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Die Rosenkavalierin muss den Vergleich mit Matisse nicht scheuen: Aloise Corbaz’ „Brevario Grimani“, um 1950 Bild: César Decharme

Art Brut-Ausstellung in Wien : Wie kamen die Frauen in die Anstalten?

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Alle Menschen sind gleich – irre: Das Kunstforum Wien zeigt erstmals die weibliche Seite der Art Brut. Endlich Raum für die anonymen Außenseiter der Außenseiter.

          Vor hundert Jahren wurde ein junger Arzt für eine ungewöhnliche Aufgabe an die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg berufen. Der auch in Kunstgeschichte promovierte Hans Prinzhorn sollte sich weniger um konkrete Fälle, als um die kuriosen Bildwerke von Patienten kümmern. Er sichtete die vorhandene Lehrsammlung, durchforstete Krankenakten und schickte Briefe an Anstaltsdirektoren im gesamten deutschsprachigen Raum, sie mögen ihm doch derlei Material überlassen. So wuchs die Sammlung in kurzer Zeit auf 5000 Objekte. Als Prinzhorn jedoch 1922 sein epochales Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ veröffentlichte, kam darin keine einzige Frau vor.

          Im Wiener Kunstforum führt nun die Überblicksschau „Flying High. Künstlerinnen der Art Brut“ das Ausmaß der Lücke vor Augen, die bis heute nie systematisch beleuchtet wurde. Die Schau bringt Malereien, Zeichnungen, Notationen, Textilarbeiten und Skulpturen von zweiundneunzig Künstlerinnen aus hundertfünfzig Jahren zusammen. Dabei beeindruckt nicht nur die Fülle, Format- und Medienvielfalt der Exponate. Aus den Arbeiten spricht eine existentielle Verdichtung, eine Energie, der man sich kaum entziehen kann. Zudem verblüfft ihre „Modernität“, sind sie doch jenseits der offiziellen modernen Kunst entstanden.

          Manche der Bilder rühren von inneren Stimmen her, andere von Eingebungen durch Geister. Die so dringlich nach Ausdruck strebenden Wahnvorstellungen und Zustände wurden auf winzige Zettel oder Zeitungsschnipsel notiert, auf meterlange Papiere gemalt oder mit bunten Fäden in Tücher gestickt. Die genauen Lebensdaten vieler Schöpferinnen sind unbekannt, manche firmieren nur anonym als „Frau St.“, „Miss G.“ oder „Katharina“. Viele der Exponate sind bloß deshalb erhalten, weil sie von der Größe her in eine Krankenakte passten.

          Madame Favre, ohne Titel, 1860

          Die Schau speist sich aus vier großen Art-Brut-Sammlungen. Wie Prinzhorn packte auch den Berner Nervenarzt Walter Morgenthaler um 1920 die Neugierde für die Anstaltskunst, insbesondere für seinen enorm produktiven schizophrenen Patienten Adolf Wölfli. Morgenthalers Monographie über Wölfli öffnete wiederum in den Vierzigern die Augen des Künstlers Jean Dubuffet, der das Label Art Brut als Sammelbegriff für „rohe“, naive Kunst prägte. Als Dubuffet schließlich seine große Sammlung 1971 aus Frankreich abzog und der Stadt Lausanne schenkte, wurde die Kollektion L’Aracine gegründet, die heute dem Museum moderner Kunst von Lille gehört.

          Das Highlight der Ausstellung, ein vierzehn Meter langes Rollbild, um 1950, von Aloïse Corbaz, stammt jedoch aus einer Privatsammlung. In Rokoko-Couleur schmiegen sich darin Liebespaare aneinander, die wiederum in florale Muster eingebettet sind. Was auf den zusammengenähten Papierbahnen so sinnlich daherkommt, verströmt auch einen Horror Vacui und durch die pupillenlosen Augen seiner Figuren eine unheimliche Hermetik. Die 1886 geborene Schweizerin war besessen von Kaiser Wilhelm II., an dessen Hof sie einst Gouvernante war. Ihrem Liebeswahn frönte sie zunächst in geheimen Zeichnungen, bis die Ärztin Jacqueline Porret-Forel sie mit Wachskreiden und Papier versorgte und 1947 Jean Dubuffet auf Corbaz’ Bildschöpfungen aufmerksam machte.

          Julia Krause-Harder, Nanotyrannus, 2013

          Wie kamen die Frauen in die Anstalten, und was erlitten sie dort? Unter welchen Verhältnissen sind diese Bilder entstanden? Verschaffte die Kunst ihren seelischen Leiden Linderung? Diese biographischen und medizinhistorischen Fragen drängen sich vor den Arbeiten unweigerlich auf, aber die Forschung dazu steht vielfach noch aus. Die Kuratorinnen Ingried Brugger und Hannah Rieger streichen vor allem die Bildautonomie und weniger die Krankengeschichten hervor. Mit hundert Jahren Verspätung liefert die Schau den Beweis, dass die Ignoranz gegenüber weiblicher Art Brut nicht an mangelnder Originalität oder Qualität lag. Zu „Außenseiterinnen der Außenseiter“ wurden sie allein durch die weibliche Diskriminierung, die für Patientinnen geringere Freiheit und Wertschätzung bedeutete.

          Durch die Klassenmedizin spielt freilich auch der ökonomische Hintergrund eine große Rolle für die künstlerische Entfaltung. Die aus einer wohlsituierten Familie stammende Else Blankenhorn lebte ab 1899 in einer Heilanstalt am Bodensee. Wie Corbaz trieb auch sie eine Obsession für aristokratische Liebesromanzen an. Künstlerisch vorgebildet, malte die Privatpatientin Ölgemälde, die auch dem Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner imponierten. Rührend wirken ihre mit Tusche gemalten Geldscheine, die phantasierten Liebespaaren „Seidublonen“ und „Billionen“ bescheren sollten.

          Misleidys Castillo Pedroso, ohne Titel, um 2016

          Wesen aus dem Jenseits

          Während die einen von Prinzen träumten, hingen die anderen einem bürgerlichen Frauenleben nach. So häkelte Hedwig Wilms um 1913 ein Tablett mit zwei Kännchen, das an ein Teeservice erinnert. In Wahrheit wurde ein solches Gefäß für die Zwangsernährung der Patientin verwendet. Bei den jüngeren Arbeiten sticht ein mit schwarzen Fäden genähtes, Gothic-artiges Brautkleid hervor, das die mit Trisomie 21 geborene Birgit Ziegert 2012 in der Frankfurter Künstlerkolonie Atelier Goldstein schneiderte.

          Ein spannender Ausstellungsabschnitt widmet sich der sogenannten „mediumistischen“ Kunst. Bei diesen Werken begriff sich die Künstlerin entweder als Medium für Wesen aus dem Jenseits, oder als Empfängerin universeller Botschaften und Wahrheiten. Als Klassikerin weiblicher Art Brut gilt die Engländerin Madge Gill (1882–1961), die ihre feinlinigen Zeichnungen mit Frauengesichtern auf die Berufung durch einen Geist zurückführte. Dagegen entstanden die geometrisch abstrakten Zeichnungen von Emma Kunz ab 1939 mit einem Pendel und standen für sie mit Heilritualen in Verbindung.

          Die bekanntesten Art-Brut-Künstler Österreichs stammen aus der ehemaligen Nervenklinik Gugging bei Klosterneuburg. Als in einem ehemaligen Pavillon dort 1981 das „Haus der Künstler“ gegründet wurde, zogen ausschließlich männliche Patienten ein. Seit den neunziger Jahren steht das dortige Atelier aber auch Frauen offen. Als einzige Gugging-Künstlerin wurde die 1971 geborene Laila Bachtiar bekannt, deren komplett mit Bleistift schraffierte Papierarbeiten an Nachtbilder denken lassen.

          Die Biennale in Venedig von Massimiliano Gioni bot 2013 einen starken Auftakt dafür, sich wieder Außenseiterpositionen in der Kunst zuzuwenden. Obwohl das Genre „Outsider Art“ in den letzten Jahrzehnten stark expandierte und heute bereits eigene Kunstmessen dafür existieren, bleibt noch viel grundsätzliche Arbeit zu leisten. Die Wiener Schau „Flying High“ wird hoffentlich zum Ausgangspunkt für weitere kuratorische Höhenflüge.

          Flying High: Künstlerinnen der Art Brut. Im Kunstforum, Wien; bis zum 23. Juni. Der Katalog kostet 32 Euro.

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