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Design sowjetischer Raumfahrt : Die Taiga fliegt auch im Weltraum immer mit

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Heimelige Innenausstattung in Pastell statt revolutionäre Allmachtsphantasien in Rot: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt zeigt die Entwürfe Galina Balaschowas für die sowjetische Raumfahrt.

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          Um sich in den Orbit zu katapultieren, bedarf es nur eines einzigen Wochenendes. Galina Balaschowa, eine junge Architektin aus Leonid Breschnews erster Amtszeit als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets, hat im Moskauer Experimental-Konstruktionsbüro OKB-1 eine verdienstvolle Aufgabe – sie entwirft Wohnungen, meist Plattenbauten, für die Abertausenden Angestellten des Instituts, zeichnet Pläne für einen Kulturpalast oder koordiniert schlicht die Renovierungsarbeiten des Kombinats.

          Wir befinden uns im Jahr 1963, die Konstruktionsplanungen für die Raumschiffe der Sojus-Reihe laufen auf Hochtouren. Die Ingenieurstechnik ist die eine Sache, nur bei den Fragen der Raumaufteilung der Kapsel sind die Ingenieure überfordert. Der Leiter des Büros, der Weltraumpionier Sergej Koroljow, fragt die einzige Architektin in seinem Betrieb, ob sie sich nicht Gedanken darüber machen könnte, wie die Kosmonauten im Weltraum wohnen sollten. Am besten gleich über das Wochenende. Bereits ein Jahr später ist die junge Architektin leitende Ingenieurin im sowjetischen Mond-Programm und kümmert sich um das Interieur von Raumschiffen und Raumstationen. Und sie wird das für die nächsten dreißig Jahre tun.

          Heimelige Weltrauminnenarchitektur

          Mehr als fünfzig Jahre nach diesem denkwürdigen Wochenende zeigt das Deutsche Architekturmuseum (DAM) das Lebenswerk dieser Weltraumarchitektin. Die Ausstellung „Design für die sowjetische Raumfahrt: Die Architektin Galina Balaschowa“ wurde am vergangenen Wochenende in ihrem Beisein in Frankfurt eröffnet. Um es vorwegzunehmen: Die russische Weltraum(innen)architektur hat nichts mit den futuristischen Filmkulissen des James-Bond-Set-Designers der sechziger und siebziger Jahre, Sir Ken Adams, zu tun. Sicher, es ging um die Zukunft, nur diese Erwartung wird uns in Frankfurt geradezu heimelig vorgeführt.

          In der Ausstellung geht es auch nicht um die Rivalitäten der beiden Supermächte. Die vierundachtzigjährige Galina Balaschowa dankte bei der Eröffnung für die Anerkennung ihres Lebenswerkes, aber sie sprach nicht als Gesandte einer stolzen Weltmacht. Vielmehr erlebten die Zuhörer eine gerührte ältere Dame sowie zwischendurch die fürsorglichen Worte ihrer mitgereisten Enkelin, die sich um den Übersetzer sorgte, weil dieser formvollendet höflich nicht die lange Rede ihrer Großmutter unterbrechen wollte.

          Die menschlichen Bedürfnisse reisen mit ins All

          Allmachtsphantasien, Stolz, nationalistisches Gehabe, all das wird man in dieser Ausstellung nicht finden. Kein revolutionäres Rot beherrscht die Kulisse – von den Wänden, aus den Vitrinen blicken uns gedeckte, gebrochene Töne entgegen. Rot sei keine Farbe für Architektur, sagt Galina Balaschowa – in der Welt der russischen Kosmonauten sind die Wände pastellig gelb, irdisches Grün des Bodens erinnert an die Taiga, und die Klapptische waren himmelblau. Neben der Fülle an technischen Zeichnungen sind es vor allem die akademisch aquarellierten Darstellungen der Wohnräume, der schwerelosen Heimat für mehrere Wochen, die sehenswert sind. In diesen Studien sitzen Menschen zwischen Boden und Decke, und an den Wänden hängen Landschaftsbilder. Dabei hat der Raum kein Oben und Unten – die Schwerelosigkeit kennt diese konventionellen Denkweise nicht. Dennoch reisten die menschlichen Bedürfnisse mit ins All.

          Während die Kosmonauten in Wirklichkeit ihrer Mission in dem heimeligen Orbital-Modul des Raumschiffs Sojus nachgingen, träumte Stanley Kubrick von der Raumfahrt im Jahre 2001 und lässt HAL, den Computer der Baureihe 6000, die Discovery One mit den Astronauten zum Jupiter steuern. Galina Balaschowas gemalte Landschaften ihrer Heimat hätten dort keinen Platz gefunden. Ihre Bilder kehrten nie zurück, sie verbrannten mit jenen Teilen des russischen Raumschiffs, die im Landeanflug auf die Erde verglühten.

          1973, zehn Jahre nach dem Wochenende, das ihr Leben so radikal verändern sollte, gestaltete Galina Balaschowa zudem das Corporate Design der ersten amerikanisch-sowjetischen Kooperation im Weltraum, der „Apollo-Sojus-Mission“. Die dazugehörige Geschichte über die ihr vorenthaltenen Urheberrechte und die Handvoll Rubel als Entlohnung kann man in dem schon im vergangenen Jahr bei DOM publishers erschienenen Band von Philipp Meuser über Galina Balaschowa nachlesen, der sich als Begleitband zur Ausstellung empfiehlt.

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