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Die Vereinigung der XI : Der Stehkragen passte den Rebellen wie ihren Feinden

Zartfarbene Frühlingsphantasie: Ludwig von Hofmanns „Mädchen am Strande (Abendstimmung)“, gemalt um 1898, Öl und Tempera auf Leinwand Bild: akg-images

Der Humus, aus dem die malerische Moderne entsprang: Das Bröhan-Museum in Berlin zeigt aktuell die Kunst der kurzlebigen, aber einflussreichen „Vereinigung der XI“.

          Im sechsten Kapitel von Thomas Manns „Zauberberg“ verirrt sich Hans Castorp auf einer Wanderung in einem Schneesturm. Im Windschatten eines Heuschobers schläft er ein. Während der Sturm tobt, sieht er im Traum eine Landschaft „in wachsender Verklärung“, eine Meeresbucht „von tiefer Himmelsreinheit“, an der sich edle Jünglinge und schöne Mädchen in „verständiger Frömmigkeit“ tummeln, die einen mit Pferdezucht und Bogenschießen beschäftigt, die anderen im Reigen tanzend. Es ist das Bild einer Welt im Zustand der Unschuld, und Ludwig von Hofmann hat es gemalt. Der Schriftsteller aus Lübeck hatte den Maler aus Darmstadt auf dem Höhepunkt der Jugendstil-Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg für sich entdeckt. Hofmanns Ölbild „Die Quelle“, erworben im Jahr 1914, hing bis zu Thomas Manns Tod über seinem Schreibtisch; heute gehört es zum Mann-Archiv an der ETH Zürich.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zwanzig Jahre zuvor, als Thomas Mann sich gerade nach dreimaligem Sitzenbleiben auf den Erwerb der mittleren Reife am Lübecker Katharineum vorbereitete, hatte der achtundzwanzigjährige Maler in Berlin seinen ersten Umgang mit einem breiteren Publikum. Auf der zweiten Gruppenausstellung der Vereinigung der XI im Palais Redern – an dessen Stelle heute das Hotel Adlon steht – waren Hofmanns zartfarbene Frühlingsphantasien das Tagesgespräch. Ein Jahr später, als die Ausstellung der Elfergruppe in der Berliner Kunstszene fest etabliert war, zeigte Hofmann mit „Frühlingserwachen“ und „Drei Mädchen am Waldbach“ zwei seiner Hauptwerke. Zarte, skizzenhaft umrissene Mädchen- und Jungenkörper lagern an Wiesenbächen oder pflücken Blumen am Teich. Die Reaktion auf die Ankunft des Jugendstils in der kaiserlichen Metropole war gespalten: Während ein Kunstkritiker den Maler als „Genie ohne Arme“ verspottete, pries Walter Leistikow, der Sprecher der elf, Hofmann als den eigentlichen Neuerer der Gruppe.

          Pastell auf Malkarton: Franz Skarbinas „Blumenfest in Paris (Fête des Fleurs)“, um 1894

          Vorbereiter der deutschen Kunstbewegung

          Die Ausstellung zur Vereinigung der XI, die das Berliner Bröhan-Museum seit vergangener Woche zeigt, enthält nur wenige faksimilierte Dokumente zur Geschichte ihres Gegenstands. Stattdessen erhalten die Bilder das Wort. Das ist in diesem Fall historisch sinnvoll. Der Elferbund, gegründet im Frühjahr 1892 als Gegenbewegung zur reaktionären Ausrichtung der Preußischen Kunstakademie und des Vereins Berliner Künstler, hatte ein kurzes Leben; schon 1899 erlosch er mit der Gründung der Berliner Secession. Umso wichtiger waren die elf als Vorbereiter der deutschen Kunstbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Als die erste Gruppenausstellung in den Räumen der Galerie Schulte am Pariser Platz eröffnet wurde, waren vier der wichtigsten späteren Secessionisten mit dabei – Leistikow, Hofmann, Skarbina und Max Liebermann. Keiner von ihnen hatte bislang in Berlin reüssiert. Der Impressionismus war in der Hauptstadt noch ein Gerücht, der Symbolismus ein fernes Raunen. So nutzte jeder der vier die Aufmerksamkeit der Medien für einen marktgerechten Auftritt.

          Liebermann inszenierte sich mit seinem Pastellbildnis von Gerhart Hauptmann als zeitgemäßer Porträtist. Skarbina zeigte 1894 eine Szene aus dem Pariser Bois de Boulogne als schmissiges Hybrid von Impressionismus und Menzelscher Reportagemalerei. Leistikow präsentierte neben hypnotischen Seestücken wie dem „Hafen“ seine umschatteten Grunewald-Landschaften mit solchem Erfolg, dass er bald schon klagen konnte, die Welt wolle nur noch Grunewald von ihm.

          Auch Nachrücker wie Max Klinger, der 1894 für den ausgeschiedenen Genremaler Müller-Kurzwelly aufgenommen worden war, kamen zu ihrem Recht. 1895 zog seine zweifarbige Marmorstatue „Kassandra“ als plastisches Zeugnis der neuen Kunstbewegung in die Galerieräume. Jacob Alberts stellte mit seinen Bauernszenen aus Nordfriesland die Verbindung zur Worpsweder Malergruppe her. 1898 wurde mit Dora Hitz die erste Frau in den Elferbund aufgenommen. Ihr ätherisches „Sonnenkind“ von 1895 gehört zu den Entdeckungen der Berliner Ausstellung.

          Ölgemälde auf Leinwand: Max Liebermanns „Badende Knaben“, um 1900

          Szenen aus der Hexenküche

          Die Vereinigung der XI hatte kein Programm. Was sie wollte, war, wie Leistikow vier Jahre nach der Gründung erklärte, allein etwas „erfrischende Realität im Kunstgenuss“. In Berlin, wo der Akademismus eines Anton von Werner die Kunstakademie dominierte und eine Edvard-Munch-Ausstellung des Künstlervereins nach Protesten älterer Mitglieder geschlossen wurde, war das etwas Neues. Deshalb fragte sich auch niemand, warum aus heutiger Sicht altbacken wirkende Künstler wie der Marinemaler Hugo Schnars-Alquist oder der Corot-Epigone Hans Herrmann Mitglied der Elfergruppe waren. Die Grenzen zwischen Moderne und Reaktion waren damals noch fließend, die „Ismen“ noch nicht zu Glaubensbekenntnissen geronnen. Franz Skarbina etwa, obwohl Mitbegründer der Secession, machte 1902 seinen Frieden mit dem Berliner Künstlerverein und erhält später auch Aufträge vom wilhelminischen Kaiserhof. Der Stehkragen passte den Impressionisten so gut wie den Schlachtenmalern.

          Die Ausstellung kombiniert jene knapp vierzig Bilder, die nachweislich in den Ausstellungen der elf zu sehen waren, mit sechzig weiteren Werken der beteiligten Künstler, ohne dabei den Bogen der Zuordnungen zu überspannen. Man sieht, wie sich der Humus bildete, aus dem die malerische Moderne in Berlin entsprang, aber man bekommt keine kunstgeschichtlichen Wertungen aufs Auge gedrückt. Das letzte große Bild der Ausstellung ist Martin Brandenburgs „Windsbraut“, die mit ihrer hexenhaften Knochigkeit schon auf dem Flug vom Jugendstil zum Expressionismus ist. Bei Thomas Mann enden Hans Castorps Traumbilder mit einer Szene aus der Hexenküche: Zwei zottelhaarige Weiber braten am offenen Feuer einen Säugling. Vor Schreck beginnt der Träumer, über das Gesehene nachzudenken. So entkommt er den Untergangsphantasien seiner Zeit.

          Skandal! Mythos! Moderne! Die Vereinigung der XI in Berlin. Bröhan-Museum, bis 15. September. Der Katalog kostet 23 Euro.

          Auch im Bröhan-Museum zu sehen: Franz Skarbinas „Promenade in Karlsbad“, 1890-1894

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