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„Digital Imaginaries“ im ZKM : Magie des Elektroschrotts

Gruselhase trifft Billy the Kid: Maurice Mbikayis als Kostüm tragbare Skulptur „Mask of Heterotopia“ (2018) besteht aus Einzelteilen von Computertastaturen. Bild: ZKM

In der Ausstellung „Digital Imaginaries“ im ZKM deuten afrikanische Künstler mit subversiven Gesten die Kultur der Mächtigen um.

          Der Buchstabenzauber, der diesen kongolesischen Golem ins Leben ruft, ist digital: Teile von Computertastaturen formen seinen Kopf und bedecken seinen Leib. Die schwarzen und weißen Plastikquader mit Lettern und Zeichen bilden ein klappriges Ganzkörperkostüm, gekrönt von einer Hasenmaske. Wie auf einem Thron, die linke Hand auf ein Szepter oder einen Spazierstock gestützt, sitzt der Künstler Maurice Mbikayi damit angetan da, in seinem fotografischen Selbstporträt „Mask of Heterotopia“ von 2018.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Verkörpert er eine Fruchtbarkeitsgottheit? Ein Totem? Hat sich der 1974 geborene Mbikayi von Alice im Wunderland inspirieren lassen? Von Basteleien aus Abfall? Oder, wie der Titel nahelegt, von Michel Foucaults Konzept der Heterotopie, das abgegrenzte Orte jenseits der gesellschaftlichen Ordnung beschreibt, an denen diese auf eigentümliche Weise verzerrt gespiegelt wird? All das klingt an. Mbikayi spielt aber auch, wie ein ausgestelltes Cowboy-Kostüm aus Tastatur-Textil unterstreicht, mit der kongolesischen Subkultur des „Billism“, die in den späten fünfziger Jahren blühte: Sich wie Billy the Kid auszustaffieren, als Dandy-Westernheld nach Vorbild des Kinos durch die Straßen zu flanieren hatte auch einen antikolonial-rebellischen Touch im damaligen Belgisch-Kongo, das als Kronbesitz eines fremden Königs eine grausame Heterotopie der westlichen Welt darstellte.

          Subversive Gesten, die Elemente aus der Kultur der Mächtigen aufnehmen und eigenwillig umdeuten: Darum geht es in vielen der Arbeiten zeitgenössischer Künstler aus Afrika, die das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in seiner Ausstellung „Digital Imaginaries – Africas in Production“ präsentiert. Die Kolonialgeschichte wirkt als lebendige Vergangenheit nach, doch die neuen Kolonisatoren unterwerfen vom Silicon Valley aus den Globus und schauen (ebenso wie chinesische und indische Investoren) begierig auf den afrikanischen Kontinent als riesigen Wachstumsmarkt: Nirgends sind Gesellschaften jünger, nirgends haben Mobiltelefone und mobile Bankdienstleistungen einen solchen Boom erlebt wie dort. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat sich auf die Fahnen geschrieben, mobiles Internet überall in Afrika verfügbar zu machen. Dass das etwa so selbstlos ist wie Cecil Rhodes’ auf die Eisenbahn als Schlüsseltechnologie des neunzehnten Jahrhunderts gemünzter Kap-Kairo-Plan, ein Symbol des britischen Imperialismus, dürfte klar sein. Das Internet eröffnet den Zugang zur digitalen Sphäre und ist in diesem Sinne Werkzeug der Teilhabe und Selbstermächtigung. Die wahre Macht hat aber letztlich nicht derjenige, der online gehen und Daten generieren kann, sondern haben diejenigen, die diese Daten sammeln, manipulieren, auswerten und aus ihnen Kapital schlagen.

          „Core Dump“ von Francois Knoetze.

          Wie lebhaft die Diskussion über dieses Dilemma von Digitalkünstlern in und aus Afrika geführt wird, führt „Digital Imaginaries“ eindrucksvoll vor Augen. Die Ausstellung markiert den Abschluss einer Projektreihe, die im Frühjahr 2018 mit dem Afropixel Festival in Dakar begann und im Sommer des Jahres mit dem Fak’ugesi African Digital Innovation Festival sowie einer Ausstellung im Wits Art Museum in Johannesburg fortgesetzt wurde. Eine gemeinsam mit den Partnern aus Senegal und Südafrika herausgegebene Publikation wird im Herbst 2019 den Abschluss bilden. Zuvor versammelt das ZKM schon an den vorherigen Stationen ausgestellte sowie eigens für „Digital Imaginaries“ entstandene Werke von Künstlern aus zehn afrikanischen Ländern sowie der internationalen Diaspora.

          Dass sie nicht im luftleeren Raum arbeiten, sondern fest auf dem Boden der sozialen Wirklichkeit stehen, drängt sich immer wieder auf. Ein Stahlskelett-Pavillon, den Yasmine Abbas und DK Osseo-Asare auch auf dem Schrottplatz Agbogbloshie in Ghana aufgestellt haben, ist das Relikt einer „Makerspace Platform“: Der Pavillon diente als Freiluftlabor und Werkstatt, in der Künstler, Studenten und Wissenschaftler mit Menschen zusammenkamen, die den massenweise auf der Müllhalde deponierten Elektroschrott aus den Industrienationen ausschlachten und verwerten. Entstanden ist der Prototyp eines intelligenten Vordachs und ein Gerät, das Daten zur Luftqualität sammelt.

          „Mad Horse City“ von Olalekan Jeyifous.

          Die physische Aggressivität, die ein raumfüllender Berg elektronischer Abfälle ausstrahlt, inszeniert François Knoetze aus Kapstadt. Für seine Installation „Core Dump“ kombiniert er Eingeweide von Computern mit Videobildschirmen, auf denen technoide Zombies zum Leben erwachen. Das magische Denken Afrikas schlägt hier neue Wege ein. Auf ganz andere Weise geschieht das auch in der immersiven Videoinstallation „Borderland“ von Kombo Chapfika aus Zimbabwe. Betrachter können durch Handbewegungen Silhouetten schwebender Figuren lenken, Symbole für die Geister der Ahnen. Diesseitige Grenzen erkunden Larry Achiampong und David Blandy, indem sie ihre Avatare als Migranten durch Videospielwelten irren lassen, und Younes Baba-Ali, der mit seinem videoüberwachten, mit Stacheldraht bewehrten Käfig die Aussage trifft: „Everything Is a Border“.

          Die Spannweite der Arbeiten reicht von traditionell anmutender Perlenkunst, mit deren Hilfe eine afrikanische Tradition algorithmischen Denkens beschworen wird, über einen Beitrag zum expandierenden Städtebau der Gegenwart bis zu Zukunftsvisionen wie der eines Science-Fiction-Films aus Kenia. Afrika präsentiert sich als Kontinent der Ungleichzeitigkeiten, der Vielfalt und Unterschiede. Der internationale Kunstmarkt setzt auf seine Dynamik, dafür ist auch diese Ausstellung ein Symptom. Künstler wie „The Nest Collective“ aus Nairobi brechen den Trend ironisch auf. In ihrer Kurzfilmserie „We Need Prayers“ behängt sich eine Frau mit allerlei Kabeln und Elektro-Firlefanz, bis sie aussieht wie eine Ethno-Techno-Puppe. Kann sie sich so nicht perfekt als Vertreterin des hochgehandelten Afrofuturismus positionieren? Dass der mehr als Mummenschanz ist, beweist ein Rundgang durch die Ausstellung.

          Digital Imaginaries – Africas in Production, bis zum 31. März im ZKM Karlsruhe.

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