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Pariser Ausstellung „Ex Africa“ : Die Verflechtung der Welten

  • -Aktualisiert am

Zugunglücke in Europa kennt jeder, afrikanische wie jenes in Kamerun kaum jemand: Pascale Thayos „Éséka“, 2020 Bild: Musée du quai Branly

Aus einer neuen Perspektive: Die Ausstellung „Ex Africa“ im Pariser Musée du Quai Branly unternimmt eine Bestandsaufnahme der afrikanischen Einflüsse in der zeitgenössischen Kunst – und das umfassend.

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          Der römische Historiker und Reiseschriftsteller Plinius der Ältere schrieb, dass – „ex africa semper aliquid novi“ – aus Afrika immer etwas Neues komme, auch im Sinne einer aktiven Wirkung oder besonderen Inspiration. Aber lange nach Plinius ist die Wahrnehmung Afrikas, seiner Kunst und seiner Künstler untrennbar damit verbunden, was die europäischen Kolonialmächte dem Kontinent seit dem sechzehnten Jahrhundert mit Sklavenhandel, Ausbeutung, kultureller Unterwerfung und dem Raub von Kunstobjekten angetan haben.

          Die geplünderten, nach Europa importierten Artefakte wurden bis zum zwanzigsten Jahrhundert mit einer Mischung aus schaulustiger Faszination und kultureller Verachtung gesammelt, dabei mal als groteske, mal als obszöne Fetische vorzivilisierter Bevölkerungen betrachtet. Heute werden sie als „klassische“ oder „alte“ afrikanische Kunst bezeichnet und damit ihr Rang anerkannt. Ein allmählicher Paradigmenwechsel setzte mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein, als die Künstler der Moderne den schöpferischen Reichtum und die revolutionäre, antiakademische Sprengkraft afrikanischer Kunstformen für sich entdeckten. Im Namen eines neu definierten „Primitivismus“ eigneten sich die westlichen Avantgarden Ausdruck und Formenvokabular afrikanischer Figuren, Statuetten oder Masken an und lösten sie aus dem ursprünglich sakralen oder rituellen Kontext. Das vormals pejorative Wort „primitiv“ bekam eine exotisch-progressive Konnotation, die die Expressivität und Freiheit von Formen und Farben bezeichnet oder einem Naturideal Rechnung trägt.

          Kunstgeschichte im MoMA

          Nun ist es ein Gemeinplatz, dass die Moderne dem ästhetischen Einfluss der außereuropäischen, vor allem afrikanischen Kunst viel verdankt. Im Kontext der Ausstellung „Ex Africa – Présences africaines dans l’art d’aujourd’hui“ ergibt es jedoch Sinn, an die Rezeptionsgeschichte zu erinnern. Denn dem Kurator Philippe Dagen – Kunsthistoriker und Kritiker der Tageszeitung „Le Monde“ – geht es mit einer Auswahl von 150 Werken von 34 Künstlern darum, zu zeigen, dass die Essenz des historischen afrikanischen Kulturguts in der heutigen Kunstszene fortwirkt. Ihr gedanklicher Ausgangspunkt ist die Abgrenzung zur legendären Ausstellung „Primitivism in 20th Century Art“, die 1984 im New Yorker Museum of Modern Art ein Kapitel Kunstgeschichte geschrieben hatte und den Untertitel „Affinitäten zwischen Stammeskunst und der Moderne“ trug. Damals wurden Werke von Paul Gauguin, Henri Matisse, Pablo Picasso, Max Ernst oder Paul Klee in einer jeweils vergleichenden Gegenüberstellung mit außereuropäischen Werken präsentiert, um die Anleihen der Modernen, aber auch die Gegensätze zweier Welten zu etablieren. Die Stammeskunst wurde als „primitives“ Repertoire für die formalen Modelle und ästhetischen Entscheidungen der westlichen Avantgarden präsentiert.

          Bis heute fanden zwei weitere Ausstellungen statt, die als Meilensteine gelten: zunächst 1989 im Centre Pompidou die damals bahnbrechende Ausstellung „Die Magier der Erde“, die westliche und außereuropäische Gegenwartskünstler zum ersten Mal in je gleicher Zahl ebenbürtig vereinte, mit dem Anspruch, einen Dialog aufzuzeigen und weiterzuführen. Die Ausstellung „Afrika Remix“ wurde im Jahr 2004 als erste große Gesamtschau afrikanischer Gegenwartskunst im Museum Kunstpalast in Düsseldorf inauguriert. Sie reiste daraufhin über London nach Paris und machte zuletzt sogar auf dem afrikanischen Kontinent, in Johannesburg, Station.

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