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Venedig-Ausstellung in Paris : Das letzte goldene Zeitalter

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Das Pariser Grand Palais führt ins achtzehnte Jahrhundert der Serenissima: Die Kunst blühte, Politik und Militär waren im Verfall. Dann kam Napoleon.

          Gleich beim Betreten des ersten, schummerig beleuchteten Ausstellungsraums entsteht ein visueller Schock, der in eine andere Welt versetzt. Wie angewurzelt bleibt man vor dem immensen, von einem Spot erleuchteten „Porträt des Prokurators Daniele IV. Dolfin“ von Giambattista Tiepolo stehen. Von oben schaut der imposante Mann auf seine Betrachter hinunter, grauweiße Locken fallen auf den die Bildfläche dominierenden scharlachroten Brokatmantel. Der herrisch-scharfe Blick spiegelt die Machtentfaltung der Patrizierfamilien im Venedig des achtzehnten Jahrhunderts, der Mantel die Pracht von Kunst und Lebensart dieser Stadt. Es ist ihr letztes goldenes Zeitalter.

          Zu Beginn des Jahrhunderts steht die venezianische Kultur auf einem Höhepunkt sowohl, was die Bildenden Künste anbelangt, als auch im Kunsthandwerk, in Schauspiel und Musik. Politisch und militärisch ist die Serenissima Repubblica allerdings schon im Abstieg begriffen. Karneval, ausschweifende Festlichkeiten und Spielfreude sind paradoxerweise ein schöpferischer Nährboden für die Künste und führen zugleich in die Dekadenz. Den endgültigen Fall besiegelt Napoleon Bonaparte, als er die Löwenrepublik im Mai 1797 nach achthundert Jahren Unabhängigkeit einnimmt und ihre Kunstschätze plündert.

          Städtisches Treiben am Ufer

          Einen derart weiten Bogen schlägt die Ausstellung „Eblouissante Venise“ – grandioses Venedig – im Pariser Grand Palais und veranschaulicht die Reise in die historische Lagunenstadt mit Gemälden und Skulpturen der großen venezianischen Künstler, aber auch mit Kunsthandwerk, Mode und emblematischen Gegenständen. Der Untertitel „Die Künste und Europa im achtzehnten Jahrhundert“ verweist auf den Einfluss der venezianischen Künstler des Spätbarocks und Rokokos in den benachbarten Machtzentren Frankreich, England, Spanien und im deutschsprachigen Raum.

          Canalettos Blick vom Palazzo Ducale bei blauem Himmel

          Es gibt keine andere Stadt, nicht einmal Paris, die eine solche Anzahl faszinierender Selbstdarstellungen anregen konnte und dadurch ihren Mythos zugleich erfand und perpetuierte. Das Genre der Veduta, der gemalten Stadtansicht, konnte sich nirgendwo besser als am Canal Grande entfalten. Einer der ersten venezianischen Vedutenmaler war Luca Carlevarijs (1663 bis 1730). Er bediente Venedigreisende mit pittoresken und effizient, gleichwohl ein wenig emotionslos gemalten Stadtansichten, die das venezianische Leben vor dem Hintergrund prachtvoller Perspektiven spielen lässt. Es entsteht ein regelrechter Markt für Veduten, die bei den europäischen Adeligen auf Bildungsreise, der Grand Tour, ihre Abnehmer finden. Carlevarijs wird künstlerisch bald von Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, übertrumpft. Dieser etwa gibt das städtische Treiben am Ufer vor dem Dogenpalast, der Riva degli Schiavoni, wieder und taucht seine Stadtansicht in ein ganz neues, energiesprühendes Licht. Gerade das Frühwerk zeigt eine besondere, etwas grobe Pinselführung, die Texturen von Mauerwerk und im Wind trocknender Wäsche wie auf „Rio dei Mendicanti“ von 1723, von Gesteinsbrocken oder den Holzfassaden der „Werkstatt der Steinmetze“ von 1725 fühlbar wiedergibt.

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