jahrhundertwende goutierte, einen Thomas Mann aber früh hellsichtig skeptisch machte. Am 30. August 1928 ist Franz von Stuck in München gestorben. Ein gewisser Andrew Warhola lag da, verirrter Europäer aus Transsylvanien, gerade drei Wochen alt, in einer Wiege in Pittsburgh. Als Andy Warhol sollte er später nicht weniger von der Macht der Oberfläche verstehen.

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