https://www.faz.net/-gqz-9mkbq

Ausstellung im Musée d’Orsay : Um einen Satan aus Paris bittend

Über professionelle schwarze Modelle lässt sich mitunter mehr herausfinden. Die Ausstellung zeigt es am Beispiel des Modells Joseph. Er posierte nicht nur für Théodore Géricault – darunter für den am prominentesten, an der Spitze der Pyramidenkonstruktion in Szene gesetzten Schwarzen auf dem „Floß der Medusa“ – , sondern auch für eine Reihe anderer Maler, unter ihnen Théodore Chassériau, der nach ihm 1838 eine Studie malte, um die ihn sein Lehrer Ingres, der damals in Rom die Französische Akademie leitete, gebeten hatte. Wobei er seinem aus Santo Domingo stammenden und wohl aus einer „gemischten“ Ehe stammenden Schüler nicht verriet, dass er die Studie für die Darstellung eines Engelssturzes mit schwarzem Satan gebrauchen wollte – „blackfacing“ nach einer alten Bildtradition.

Weiße Herrin, schwarze Dienerin

Von Edouard Manets schwarzem Modell „Laure“ ist auch nicht mehr als der Name bekannt. Dass er sie 1865 neben seiner „Olympia“ ohne exotische Marker wie grelles Gewand oder Entblößung zeigte, gehörte zum Realismus des Bildes. Warum die Zeitgenossen diesen als skandalös empfanden, kann man aus den in der Ausstellung versammelten Varianten von schwarzer Dienerin mit weißer Herrin erschließen. Ein anderer „realistischer“ Weg führt etwa zu den Skulpturen Charles Cordiers, dessen Büsten afrikanischer Frauen sowohl im Salon wie in der Galerie d’anthropologie des Naturhistorischen Museums stehen konnten.

Die dunklen Seiten einer Mitte des Jahrhunderts aufkommenden Rassenlehre in modernem Gewand werden nur gestreift, es geht eher um feinere Schattierungen in den Darstellungen. Karikaturen vom älteren wie jüngeren Alexandre Dumas kommen da ebenso ins Spiel wie Nadars Fotografien einer Schwarzen von den Antillen oder auch John Philip Simpsons beeindruckendes Gemälde „Der gefangene Sklave“, das die Ikonographie des „flehenden Sklaven“ aufnimmt, die man in der Schau ebenso verfolgen kann – bis hin zu den Gemälden und Skulpturen, welche die Abolition von 1848 mit paternalistischem Gestus feiern.

Ein ambitionierter Parcours

Der Zeitraum bis zum Beginn der dritten Republik hätte eigentlich schon für eine Ausstellung gut gereicht. Aber in Paris warten dann noch gut siebzig Jahre mit einer Reihe von biographischen Einzelaufnahmen vor skizziertem historischen Hintergrund: vom Interesse der künstlerischen Avantgarde an „primitiver“ Kunst über die Karrieren von schwarzen Darstellern als Schauspieler, Tänzer, Akrobaten oder Musiker, die alltägliche Begegnung mit Schwarzen – aus den Kolonien und den Vereinigten Staaten – im Gefolge des Ersten Weltkriegs, den Import des Jazz und die Begeisterung für die „Revue Nègre“ mit ihrem Star Josephine Baker und die Rolle der Ethnographie bis hin zur Entstehung der Négritude-Bewegungen und zu Zeichnungen von Henri Matisse nach farbigen Modellen als dekorativer Abschluss.

Es ist ein ambitionierter Parcours, freilich auch ein etwas angestrengter, weil er die Galerie der Bilder – großartige aus der ersten Reihe genauso wie aufschlussreiche aus der zweiten – mit der politischen Geschichte einer Diskriminierung und ihrer Folgen über gut hundertfünfzig Jahre hinweg unterlegen muss. Unmöglich, das umfassend zu leisten, aber beachtlich doch die Geschicklichkeit, mit der die Kuratoren Hinweise auf die Wendungen dieser Geschichte setzen. Am stattlichen Katalog ist da nicht vorbeizukommen.

Weitere Themen

„The Great Hack“ Video-Seite öffnen

Trailer : „The Great Hack“

„The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

Topmeldungen

Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.
Lässt ein verheerendes Echo nicht lange verhallen: Markus Söder sucht die Abgrenzung der AfD.

Vergleiche mit der NPD : Wie Söder sich von der AfD abgrenzt

Vor knapp einem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident erfolgreich seine Taktik im Umgang mit der AfD geändert – doch ganz genau nimmt er es mit seinen Aussagen nicht immer. Eine Analyse.
Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

Dieselskandal : VW verklagt sein Personal

Während der ehemalige Chef Martin Winterkorn sein Altersruhegeld bezieht, verklagt der Konzern wegen des Dieselskandals sein Personal. Am Donnerstag fällt eine Entscheidung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.