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Ausstellung: David Lynch : Wo Schneemänner über ihre Zukunft rätseln

Und plötzlich meinen wir, in einem imaginären Film verlorengegangen zu sein, gesättigt mit Bildern aus der Erinnerung, die uns einst sehr erschreckten und die sich nun (eine eklige Vorstellung, die wir nicht zurückdrängen können) aus unserem Kopf heraus in den Raum ergießen. Gerade so, wie die Seele des Mannes, der auf einem der großformatigen Bilder ein Stück weiter in der Ausstellung vor 0,9502 Sekunden erschossen wurde, sich in einem Blutstrahl wie eine zusammengeknäulte Strumpfwurst aus dessen Brust herausschlängelt.

Pete auf Pappe

Das heißt, Lynch als bildender Künstler übt eine Macht über uns aus, die aus seinen Filmen kommt. Daran ändert nichts, dass er als Maler begonnen hat, lange bevor er zum ersten Mal zur Kamera griff. Entscheidend ist, dass er seine Bilder in Bewegung setzen wollte, und das sieht man jedem einzelnen seiner Bilder, unabhängig von der Technik, die er verwendet, auch an. Man muss nur lange genug hinschauen. Dann stapft Pete los, der mit einem Messer in der einen und einem Revolver in der anderen, rotbehandschuhten Hand unterwegs zum Haus seiner Freundin ist.

Sie steht in einem roten Kleid im Fenster, den Mund schreckensgeweitet. Wie das Objektiv einer alten Kamera hat sich das Fenster mit ihr darin aus dem Haus hervorgeschoben, und obwohl sich Pete auf den beiden groben Pappen, auf denen er gemalt und auf welche der Revolver aus Plastik aufgeklebt ist, natürlich nicht rührt, meinen wir zu sehen, wie das Messer in seine Freundin eindringt, der Schuss sie zerreißt. Lynch malt in diesen großformatigen, in schweren Rahmenkästen aufgezogenen Bildern den Titel – „Pete goes to his girlfriend’s house“ – ins Bild, er erzählt die Geschichte, die er zeigt, noch einmal, und in der Tautologie liegt eine Menge Witz, ohne den das alles gar nicht auszuhalten wäre.

Schneemänner in unterschiedlichen Verfassungen

Dasselbe macht er bei seinen Lithographien und Aquarellen. Meistens stellt er dabei seine Figuren auf eine von Vorhängen begrenzte Bühne, etwa jenen kleinen Mann, der mit seinen langen Armen fast die gesamte Bildbreite überspannt. „Long Arms“ heißt das Aquarell dann, ein ähnliches „Man Reaching“, was einerseits wirklich komisch ist, andererseits aber auch in eine Geschichte hineinweist, die wir nicht kennen und die uns neugierig macht. Worauf, verraten uns diese Bilder nicht. Sondern die Filme, die in unserer Erinnerung leben und die weitere Fragen herausfordern, auf die Lynch keine Antworten gibt.

Es gibt in Brühl auch eine Serie von Schnee-Fotografien. Aufgenommen Anfang der neunziger Jahre in Boise in Idaho, zeigen sie vor verschiedenen einfachen Häuserfassaden Schneemänner in unterschiedlichen Stadien. Ob sie zu ihm gesprochen hätten, wurde Lynch bei der Ausstellungseröffnung in Brühl gefragt. „O ja“, sagte er, es war kalt, aber nicht zu kalt. Niemand war auf der Straße, in den Fenstern waren keine Gesichter. Und die Schneemänner standen einfach da und fragten sich, was aus ihnen werden würde.“

Ohne diese Geschichte sind die Fotos nicht weiter bemerkenswert. Kaum aber hat man diese Geschichte in ihrer poetischen Banalität gehört, setzen sich die Bilder in Bewegung und suchen einen Ort in unserem Gedächtnis. Sie werden ihn fraglos finden, wie alle anderen Bilder, die David Lynch in den verschiedenen Medien geschaffen hat, auch. Sie werden uns nicht erschrecken, aber eine Kälte abstrahlen. Und möglicherweise begegnen sie uns wieder, wenn wir im Winter über Land fahren und aus dem Fenster auf einfache Häuser blicken, vor denen Kinder Schneemänner gebaut haben wie bei David Lynch.

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