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Ausstellung zum Mauerfall : Die ganze Gefühlsskala einer geteilten Welt

Schattenspiel zum Jubiläum des Mauerfalls: Eine Themenausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau will mit Kunst „Durch Mauern gehen“.

          3 Min.

          Man läuft durch einen nachtschwarzen Gang, an dessen Ende Stimmen zu hören sind, Rufe auf Arabisch, dann steht man an einer Brüstung vor einer Leinwand, auf der ein Wachtturm und ein Sendemast im Nebel auf einem Hügel zu sehen sind. Die Rufe gehen weiter, es sind Frauen- und Männerstimmen, und jetzt erscheint anstelle des Fotos die Übersetzung ihrer Worte: „Mein Herz, meine Liebe“ steht da und „seid gesegnet, meine Tochter, mein lieber Sohn“ und „mir geht es gut, wir werden uns wiedersehen, sei glücklich, denk an mich“. Es sind syrische Drusen, die ihre Angehörigen im israelisch besetzten Golan-Gebiet über einen UN-Kontrollpunkt hinweg mit Megaphonen grüßen. Die Menschen drüben grüßen zurück, Stimmen hallen durch den dunklen Raum wie ein Chor aus dem Jenseits. Es ist erschütternd.

          Andreas Kilb
          (kil.), Feuilleton

          Die Installation „Mother’s Day“ der israelisch-britischen Künstlerin Smadar Dreyfus ist die Entdeckung der Gruppenausstellung „Durch Mauern gehen“ im Berliner Gropius-Bau, und das will etwas heißen. Denn unter den achtundzwanzig Künstlern, die die Kuratoren Sam Bardouil und Till Fellrath versammelt haben, sind international bekannte Namen, die anders als Smadar Dreyfus auf Wikipedia stehen und deren Werk auch in Einzelausstellungen gezeigt wird. Marina Abramovic ist dabei und Mona Hatoum, Regina Silveira, Willie Doherty und der vor zwei Jahren gestorbene Gustav Metzger, aber es ist dennoch „Mother’s Day“, der Muttertag, der unter den Bildern, Filmen, Skulpturen und Tönen den tiefsten Eindruck hinterlässt. Das liegt nicht an den Erklärungen der Kuratoren, die auf Giorgio Agambens Neudefinition des „homo sacer“, des vogelfreien Menschen, und auf die Tatsache verweisen, dass das grenzüberschreitende Rufen auf dem Golan seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs nicht mehr stattfindet, sondern an der schlichten sinnlichen Evidenz von Dreyfus’ Installation. Trauer und Hoffnung, Sehnsucht und Verzweiflung, die ganze Gefühlsskala einer von Mauern geteilten Welt kann man hier nacherleben, und das in Rufweite der Berliner Mauerreste, die vor dem Gropiusbau in der Niederkirchner Straße stehen.

          Diffus zusammengestellte Arbeiten

          „Durch Mauern gehen“ ist die Ausstellung des Hauses zum Jubiläum des Mauerfalls, aber ganz so konkret wollen es die Kuratoren dann doch nicht haben, weshalb sie im Katalog von „antagonistischen Realitäten von Verweigerung und Zugänglichkeit“ und „Vorstellungen von Trennung und Einheit sowie Inklusion versus Exklusion“ raunen, die man – was sonst – „hinterfragen“ müsse. Entsprechend diffus wirken die von ihnen zusammengestellten Arbeiten: ein Video von Dara Friedman („Whip Whipping the Wall“), eine Weltkugel aus Armierstahl mit Betonresten von Mona Hatoum, ein Ensemble aus fünfzig Tischen und zwei Stühlen von José Bechara, eine umgestürzte Wendeltreppe von Aki Sasamoto, zwei Gemälde des Chinesen Yuan Yuan, eine Raumskulptur von Fred Sandback („Untitled 2550“), ein Sarajewo-Film von Anri Sala („1395 Days Without Red“) und anderes mehr.

          Nicht, dass diese Auswahl gar nichts mit dem Thema „Mauern“ zu tun hätte, aber sie streift es doch nur so ungefähr wie ein Wolkenschatten, der über eine Landschaft zieht. Am deutlichsten im historischen wie aktuellen Sinn wirken noch die drei Exponate, die direkt von Flucht und Migration handeln: Emeka Ogbohs Klanginstallation „Song of the Germans“, in der geflüchtete Afrikaner die deutsche Nationalhymne in ihren Heimatsprachen singen, bis einem die Ohren schlackern; „Shadow Play“ von Javier Téllez, ein filmisches Schattenspiel mit Geschichten von Migranten; und Michael Kviums Großbild „Beach of Plenty“, auf dem europäische Urlauber an einem Mittelmeerstrand ein landendes Flüchtlingsboot anstarren. Keine Jahrhundertwerke, aber Tageskunst, die ihren Punkt macht, und das ist in einer Kuratorenschau wie dieser schon viel.

          Hier wie überall gilt die allgemeine Unschärferegel der Rhetorik: Wer nichts Genaues sagen kann, sagt lieber alles Mögliche als nichts. Sam Bardaouli und Till Fellrath haben schon viele Ausstellungen in vielen Ländern kuratiert, und sie wollen weiter im Geschäft bleiben, weshalb sie in ihrer Selbstdarstellung auch lieber von „örtlicher nationalistischer Stimmung“ als von Erdogans Polizeistaat reden, der ihre Tätigkeit in Istanbul überschattete. Dafür zitieren sie sehr schön Hannah Arendt und Foucault, dessen Sätze sie sogar nachträglich mit Gendersternchen spicken, damit sie in die neue Zeit passen. Den Mauerfall halten Fellrath und Bardaouli übrigens für „eines der wichtigsten Symbole für den Utopismus des 20. Jahrhunderts“. Utopismus? Ginge es da nicht um Reise-, Rede- und Meinungsfreiheit? Ach, das alles ist ja so lange her.

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