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Städte-Schau in Magdeburg : Vom Glück hinter den Mauern

Frommes Wimmelbild für Stadtbürger: Die Psssionstafel aus der Jakobskirche im polnischen Torún fasst erzählt das Martyrium Christi in zweiundzwanzig Stationen Bild: Sankt-Jakobs-Kirche Thorn/Torún

Die große Ausstellung „Faszination Stadt“ in Magdeburg will von der Stadt als Motor der europäischen Geschichte erzählen. Leider hat sie ihre historischen Hausaufgaben nicht gemacht. Der Anschluss an die Gegenwart gelingt nicht.

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          Alles muss sich modernisieren, auch die Museen. Über die Frage, wie das geschehen soll, wird seit längerem gestritten, auf Tagungen, in Fachzeitschriften, in den Museen selbst. Seit vor zwei Jahren bekannt wurde, dass Kunst- und Geschichtsmuseen einen Rückgang der Besucherzahlen, naturwissenschaftliche und technikbezogene Häuser dagegen ein leichtes Plus zu verzeichnen hatten, ist der Ton der Gespräche schärfer geworden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Da gibt es die Freunde der Digitalisierung auf der einen, die Verteidiger des Objekts auf der anderen Seite, da wird der Lernort Museum gegen die Eventkultur im öffentlichen Raum ausgespielt, aber im Grunde dreht sich die Debatte im Kreis, denn natürlich braucht ein gutes Museum alles zugleich, Medienstationen und Objekte, Events und Lerninhalte. Noch dringender freilich braucht es eine Vorstellung von dem, was es zeigen will. Ein Punkt, den man in vielen Beiträgen vermisst, ist der Gedanke, dass der musealen Darstellung eines Themas eine Denkbewegung vorausgehen muss.

          Es geht ums Magdeburger Recht

          Die neue Ausstellung im Kulturhistorischen Museum von Magdeburg heißt „Faszination Stadt“. Ihr erstes Objekt ist eine Tonscherbe, die das Fragment eines Plans der Stadt Nippur am Euphrat um 1400 vor Christus zeigt. Dann folgen eine Bronzetafel mit Auszügen aus dem römischen Stadtrecht von Lauriacum/Lorch, die Statue eines chinesischen Stadtgottes der Ming-Dynastie, ein Personalausweis aus New York und zwei Holzschnitte des himmlischen Jerusalems aus der Reformationszeit. Man steht vor dieser Assemblage wie Brechts Reisender, der sich fragt, warum er, ohne festes Ziel, dem Radwechsel dennoch mit Ungeduld zusieht. Erst einen Saal später begreift man, dass die Ausstellung nicht von Städten im Großen und Ganzen handelt, sondern von einer der folgenreichsten juristischen Schöpfungen des Mittelalters, dem Magdeburger Stadtrecht.

          Das Magdeburger Recht entstand im zwölften Jahrhundert und breitete sich im Zuge der deutschen Ostsiedlung über Mitteleuropa bis in die Ukraine und nach Weißrussland aus. Seine Besonderheit etwa gegenüber dem Lübecker Recht, dem anderen bedeutenden mittelalterlichen Stadtrecht, liegt darin, dass es die lokale Macht zwischen den Ratsherrn und einem vom Landesfürsten berufenen Schöffengericht aufteilte. Das erleichterte es Territorialherrschern wie dem Deutschen Orden im Baltikum und den Königen von Polen und Ungarn, die von ihnen gegründeten Städte im Rahmen der gewährten Freiheiten zu kontrollieren. Während der Rat für Verwaltung und Erbfragen zuständig war, übten die Schöffen die Kriminalgerichtsbarkeit aus. Sie stützten sich dabei auf den Sachsenspiegel, eine Zusammenfassung bestehenden Rechtswissens, die um 1230 kodifiziert wurde. Durch die Ausbreitung des Magdeburger Rechts gelangten seine Bestimmungen bis nach Kiew, Lemberg, Lublin, Minsk und Smolensk.

          Vier Bilderhandschriften des „Sachsenspiegels“

          Eine Ausstellung, die vom Magdeburger Recht und seinen Folgen erzählen will, könnte beispielsweise fragen, aus welcher Machtkonstellation, etwa zwischen Erzbischof und Kommune, seine balance of power erwachsen ist und welche realen Interessen, etwa fiskalischer Natur, hinter den Städtegründungen in Osteuropa standen. Sie könnte das Spiel der Großmächte nachzeichnen, in dem sich die Städte behaupten mussten, und den Wegen folgen, auf denen Handelswaren, technische Neuerungen und humanistische Lehren über Jahrhunderte in alle Ecken des Kontinents gelangten. Und sie könnte in die Lebenswelten derjenigen blicken, die vom Stadtrecht ausgeschlossen blieben wie die Juden und die einfache Landbevölkerung. Rechtsgeschichte ist immer auch Realgeschichte, in ihr stoßen Prinzip und Wirklichkeit zusammen und formen sich gegenseitig.

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