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Art Brut-Ausstellung in Wien : Wie kamen die Frauen in die Anstalten?

  • -Aktualisiert am

Alle Menschen sind gleich – irre: Das Kunstforum Wien zeigt erstmals die weibliche Seite der Art Brut. Endlich Raum für die anonymen Außenseiter der Außenseiter.

          Vor hundert Jahren wurde ein junger Arzt für eine ungewöhnliche Aufgabe an die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg berufen. Der auch in Kunstgeschichte promovierte Hans Prinzhorn sollte sich weniger um konkrete Fälle, als um die kuriosen Bildwerke von Patienten kümmern. Er sichtete die vorhandene Lehrsammlung, durchforstete Krankenakten und schickte Briefe an Anstaltsdirektoren im gesamten deutschsprachigen Raum, sie mögen ihm doch derlei Material überlassen. So wuchs die Sammlung in kurzer Zeit auf 5000 Objekte. Als Prinzhorn jedoch 1922 sein epochales Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ veröffentlichte, kam darin keine einzige Frau vor.

          Im Wiener Kunstforum führt nun die Überblicksschau „Flying High. Künstlerinnen der Art Brut“ das Ausmaß der Lücke vor Augen, die bis heute nie systematisch beleuchtet wurde. Die Schau bringt Malereien, Zeichnungen, Notationen, Textilarbeiten und Skulpturen von zweiundneunzig Künstlerinnen aus hundertfünfzig Jahren zusammen. Dabei beeindruckt nicht nur die Fülle, Format- und Medienvielfalt der Exponate. Aus den Arbeiten spricht eine existentielle Verdichtung, eine Energie, der man sich kaum entziehen kann. Zudem verblüfft ihre „Modernität“, sind sie doch jenseits der offiziellen modernen Kunst entstanden.

          Manche der Bilder rühren von inneren Stimmen her, andere von Eingebungen durch Geister. Die so dringlich nach Ausdruck strebenden Wahnvorstellungen und Zustände wurden auf winzige Zettel oder Zeitungsschnipsel notiert, auf meterlange Papiere gemalt oder mit bunten Fäden in Tücher gestickt. Die genauen Lebensdaten vieler Schöpferinnen sind unbekannt, manche firmieren nur anonym als „Frau St.“, „Miss G.“ oder „Katharina“. Viele der Exponate sind bloß deshalb erhalten, weil sie von der Größe her in eine Krankenakte passten.

          Madame Favre, ohne Titel, 1860

          Die Schau speist sich aus vier großen Art-Brut-Sammlungen. Wie Prinzhorn packte auch den Berner Nervenarzt Walter Morgenthaler um 1920 die Neugierde für die Anstaltskunst, insbesondere für seinen enorm produktiven schizophrenen Patienten Adolf Wölfli. Morgenthalers Monographie über Wölfli öffnete wiederum in den Vierzigern die Augen des Künstlers Jean Dubuffet, der das Label Art Brut als Sammelbegriff für „rohe“, naive Kunst prägte. Als Dubuffet schließlich seine große Sammlung 1971 aus Frankreich abzog und der Stadt Lausanne schenkte, wurde die Kollektion L’Aracine gegründet, die heute dem Museum moderner Kunst von Lille gehört.

          Das Highlight der Ausstellung, ein vierzehn Meter langes Rollbild, um 1950, von Aloïse Corbaz, stammt jedoch aus einer Privatsammlung. In Rokoko-Couleur schmiegen sich darin Liebespaare aneinander, die wiederum in florale Muster eingebettet sind. Was auf den zusammengenähten Papierbahnen so sinnlich daherkommt, verströmt auch einen Horror Vacui und durch die pupillenlosen Augen seiner Figuren eine unheimliche Hermetik. Die 1886 geborene Schweizerin war besessen von Kaiser Wilhelm II., an dessen Hof sie einst Gouvernante war. Ihrem Liebeswahn frönte sie zunächst in geheimen Zeichnungen, bis die Ärztin Jacqueline Porret-Forel sie mit Wachskreiden und Papier versorgte und 1947 Jean Dubuffet auf Corbaz’ Bildschöpfungen aufmerksam machte.

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