https://www.faz.net/-gqz-8l2nh

Ausstellung in Berlin : Dada und Afrika

Ohne den Einfluss außereuropäischer Kunst wäre der Dadaismus nicht gewesen, was er war. Eine Berliner Ausstellung wirft Licht auf eine folgenreiche, wenn auch einseitige Beziehung.

          4 Min.

          Waren die Dadaisten Rassisten? Man versetze sich in ihre „Soirées nègres“ im Zürcher Cabaret Voltaire um 1916, auf denen Nummern wie „Maskentanz mit Motiven aus dem Sudan“ auf dem Programm stehen; wo Emmy Hennings einen „Apachentanz“ aufführt; wo Richard Huelsenbeck während des Vortrags seiner „Phantastischen Gebete“ jeden Vers mit einem frei erfundenen „Umba!“-Ruf abschließt; und wo Tristan Tzara „Negerlieder“ vorträgt wie „Zanzibar“, in dem es heißt: „o mam re de mi ky / wir sind den Wahha entgangen haha“. Sinnvolle Gesänge wie absurde Darbietungen des Naiven klingen zu lassen, indem man sie aus dem praktischen Gebrauch reißt und unvollständig übersetzt, wäre das heute nicht rassistisch? Im „Dada Almanach“ gibt Tzara sogar das Gedicht „Toto Vaca“ als sein eigenes aus, obwohl es die direkte Übernahme eines Maori-Gesangs aus Karl Büchers Studie über Arbeit und Rhythmus von 1909 ist.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sicher, das Wort „nègre“ ist damals noch nicht abwertend zu verstehen, sondern steht für alles Europa radikal Fremde, also neben afrikanischer Kunst auch etwa ozeanischer. Und während Huelsenbeck in seinen Lautgedichten den Reiz des Primitiven ausschlachtet, indem er seine eigenen exotistischen Projektionen vertont, geht es Tzara um die Rückbindung der Kunst an das tätige Leben. Er wählt gezielt Bau-, Jagd- und Ernte-, also Gebrauchslieder aus und gibt an, aus welchem Volk sie stammen.

          Die Dadaisten waren keine Rassisten

          Nein, die Dadaisten waren natürlich keine Rassisten, jedenfalls weit weniger als jene, die sich exotischer Motive nur als Dekor für ihre Kunst bedienten, oder die - wie es die Völkerschauen und exotischen Postkarten seit dem 19. Jahrhundert taten - das Fremde nutzten, um eine empfundene zivilisatorische Überlegenheit zu bestätigen.

          „Verwandle mein Land in ein Freudengebet der Angst“, dichtete Tzara 1917, was sich wie ein Motto für die Angriffe der Dadaisten auf bürgerliche Sicherheiten lesen lässt, an die sie auch den Expressionismus verloren sahen. Für diese Angriffe bedienten sie sich ausgiebig bei Elementen außereuropäischer Kunst und machten sich das als fremd empfundene so weit zu eigen, dass sie auch selbst davon verändert wurden. Hugo Ball ließ sich von seinem Lautgedicht „Karawane“ („jolifanto bambla ô falli bambla“) so sehr hinreißen, dass er unwillkürlich vom scherzhaften in einen priesterlichen Tonfall verfiel und nach einer endlosen Rezitation erschöpft von der Bühne getragen werden musste. Und in seinen Tagebüchern berichtet Ball, wie die wilden Masken, die Marcel Janco aus bemaltem Karton und Holzwolle klebte (und die mal als Objekte an der Wand hingen, mal für Performances dienten), ihre Träger zu „einem ganz bestimmten, pathetischen, ja an Irrsinn streifenden Gestus“ zwangen.

          All diese Werke entstanden während eines allgemeinen Exotik-Fiebers, in dem man seine Sammlung zeitgenössischer Kunst mit außereuropäischen Artefakten aufwertete oder sich als Absage an die Moderne eine Indianerecke mit Büffelhäuten, Tomahawks und Friedenspfeifen einrichtete. 1915 erschien Carl Einsteins wegweisende Studie „Negerplastik“, die, aufbauend auf ethnologischen Feldforschungen, außereuropäische Artefakte als autonome Kunstwerke beschrieb. Die zahlreichen Bildtafeln inspirierten neben Karl Schmidt-Rottluff und Fernand Léger die Dadaisten Hannah Höch und Raoul Hausmann. Einstein veröffentlichte auch, wie Jean Paulhan und Blaise Cendrars, Nachdichtungen von Texten, aus denen Tristan Tzara schöpfen konnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.

          Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

          Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.