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Folklorekunst in Krefeld : Avantgardebilderbögen

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Dass in der Folklorekunst Leben und Gestaltung eins waren, begeisterte die Moderne. Eine Ausstellung im Krefelder Kaiser Wilhelm Museum zeigt es.

          3 Min.

          Die Ausstellung versammelt eine Vielzahl an Themen, die in der Kunst seit einiger Zeit verstärkt diskutiert werden: wie sich kanonische Festschreibungen durch einen globalen Blick verflüssigen lassen, welche regionale und nationale Identität Kunst stiften und wer sie in wessen Namen geltend machen kann, bis hin zu der Frage nach einer Perspektive auf die Gegenwart, die nicht hegemonial, nordamerikanisch oder eurozentrisch vorgeprägt ist. Nur beleuchtet das Krefelder Panorama „Folklore & Avantgarde“ diese Aspekte aus der Warte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und führt vor Augen, wie die Rezeption volkstümlicher Traditionen Einfluss auf die Künstler der Moderne genommen hat, die ihrerseits gern als Vorreiter sui generis gesehen werden. Nicht nur hatte schon der Japonismus im neunzehnten Jahrhundert nachhaltig auf die Protagonisten in Paris gewirkt; Brauchtümer aus allen Teilen der Welt gingen in den Jahren nach 1900 in alle erdenklichen Ismen des neuen Jahrhunderts in Berlin, Moskau, Zürich, auch in New York ein. Zugleich beansprucht die ideenreich eingerichtete, funkelnde Krefelder Schau einen Topos des vorigen Saeculums, indem sie die Engführung von Kunst und Leben als Grundlage der Volkskunst vorführt.

          Diese Bandbreite volkstümlichen Schaffens war schon in seinen frühesten Jahren ein Anliegen des Kaiser Wilhelm Museums. Bereits dessen Gründungsdirektor Friedrich Deneken und sein Nachfolger Max Creutz propagierten emphatisch den Geist der Reformbewegung sowie die Besinnung auf die vorherrschenden Impulse von Handwerk und urwüchsiger Kreativität. Diesen Zielen dienten um 1900 zahlreiche folgenreiche Sonderschauen über die Wechselwirkungen von Kunst und Gewerbe, über die jetzt, im ersten Saal, eine Reihe expressiv gestalteter, originaler Plakate einen Überblick bietet: Krefeld interessierte sich lebhaft dafür, was in nordischen, damals „niederländisch-indischen“ geheißenen und asiatischen Gefilden geschaffen wurde und wie es auf die Gegenwart in der Heimat abstrahlte. Nicht zuletzt erwarb man 1925 die Mustersammlung des Deutschen Werkbunds mit dem selbsternannten Auftrag einer „ästhetischen Erneuerung“ der Gesellschaft.

          Mit über 350 Leihgaben und Werken aus eigenen Beständen mustert die Ausstellung die volkskundlichen Impulse, wie sie von unterschiedlichsten Malern, Bildhauern und Gestaltern aufgenommen wurden und die anbrechende Moderne in eine noch immer zu wenig bekannte geschichtliche Kontinuität mit dem Brauchtum stellen. Tatsächlich ist das Bild der modernen Avantgarden als einer tiefgreifenden Zäsur in der Forschung längst als Klischee widerlegt. Der Querschnitt bezeugt dies anhand von Bildern, Hinterglasmalereien, Skulpturen, Plakaten und Buchillustrationen, von Kostümen, Textilien, Töpfereien sowie Möbelstücken, Marionetten und Architektur

          So spürt die Schau zum Beispiel den Erinnerungen von Sonia Delaunay an ihre Kindheit in der Ukraine nach und zeigt mit einer Patchwork-Decke von 1911, wie sie Handarbeiten der Bauernfrauen dafür zum Vorbild nahm. Sie dokumentiert, wie die Leidenschaft eines Frank Lloyd Wright für lokale Prärie-Häuser im Mittleren Westen in dessen Ideenhaushalt für ein (nicht realisiertes) Projekt im Rahmen der „Lake Tahoe Summer Colony“ einging und sich Le Corbusier durch eine von ihm so bezeichnete „Voyage d’Orient“ zu seinem „Cabanon“, einer Art Urhütte, an der Côte d’Azur inspirieren ließ. In Mexiko machte die Adobe-Architektur der Pueblo Eindruck auf Josef Albers. Von bestechender Schönheit ist eine ornamentale „Komposition mit Pferden und Sirin-Vögeln“ von Natalja Gontscharowa von 1915 aus der Moskauer Tretjakow-Galerie, die auf die russische Volkskunst und volkstümliche Bilderbögen, die Lubki, zurückgingen. Auch Kasimir Malewitsch und Michail Larionow ließen sich von diesen Werken anregen.

          Zu den Paradestücken der Krefelder Ausstellung zählen die von Larionow entworfenen Kostüme für das Ballett Chout („Der Narr“), das 1921 in Paris uraufgeführt wurde, im Dialog mit Kostümskizzen Gontscharowas. Zu entdecken gilt es schließlich die naive Malerei des Georgiers Niko Pirosmani, den man den „Rousseau des Ostens“ genannt hat. Die Krefelder Ausstellung geht auf eine offenkundig intensive Recherche zurück, mit der auf kluge Weise die Geschichte des eigenen Hauses beleuchtet wird. Da das indonesische Kuratorenteam Ruangrupa die kommende Documenta im Jahr 2022 verantwortet, haben sich die Blickrichtungen zwischen dem Westen und dem globalen Süden inzwischen umgekehrt.

          Folklore & Avantgarde. Die Rezeption volkstümlicher Traditionen im Zeitalter der Moderne. Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld; bis 23. Februar. Katalog in Vorbereitung.

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