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Picasso, „Femme à l’éventail“ (Frau mit Fächer), 1905, Öl auf Leinwand, 100,3 mal 81 Zentimeter Bild: Succession Picasso/VG Bild-Kunst

Ausstellung im Beyeler : Zwei Farben Picasso

So war seine Kunst noch nie zuvor zu sehen: Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt die Blaue und die Rosa Periode des Jahrhundertkünstlers in einmaliger Verdichtung.

          Der junge Mann aus Spanien kommt zum ersten Mal zur Weltausstellung 1900 nach Paris. Im Jahr darauf kehrt er wieder, jetzt neunzehn Jahre alt, Ambroise Vollard, der Galerist der Avantgarde, hat ihm eine Ausstellung zugesagt. Für sie saugt Pablo Ruiz Picasso seine malenden Zeitgenossen auf wie ein Schwamm: Toulouse-Lautrec, Degas oder Manet, Gauguin und Van Gogh.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Er nimmt sich von ihnen ungeniert, was ihm passt, und alles ist da noch sehr bunt. Genau an dem Punkt beginnt die Ausstellung „Der junge Picasso. Blaue und Rosa Periode“ in der Fondation Beyeler in Riehen. Und es ist nur ein Aspekt der wundervoll inszenierten Schau, dass sie mit diesem Vorlauf im Jahr 1901 einsetzt. Weil nur so zu ermessen ist, was die kurz danach folgende Beschränkung, auf eben zwei Farbtöne, bedeutet.

          Sich selbst setzt der junge Maler in Szene als „Yo, Picasso“, das schreibt er oben links auf sein Selbstporträt (das einst dem Wiener Fin-de-siècle-Poeten Hugo von Hofmannsthal gehörte). Breit macht er sich da, im Mai/Juni 1901, mit knallig krachenden Farbhieben – Ich! Die initiale Selbstfeier – von nun an „Picasso“, sonst nichts! – ist in Riehen zu sehen. Daneben aus dieser Phase etwa die Bilder von zwei „Absinthtrinkerinnen“, kurz hintereinander entstanden; die eine mit Anklängen an Gauguin, die im Stil völlig andere (früher in der Sammlung von George Gershwin) wie eine Hommage an Toulouse-Lautrec.

          Die Veränderung setzt ein

          Dieses Furioso klingt ab, als Picasso beginnt, den Tod seines Freundes Carles Casagemas zu verarbeiten, der sich im Februar 1901 das Leben genommen hatte aus unglücklicher Liebe zu einer der jungen Frauen, die Modell für die Künstler waren. Picasso malt in Erinnerung an Casagemas die ersten Bilder in blau-dunkler Verschattung; jetzt ist er nah bei einem Alten Meister wie El Greco. Und im Winter 1901, nur ein halbes Jahr nach „Yo“, entwirft er sich selbst – schon wieder – neu, in dem bekannten „Autoportrait“, das er lebenslang bei sich behält.

          Ein Besucher betrachtet das Gemälde „La Mort (La Mise au tombeau)“ (1901)

          Er wird von nun an ein anderer sein – die „Blaue Periode“ hat begonnen: schwarze Augen im fahl asketischen Antlitz, das auf einem massigen schwarzen Mantel ruht. Die Melancholie gerinnt in der blauen Monochromie des Hintergrunds, das non finito, bis auf das Gesicht, deutet vielleicht schon auf eine kommende Auflösung aller körperlichen Formen.

          Von hier aus führt die atemraubende Ausstellung in rund 75 Werken, darunter wenige rare Skulpturen, durch die Menschendarstellung des frühen Picasso, von 1901 bis 1906. Konzipiert wurde sie gemeinsam mit dem Musée Picasso und dem Musée d’Orsay in Paris, wo sie im vorigen Jahr zu sehen war, dort unterfüttert mit zahlreichen Materialien. Für Riehen sind einige Gemälde ausgetauscht. Vor allem aber hat der Kurator Raphaël Bouvier der Schau eine völlig andere Gestalt gegeben; sie lässt sich eine Quintessenz nennen: In den weiten Räumen des Renzo-Piano-Baus wird ein exquisites ästhetisches Erlebnis möglich, von zugleich fast unerwarteter Klarheit. In einem White Cube von 1600 Quadratmeter Fläche hat jedes einzelne Bild Luft zum freien Atmen und mit ihm die Betrachter davor.

          Rehabilitation des frühen Picasso

          So wird der Prozess des Schaffens eindringlich sichtbar. Wie das Blaue sich verfestigt in den Menschen, die an den Rändern nisten: Da ist die in sich gekehrt „Sitzende mit Schal“ im Gefängnis Saint-Lazare, in dem Prostituierte untergebracht waren. Da ist „Das Mahl des Blinden“ von 1903; die Verformung, die Picasso fortan weitertreiben wird, scheint den Oberkörper schon ergriffen zu haben. Das berühmte, beinah zwei Meter hohe Großformat „La vie“ wurde nach Riehen ausgeliehen (vom Cleveland Museum of Art in Ohio), komplexe Allegorie auf den Zirkel des Lebens, ein Herzstück der Schau.

          Das Rosa kommt nicht plötzlich, es geschieht ein Hinübergleiten, kein Bruch: Erst ist da der Widerschein auf der Haut, in der Kleidung der Harlekine und Artisten in unser aller Bildgedächtnis, die nun folgen. Nein, sie treten nicht auf; Picasso nimmt sie sich, wo sie auf ihre Existenz verwiesen sind, wie versunken in ihre Kargheit. Und in der Nahsicht auf die Bilder erscheint der sanfte Zerklüfter Cézanne, als suchte Picasso in seinen Figuren nach ihrer Tektonik, um sie zu dekonstruieren. Was ja beginnen wird, wenn zum Abschluss der Ausstellung das Rosé sich in Ocker transformiert.

          Pablo Picasso, „Femme“ (Epoque des «Demoiselles d’Avignon»), 1907 
Öl auf Leinwand, 119 x 93,5 cm

          Es kommt bei Beyeler zu einer spannenden Wiedervorlage. Der „frühe“ Picasso erfährt die längst fällige Rehabilitation vom Argwohn des Kitschs, den ihm die Übersättigung mit diesen Bildern in ihrer unendlichen Reproduktion eingetragen hat. Im selben Zug kann so der „späte“ Picasso wieder etwas aus dem Rampenlicht zurücktreten, der sich in täglichen Exerzitien gegen den Verlust von jeglicher Schöpferkraft als manischer Voyeur betätigte. Er war seit einiger Zeit sehr in den Vordergrund gerückt worden (nicht zuletzt vom Kunstmarkt, wo die frühen Werke naturgemäß extrem rar sind).

          Weitere Picasso-Ausstellung angeschlossen

          Nun ist der junge, wilde Picasso zurück. Der jeder Schönheit schon immer misstraut hat, sich dennoch auf ihre Seite stellte selbst dort, wo er mit seinen Kohleaugen die Elenden der Armen fixierte. Die Zeit ist – wieder – reif für ihn. Seine Bilder so intensiv betrachten zu dürfen wie jetzt in Riehen ist ein wahres Geschenk.

          Ein drittes Selbstporträt steht fast am Ende des Parcours, nur fünf Jahre nach dem Aufbruch entstanden, 1906 ebenfalls in Paris. Der Mann darauf ist erdfarben, als wäre das Rosa in die Leinwand eingesickert, er steht in nackter Halbfigur an der Grenze zur Zerlegung des menschlichen Körpers. Allein die drei Selbstbildnisse, magisch an einem Ort vereint, sind eine Reise ins Innere eines Künstlers, ohne dessen schonungslos zärtlichen Blick der Aufbruch in die Moderne, die wir kennen, nie stattgefunden hätte. Was folgt, sind 1907 die „Demoiselles d’Avignon“, als Fanal des Kubismus schlechthin.

          Im direkten Anschluss beginnt die Sammlungspräsentation „Picasso Panorama“, in der Beyeler mit dreißig eigenen Werken vom Frühkubismus bis zum späten Schaffen aufwarten kann. Dazu kommen Dauerleihgaben der Anthax Collection Marx und des Staechelin Family Trusts; zusammen sind das weitere rund 45 kapitale Werke. Im Museum in Riehen erscheint damit gebündelt die Energie Picassos, bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1973. Mit diesem kraftvollen Auftritt ist die Fondation Beyeler für ein paar Monate ganz nur ihm gewidmet. Was da im kleinen Ort im Kanton Basel-Stadt zusammenkommt, wird in diesem Grad der Verdichtung nicht mehr zu sehen sein. Das liegt an der Kostbarkeit der frühen Werke, von denen viele kaum mehr reisen werden. Das liegt aber vor allem an Raphaël Bouviers großartiger Hängung der Schau, die zur bleibenden sinnlichen Erfahrung wird.

          Das Gemälde „La Toilette“ (1906) wird von zwei Besuchern der Ausstellung betrachtet.

          Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode. In der Fondation Beyeler, Riehen; bis zum 26. Mai. Der ausgezeichnete Katalog kostet 60 Euro. Parallel dazu Picasso Panorama; bis zum 5. Mai.

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