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Ausstellung im Musée d’Orsay : Um einen Satan aus Paris bittend

Marie-Guillemine Benoists „Porträt einer Negerin“, so der alte Titel, nunmehr „Porträt von Madelaine“, 1800 Bild: Photo RMN - Gerard Blot

Eine Ausstellung im Musée d’Orsay widmet sich den Bildern von Farbigen – im wörtlichen wie übertragenen Sinn – vor dem Hintergrund der französischen Kolonialgeschichte. Das Projekt ist ambitioniert.

          „Bildnis einer Negerin“, so verzeichnete der Führer durch den Pariser Salon des Jahres 1800 eines der ausgestellten Porträts. Mit neoklassischer Strenge und Verve setzt Marie-Guillemin Benoist, die zuerst bei Elisabeth Vigée-Lebrun und dann im Atelier von Jacques-Louis David gelernt hatte, in ihm eine junge schwarze Frau in Szene, ohne exotisierendes Beiwerk und nicht anders in ihrer Haltung, wie Frauen der besseren französischen Gesellschaft gemalt wurden. Einzig die entblößte Brust konnte da als Hinweis auf einen abweichenden gesellschaftlichen Status genommen werden; und ins Auge springen musste auch die Kombination der reinen Farben, welche das dunkle Braun der Haut einfassen: weiß, blau und rot, die Farben der Trikolore.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf dieses Bild aus dem Louvre stößt man gleich zu Beginn der Ausstellung „Das schwarze Modell“ im Musée d’Orsay, ebenso wie auf eine Zeichnung nach dem Gemälde eines weiteren Malers aus Davids Schule: Anne-Louis Girodets drei Jahre zuvor entstandenes „Porträt des Bürgers Belley, Abgeordneter von Santo Domingo“, das den ersten schwarzen Volksvertreter in eleganter Kleidung und Haltung zeigt, die Taille umschlungen in den Farben der Trikolore.

          Erst 1848 wird Sklaverei definitiv geächtet

          Beide Bilder verweisen auf ein Datum der Revolution, den 4. Februar 1794, als die Nationalversammlung – unter dem Druck des Sklavenaufstands in Santo Domingo und der militärischen Bedrohung durch die konkurrierenden Kolonialmächte – die Aufhebung der Sklaverei in den Kolonien beschließt. Konsequent durchgesetzt wird sie allerdings nicht, und als Napoleon an die Macht kommt, wird sie 1802 aus wirtschaftlichen Interessen wieder rückgängig gemacht. Auch Santo Domingo sollte wieder diszipliniert werden, doch dort kassieren die französischen Truppen letztlich eine Niederlage: 1804 kann Haiti – „die erste schwarze Nation“ (Aimé Césaire) – seine Unabhängigkeit erklären.

          Auf Bestellung seines Lehrers Jean-Auguste-Dominique Ingres: Théodore Chasseriaus „Studie eines Schwarzen“, 1838 Bilderstrecke

          Bilder von Farbigen vor dem Hintergrund der französischen Kolonialgeschichte und als Reaktion auf sie, so lässt sich die Konzeption der Pariser Ausstellung umreißen. Denn auch mit der definitiven Aufhebung von Sklaverei und Sklavenhandel 1848 am Beginn der zweiten Republik endete ja nicht die Geschichte der Kolonialisierung, gewann im Gegenteil sogar an Fahrt. Von den letzten Jahren des achtzehnten Jahrhunderts bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts reicht der Bogen, den die Ausstellung dafür schlägt.

          Als Modell in den Ateliers der Maler

          Hinter typisierenden Bezeichnungen – „Negerin“, „Mulatte“ und so fort – verschwundene farbige Akteure nach Möglichkeit aus ihrer Anonymität zu holen, ist dabei nicht zuletzt ihr Anliegen. „Madeleine“ ist ein Beispiel, der Name der Frau aus Guadeloupe, die Marie-Guillemin Benoist eben im Jahr 1800 porträtierte. Mehr als dieser Name und dass sie Dienerin im Haushalt des Schwagers der Malerin war, ließ sich nicht herausfinden. Als „Bildnis von Madeleine (zuvor ,Bildnis einer Negerin‘)“ hängt das Gemälde nun in der Ausstellung.

          Der ursprüngliche Titel transportierte ausweislich einer Reihe von Bildern dieser Malerin, deren Titel die Modelle nicht benannten, zwar keine Abschätzigkeit. Aber im Falle von „Neger“ und „Negerin“ sind die Empfindlichkeiten angesichts des manifesten historischen Unrechts gegenüber Farbigen nun einmal geschärft. Und selbst wenn auch weiße Malermodelle meist anonym blieben: Sie verschwanden, sieht man etwa von den weißen Sklavinnen der um erotischen Frisson bemühten Orientmaler ab, nicht hinter ihrer diskriminierenden Hautfarbe.

          Über professionelle schwarze Modelle lässt sich mitunter mehr herausfinden. Die Ausstellung zeigt es am Beispiel des Modells Joseph. Er posierte nicht nur für Théodore Géricault – darunter für den am prominentesten, an der Spitze der Pyramidenkonstruktion in Szene gesetzten Schwarzen auf dem „Floß der Medusa“ – , sondern auch für eine Reihe anderer Maler, unter ihnen Théodore Chassériau, der nach ihm 1838 eine Studie malte, um die ihn sein Lehrer Ingres, der damals in Rom die Französische Akademie leitete, gebeten hatte. Wobei er seinem aus Santo Domingo stammenden und wohl aus einer „gemischten“ Ehe stammenden Schüler nicht verriet, dass er die Studie für die Darstellung eines Engelssturzes mit schwarzem Satan gebrauchen wollte – „blackfacing“ nach einer alten Bildtradition.

          Weiße Herrin, schwarze Dienerin

          Von Edouard Manets schwarzem Modell „Laure“ ist auch nicht mehr als der Name bekannt. Dass er sie 1865 neben seiner „Olympia“ ohne exotische Marker wie grelles Gewand oder Entblößung zeigte, gehörte zum Realismus des Bildes. Warum die Zeitgenossen diesen als skandalös empfanden, kann man aus den in der Ausstellung versammelten Varianten von schwarzer Dienerin mit weißer Herrin erschließen. Ein anderer „realistischer“ Weg führt etwa zu den Skulpturen Charles Cordiers, dessen Büsten afrikanischer Frauen sowohl im Salon wie in der Galerie d’anthropologie des Naturhistorischen Museums stehen konnten.

          Die dunklen Seiten einer Mitte des Jahrhunderts aufkommenden Rassenlehre in modernem Gewand werden nur gestreift, es geht eher um feinere Schattierungen in den Darstellungen. Karikaturen vom älteren wie jüngeren Alexandre Dumas kommen da ebenso ins Spiel wie Nadars Fotografien einer Schwarzen von den Antillen oder auch John Philip Simpsons beeindruckendes Gemälde „Der gefangene Sklave“, das die Ikonographie des „flehenden Sklaven“ aufnimmt, die man in der Schau ebenso verfolgen kann – bis hin zu den Gemälden und Skulpturen, welche die Abolition von 1848 mit paternalistischem Gestus feiern.

          Ein ambitionierter Parcours

          Der Zeitraum bis zum Beginn der dritten Republik hätte eigentlich schon für eine Ausstellung gut gereicht. Aber in Paris warten dann noch gut siebzig Jahre mit einer Reihe von biographischen Einzelaufnahmen vor skizziertem historischen Hintergrund: vom Interesse der künstlerischen Avantgarde an „primitiver“ Kunst über die Karrieren von schwarzen Darstellern als Schauspieler, Tänzer, Akrobaten oder Musiker, die alltägliche Begegnung mit Schwarzen – aus den Kolonien und den Vereinigten Staaten – im Gefolge des Ersten Weltkriegs, den Import des Jazz und die Begeisterung für die „Revue Nègre“ mit ihrem Star Josephine Baker und die Rolle der Ethnographie bis hin zur Entstehung der Négritude-Bewegungen und zu Zeichnungen von Henri Matisse nach farbigen Modellen als dekorativer Abschluss.

          Es ist ein ambitionierter Parcours, freilich auch ein etwas angestrengter, weil er die Galerie der Bilder – großartige aus der ersten Reihe genauso wie aufschlussreiche aus der zweiten – mit der politischen Geschichte einer Diskriminierung und ihrer Folgen über gut hundertfünfzig Jahre hinweg unterlegen muss. Unmöglich, das umfassend zu leisten, aber beachtlich doch die Geschicklichkeit, mit der die Kuratoren Hinweise auf die Wendungen dieser Geschichte setzen. Am stattlichen Katalog ist da nicht vorbeizukommen.

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