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Ausstellung : Der Malerfürst für Maler

Die Salonkritik sah nur gotische Barbarei und bizarrste Effekte: Dieser Rückschritt hinter van Eyck, diese Schwäche fürs Mosaik! Ingres selbst sah sich als Revolutionär. Erstmals seit 40 Jahren zeigt der Louvre wieder eine Retrospektive des Künstlers.

          Widerstand zwecklos. Der Untertan kann dem Kaiser nicht entgegentreten, denn Napoleon sitzt zwar auf dem Thron, aber nicht im Raum. Das 2,60 Meter hohe und 1,63 Meter breite Gemälde von Jean-Auguste-Dominique Ingres wurde im Salon von 1806 ausgestellt und durch das Corps legislatif angekauft, die Parlamentskammer, die über Gesetze nur abstimmen, nicht beraten durfte. Als das Bild im Palais Bourbon hing, kam die Illusion erst gar nicht auf, der Kaiser lasse sich in die Politik hineinziehen. Man konnte sich nicht einbilden, um diesen Thron herumzugehen und durch klug gewählte Worte ein Nicken des Herrschers zu erwirken.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Nicht einmal das Äußerste war denkbar: Zwecklos, dem ersten Bonaparte das Schicksal des letzten Bourbonen anzudrohen, denn Napoleons Kopf ist schon vom Rumpf getrennt. Er liegt auf dem Spitzenkragen wie auf einem Teller, scheint auf die Bildoberfläche geklebt, als hätte man ein Blatt aus einem riesigen Sammelbilderalbum vor sich: Berühmte Monarchen, mit wiederverwendbarem Hintergrund. Kann man überhaupt von Körperteilen sprechen? Das Ganze, das sie bilden, ist den Gesetzen der Anatomie nicht unterworfen. Die Schultern bilden eine leicht verrückte Waagerechte; der schwere Hermelinmantel könnte auch über einer Wäschestange hängen. Vom wächsernen Gesicht mit den kalten Augen und den zusammengekniffenen Lippen abgesehen ist alles eingepackt. Die Haare bedeckt der Lorbeerkranz, und der linke Fuß, den Napoleon entblößt wie der Götterherrscher auf dem fünf Jahre später in Rom entstandenen Gemälde „Jupiter und Thetis“, das die Besucher der großen Ingres-Retrospektive im Louvre nach einstündigem Warten empfängt, steckt in einem bestickten Pantoffel.

          Egalität der Elemente

          Wie Heiligenreliquien in gepolsterten Behältnissen fordern die Einzelteile des majestätischen Leibes zur Verehrung auf. Der Usurpator schmückt sich mit den Herrschaftszeichen der Kapetinger, ohne fürchten zu müssen, daß deren magische Kraft sich gegen ihn wenden könnte. Wirkung entfalten die alten Symbole nur von Gnaden des Malers, der sie in seinen Ordnungsentwurf einbaut. Im Spektakel der Majestät waltet eine Egalität der Elemente. Alle Attribute dieser aus dem Fundus der abendländischen Herrscherikonographie zusammengesteckten Puppe sind Regalien, zwischen der Hand, die das Szepter Karls V. hält, und der „main de justice“ der Könige besteht nur ein Größenunterschied. Der Kaiser ist kraft Verfassung nichts als die Summe seiner Rechte. Das Bild stellt den Konstruktivismus des Konstitutionalismus aus; als Willkürherrscher muß dieser Leviathan nicht entlarvt werden.

          Die Abfolge der Verfassungsgesetze, die Lebensarbeit des Abbe Sieyes, konnte nur einen ästhetischen Abschluß finden, in der Affirmation der um ihrer selbst willen gesetzten Ordnung. Der Gegenstand geht auf in einer Form, die nur im Bild existiert, nicht in einem dreidimensionalen Thronsaal, in dem Napoleon in derselben Kostümierung erschiene. Nur auf der Bildfläche gibt es das System der konzentrischen Kreise von Thron, Hermelin, Kette, Lorbeerkranz, Kragen und Kopf, bilden der Kopf und die beiden Elfenbeinkugeln auf den Thronlehnen ein gleichschenkliges Dreieck, durchkreuzen die asymmetrischen Geraden der Zepter die Zentralperspektive.

          Vorwurf der barbarischen Komposition

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