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„Bladerunner“-Architekt Mead : Das Raumschiff als paradiesischer Lebensraum

  • -Aktualisiert am

„Visual futurist“ nannte sich Syd Mead spontan, als ihn der Regisseur Ridley Scott anrief und nach seinem Beruf fragte. Eine Ausstellung in Berlin würdigt den „Blade Runner“-Filmarchitekten.

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          Künstler mögen es nicht, wenn die Besucher einer Vernissage die Bilder kurz mustern und ihnen dann den Rücken zuwenden, um den Rest des Abends dem Gläschen Prosecco und dem Smalltalk zu frönen. Im O&O Depot, einem der interessantesten neuen Kunsträume des Berliner Westens, war es diesmal anders. 33 Blätter, farbschwelgende Gouachen des Amerikaners Syd Mead, zogen die Besucher in ihren Bann, und jeder Einzelne hat wohl jedes einzelne der Blätter eingehend studiert.

          Syd Mead, geboren 1933 in Saint Paul, Minnesota, war eigentlich Designer. Er entwarf im Auftrag von Konzernen wie Ford, Chrysler oder Philips mit Lust und Hingabe elegante dynamische Karossen, Boote, Bahnen und allerlei Gerätschaften. Zum Film kam er erstmals 1978, als er am Set von „Star Trek“ mitarbeitete. „Visual futurist“ nannte sich Syd Mead spontan, als ihn Regisseur Ridley Scott anrief und nach seinem Beruf fragte. Der Filmemacher brauchte jemanden, der futuristische Fahrzeuge für den Film „Blade Runner“ entwerfen könnte. Wenn Mead etwas konnte, dann das: Als Scott sah, welch futuristische Ambiente Mead sich jeweils als Hintergrund für die schnittigen Karossen hatte einfallen lassen, beauftragte er ihn gleich mit dem kompletten Filmset. Blade Runner wurde 1982 zum Kultfilm vor allem in Architektenkreisen und blieb es bis heute. Sein Einfluss auf viele kulturelle Genres wie Film, Videospiele, Musik und Popkultur ist kaum zu unterschätzen. Später prägte Mead Filme wie „Tron“, „Aliens – Die Rückkehr“, „Mission to Mars“ und „Elysium“. Er entwarf ganze Städte und dazu die utopischen Mobilitätskonzepte, Bahnen, Flugapparate, autonome Autos, Raumschiffe, darunter auch Wernher von Brauns ringförmige Orbitalstation, deren Prinzip er dann 2013 im Film „Elysium“ zum gigantischen, doppelringförmigen Trabanten ausbaut. Mit ganzen Landschaften, Parks und französischen Schlössern wird das Raumschiff zum paradiesischen Lebensraum für die Privilegierten, die sich dem Elend der übervölkerten Welt unter ihnen entheben. In Elysium schwelgt Mead in ungehemmtem Technizismus, bedient sich der Motive aus der Welt der Großtechnik, der Ölplattformen, der Großwerften, des Brückenbaus.

          Mit den Augen spazierengehen

          Dabei ist ihm der Schauwert immer wichtiger als die dynamische Großform, die man gern futuristisch nennt. Seine Lust am Detail ist atemberaubend. Das kinoästhetische Prinzip ist der Überfluss, denn es gibt immer mehr zu sehen, als die Dynamik der Filmsequenz es dem Zuschauer erlaubt zu erfassen. Im Film rauscht alles rasch vorbei, aber Syd Meads Entwürfe muss man eigentlich an die Wand hängen, um sie in Ruhe studieren zu können – wie es derzeit im O&O Depot geschieht. Die Schau wurde kuratiert vom Berliner Filmemacher und Kommunikationswissenschaftler Boris Hars-Tschachotin, der 2014 bereits die Ken-Adam-Retrospektive im Deutschen Filmmuseum verantwortete. Ausgehend von den ikonischen Zeichnungen für Blade Runner traf er eine Auswahl urbanistischer Entwürfe, der „Future Cities“.

          Wenn Mead eine futuristische Stadt zeichnet, mit unglaublicher Akribie und großartiger Maltechnik, entstehen atmosphärisch ausgesprochen intensive Blätter, in denen, fast wie in Wimmelbildern, viele einzelne Geschichten zu entdecken sind. Man kann in jedem Bild zehn Minuten mit den Augen spazieren gehen. Gleichzeitig hat er den Stil dieses Genres geprägt, einen funktional realistisch erscheinenden Technizismus als Fortschreibung von Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“, dessen Bildsprache in zahlreichen Science-Fiction-Filmen weiterlebt, aber auch in aktuellen Computerspielen wie „Cyberpunk 2077“, das im nächsten Jahr erscheinen wird. Blade Runner spielt im November 2019 in Los Angeles; es ist erstaunlich, dass die Berliner Schau im O&O Depot als einziges Event weltweit an dieses Datum erinnert.

          Syd Mead. Future Cities, Kunstraum O&O Depot, Berlin, bis 16. Januar. Kein Katalog

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