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Städte-Schau in Magdeburg : Vom Glück hinter den Mauern

Frommes Wimmelbild für Stadtbürger: Die Psssionstafel aus der Jakobskirche im polnischen Torún fasst erzählt das Martyrium Christi in zweiundzwanzig Stationen Bild: Sankt-Jakobs-Kirche Thorn/Torún

Die große Ausstellung „Faszination Stadt“ in Magdeburg will von der Stadt als Motor der europäischen Geschichte erzählen. Leider hat sie ihre historischen Hausaufgaben nicht gemacht. Der Anschluss an die Gegenwart gelingt nicht.

          5 Min.

          Alles muss sich modernisieren, auch die Museen. Über die Frage, wie das geschehen soll, wird seit längerem gestritten, auf Tagungen, in Fachzeitschriften, in den Museen selbst. Seit vor zwei Jahren bekannt wurde, dass Kunst- und Geschichtsmuseen einen Rückgang der Besucherzahlen, naturwissenschaftliche und technikbezogene Häuser dagegen ein leichtes Plus zu verzeichnen hatten, ist der Ton der Gespräche schärfer geworden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Da gibt es die Freunde der Digitalisierung auf der einen, die Verteidiger des Objekts auf der anderen Seite, da wird der Lernort Museum gegen die Eventkultur im öffentlichen Raum ausgespielt, aber im Grunde dreht sich die Debatte im Kreis, denn natürlich braucht ein gutes Museum alles zugleich, Medienstationen und Objekte, Events und Lerninhalte. Noch dringender freilich braucht es eine Vorstellung von dem, was es zeigen will. Ein Punkt, den man in vielen Beiträgen vermisst, ist der Gedanke, dass der musealen Darstellung eines Themas eine Denkbewegung vorausgehen muss.

          Es geht ums Magdeburger Recht

          Die neue Ausstellung im Kulturhistorischen Museum von Magdeburg heißt „Faszination Stadt“. Ihr erstes Objekt ist eine Tonscherbe, die das Fragment eines Plans der Stadt Nippur am Euphrat um 1400 vor Christus zeigt. Dann folgen eine Bronzetafel mit Auszügen aus dem römischen Stadtrecht von Lauriacum/Lorch, die Statue eines chinesischen Stadtgottes der Ming-Dynastie, ein Personalausweis aus New York und zwei Holzschnitte des himmlischen Jerusalems aus der Reformationszeit. Man steht vor dieser Assemblage wie Brechts Reisender, der sich fragt, warum er, ohne festes Ziel, dem Radwechsel dennoch mit Ungeduld zusieht. Erst einen Saal später begreift man, dass die Ausstellung nicht von Städten im Großen und Ganzen handelt, sondern von einer der folgenreichsten juristischen Schöpfungen des Mittelalters, dem Magdeburger Stadtrecht.

          Das Magdeburger Recht entstand im zwölften Jahrhundert und breitete sich im Zuge der deutschen Ostsiedlung über Mitteleuropa bis in die Ukraine und nach Weißrussland aus. Seine Besonderheit etwa gegenüber dem Lübecker Recht, dem anderen bedeutenden mittelalterlichen Stadtrecht, liegt darin, dass es die lokale Macht zwischen den Ratsherrn und einem vom Landesfürsten berufenen Schöffengericht aufteilte. Das erleichterte es Territorialherrschern wie dem Deutschen Orden im Baltikum und den Königen von Polen und Ungarn, die von ihnen gegründeten Städte im Rahmen der gewährten Freiheiten zu kontrollieren. Während der Rat für Verwaltung und Erbfragen zuständig war, übten die Schöffen die Kriminalgerichtsbarkeit aus. Sie stützten sich dabei auf den Sachsenspiegel, eine Zusammenfassung bestehenden Rechtswissens, die um 1230 kodifiziert wurde. Durch die Ausbreitung des Magdeburger Rechts gelangten seine Bestimmungen bis nach Kiew, Lemberg, Lublin, Minsk und Smolensk.

          Vier Bilderhandschriften des „Sachsenspiegels“

          Eine Ausstellung, die vom Magdeburger Recht und seinen Folgen erzählen will, könnte beispielsweise fragen, aus welcher Machtkonstellation, etwa zwischen Erzbischof und Kommune, seine balance of power erwachsen ist und welche realen Interessen, etwa fiskalischer Natur, hinter den Städtegründungen in Osteuropa standen. Sie könnte das Spiel der Großmächte nachzeichnen, in dem sich die Städte behaupten mussten, und den Wegen folgen, auf denen Handelswaren, technische Neuerungen und humanistische Lehren über Jahrhunderte in alle Ecken des Kontinents gelangten. Und sie könnte in die Lebenswelten derjenigen blicken, die vom Stadtrecht ausgeschlossen blieben wie die Juden und die einfache Landbevölkerung. Rechtsgeschichte ist immer auch Realgeschichte, in ihr stoßen Prinzip und Wirklichkeit zusammen und formen sich gegenseitig.

          Die Ausstellung im Kulturhistorischen Museum verfolgt ein anderes Konzept. Nach dem Pastiche im ersten Saal folgt eine Art Altar aus vier Vitrinen. In ihnen liegen die vier erhaltenen Bilderhandschriften des Sachsenspiegels aus Heidelberg, Dresden, Oldenburg und Wolfenbüttel. Dahinter ein Wappenstein aus dem Gebäude der Schöffenkammer, das bei der Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg mit allen Archivalien unterging. Erhalten blieb die Kulmer Handfeste, das Grundgesetz des Deutschen Ordens, das ebenfalls gezeigt wird, und das Stadtsiegel an einer Ratsurkunde von 1438. Statt einen Überblick zu geben, stoßen uns die Kuratoren in ihren Kult des Objekts.

          Wappentier für Nichtadlige: Der Hahn der Krakauer Schützenbrüderschaft war ein Symbol des Bürgerstolzes. Bilderstrecke

          Ein Siegelstempel aus Berlin steht deshalb für die dortige Stadtgründung, das Breslauer Weistum – eine Rechtsbelehrung von 1261 – belegt die juristische Richtlinienkompetenz der Magdeburger Schöffen. Krakau, Danzig, Prag, Wilna und andere Städte werden mit Exponaten abgedeckt. Eine Skizze vom Prozess der Zivilisation entsteht so nicht, eher ein Wimmelbild aus historischen Flicken. Küchengerät aus einer zerstörten Siedlung in Masuren liegt neben königlichen Urkunden. Aus dem dreizehnten Jahrhundert springen wir ins achtzehnte und vor die rekonstruierte Statue der Themis, der griechischen Justitia, vom Gebäude des Kiewer Magistrats. Sie balanciert auf ihrer Bronzekugel, als wollte sie die Ausstellung zum Innehalten zwingen.

          Aber die Objekt-Lawine, die das Museum in Gang gesetzt hat, lässt sich nicht bremsen. Aspekt für Aspekt wird aufgerufen und abgehakt, die Verwaltung, der Handel, die religiöse Praxis, die bürgerliche Kultur und schließlich auch die Rechtsprechung, ohne dass ein roter Faden erkennbar würde – etwa der jahrhundertelange Konflikt zwischen Ordnungsdenken und Fortschritt, der die Kämpfe zwischen Räten und Zünften, Bürgern und Handwerkern prägte. Dabei sind wunderbare und kuriose Leihgaben zu sehen wie der silberne Hahn der Krakauer Schützenbruderschaft und die überdimensionale Tafel aus Thorn, die die Passion Christi vom Einzug in Jerusalem bis zur Himmelfahrt in ein einziges Bild fasst, aber auch überschätzte Stücke wie die Schöffenbank aus dem alten Berliner Rathaus, der die Konservatoren jede Aura abgeschliffen haben. Ein Grabstein erzählt vom Schicksal eines Budapester Malers, eine Zinnkanne vom Geschick der Breslauer Schmiede, eine Ofenkachel vom Glück eines Kaufmanns aus Neusohl in der heutigen Slowakei.

          Aber aus all den Geschichten entsteht, anders als auf der Thorner Passionstafel, kein Bild der Stadtgeschichte. Was die Herrschaft des Rechts hinter den Mauern bewirkte, wie sich Rathaus, Markt, Kathedrale und Palast immer neu austarierten, bleibt in den Exponaten verborgen wie die Reliquie im Reliquiar.

          Ihre größte Chance vergibt die Ausstellung am Schluss. Denn in Osteuropa, im Baltikum und der Ukraine hat das Magdeburger Recht, wie man im fünf Kilo schweren Katalog nachlesen kann, nach dem Ende des Kommunismus eine neue Bedeutung bekommen, es wird mit Denkmälern und Gedenktagen als Inbegriff kommunaler Freiheiten gefeiert. Dieses Geschichtsbild ist natürlich eine Konstruktion, wie alle Geschichtsbilder. Die Kuratoren hätten es dokumentieren können, mit Fotos, Texten und Interviews. Damit hätten sie ihre Präsentation zur Gegenwart hin gedreht. So bleibt sie von uns abgewandt.

          Und schließlich gibt es da noch die Vorgängerin der Ausstellung, die Schau „Das Magdeburger Recht“ aus dem Jahr 1937. Ihre Exponate lassen sich laut Katalog anhand von Zeitungsartikeln rekonstruieren, und ihre Botschaft entsprach vermutlich dem ideologischen Auftrag des bald darauf gegründeten „Instituts zur Erforschung des Magdeburger Stadtrechts“, wie er in einem Prospekt von 1940 formuliert wurde: „Der Deutsche kommt also im Osten in kein Neuland, sondern er besitzt dort alte angestammte Rechte.“ Die Ausstellung lief sechs Wochen. Das Institut bestand bis Kriegsende. In der Schau erfährt man nichts darüber. Es ist wahr, die deutschen Geschichtsmuseen haben ein Problem. In Magdeburg kann man es besichtigen.

          Faszination Stadt. Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht. Im Kulturhistorischen Museum, Magdeburg; bis zum 2. Februar 2020. Der Katalog kostet 68 Euro.

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