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Ostkreuz sieht Europa : Von Schranken und Wänden

In „Papa, Gerd und der Nordmann“ (2017-2020) setzt sich Espen Eichhöfer mit der norwegischen Herkunft seiner Mutter auseinander. Bild: Espen Eichhöfer/OSTKREUZ

Drang nach Abschottung und Sehnsucht nach Gemeinschaft: Eine Berliner Ausstellung des Fotografenkollektivs Ostkreuz zeigt Europa als widersprüchlichen Kontinent.

          3 Min.

          Am 12. November 2015 eröffnete das deutsche Fotografenkollektiv Ostkreuz in Paris zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen eine Ausstellung. Die langjährige Zusammenarbeit an so anspruchsvollen Formen wie dokumentarischer Fotografie und Foto-Essay unter dem Dach einer Agentur musste gefeiert werden. Doch am Tag darauf riss das islamistische Attentat im Bataclan die Ostkreuz-Mitglieder aus der Festtagsstimmung. Seitdem scheint sich Europa zunehmend zu radikalisieren. Die Demokratie selbst, so empfanden es die Fotografen, war auf ihrem Kontinent in Gefahr. Die Idee zu der kollektiven Schau, die jetzt unter dem Titel „Kontinent – Auf der Suche nach Europa“ in der Berliner Akademie der Künste zu sehen ist, entstand in den damaligen Tagen des Schreckens.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Es ist eine vielteilige und überaus beeindruckende Schau von 22 Fotografinnen und Fotografen, die man am besten ohne Vorbereitung betritt. Später kann man im dicken Katalog nachlesen, es gehe um eine Einladung „zu einem dynamischen und komplexen Nachdenken“ über die Zukunft des Kontinents und so weiter. Aber vor der Idee der Fotografen zerfällt jede Abstraktion. Jörg Brüggemann etwa hat nur emotionalisierte Köpfe fotografiert. Junge und Alte, zornige und nachdenkliche Gesichter, manche mitten im Ruf oder Schrei – das demonstrierende Europa, der Erdteil der freien Kundgebung, egal wofür oder wogegen. Brüggemanns große Köpfe, ein Fanal der Individualisierung ohne Wertung, hängen wie Flaggen in allen Räumen.

          Ein neuer, ängstlicher Nationalismus

          Dass die Fotografen zusammenhängende Serien schufen, sorgt für innere Einheit. Aber wie die verschiedenen Gruppen in den Sälen verteilen? Der Kurator Ingo Taubhorn entschied sich für ein System der Korrespondenzen. Am Anfang steht der Kontrast zwischen roh und technizistisch, arm und reich. Auf der rechten Seite Tobias Kruses Serie „Jaywick“ über ein heruntergekommenes ostenglisches Küstendorf, in dem Arbeitslose und Sozialfälle landen, die von den Metropolen ausgespuckt wurden. Gegenüber Dawin Meckels Bilderfolge „Die Wand“ über die geometrisch kalten Stein- und Stahlfassaden der City of London, vor denen die Passanten – Träger unvermeidlicher Smartphones und Kaffeebecher – wie Arbeitsbienen des Kapitals wirken. Privilegiert oder geknechtet? Die schöne alte Frau, die in Jaywick mitten im Feld hockt und dem Fotografen über festen Lippen einen Blick voller Zuversicht zuwirft, wirkt freier als alle Anzugträger mit dreißigfachem Gehalt.

          Für seine Serie „Richtige Einstellung“ begleitet Frank Schinski seit 2017 Bewerber bei verschiedenen Einstellungsprozessen in europäischen Ländern. Bilderstrecke
          „Ostkreuz“-Ausstellung : Von Schranken und Wänden

          Manche Fotografen haben sich dem Thema situativ genähert. So reiste Annette Hauschild für ihre Serie „Die Helfer“ in ein griechisches Flüchtlingslager, Ina Schoenenburg in das deutsch-polnische Grenzgebiet an der Oder, Jordis Antonia Schlösser in osteuropäische jüdische Gemeindezentren und Heinrich Voelkel an dichtgemachte Grenzübergänge zu Frankreich, Österreich, Belgien und Luxemburg während des ersten Lockdowns der Corona-Krise. Voelkel ist einer der wenigen, der keine Menschen zeigt, sondern rot-weiße Absperrungen, in denen man ein Sinnbild eines neuen, ängstlichen Nationalismus sehen darf. Für andere sind Haltung und Körper, Gesten und Gesichter – reine Gegenwart – noch immer das Zentrum der Fotografie.

          Sehnsucht nach Gemeinschaft

          In ihrem Foto-Essay „Holzbachtal, nothing, nothing“ hat Sibylle Fendt eine zeitliche Tiefendimension dazugenommen. In dem idyllischen Schwarzwaldnest befindet sich eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Deren jahrelanges Warten über den Behördenentscheid markiert die Serie, die ruhige, fast kontemplative Porträts in Kontrast zur jahreszeitlich wechselnden Landschaft setzt.

          Europa als Gedächtnisspeicher, dieses Thema tritt in den Schwarzweißarbeiten von Maurice Weiss hervor, der in seinem südfranzösischen Heimatdorf, aber auch in Spanien, Litauen, Russland oder Österreich den immer noch sichtbaren Spuren von lange zurückliegenden Gewalttaten nachgeht. „Unfamiliar Memory“ nennt dagegen die in der Ukraine geborene Mila Teshaieva ihre mit surrealem Effekt nachgestellten Familienszenen, die viel Raum für fromme Geschichtslügen und therapeutische Fiktionen lassen. Es gibt ein Verlegenheitswort von Europa-Propagandisten, mit denen die historischen, religiösen und kulturellen Unterschiede glattgebügelt werden sollen: „Einheit in der Vielfalt.“ Aber die Vielfalt ist real, die Einheit fragwürdig.

          Vielleicht verrät die Ostkreuz-Ausstellung über den kompliziertesten aller Kontinente, jenseits aller formalen Unterschiede, nichts so sehr wie Sehnsucht nach Gemeinschaft.

          Kontinent – Auf der Suche nach Europa. Berlin, Akademie der Künste; bis 10. Januar 2021. Der gebundene Katalog kostet 40 Euro.

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