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Ausstellung „Critical Zones“ : Schlägt der Puls der Natur noch?

Und hinter tausend Bildern keine Welt? In Sarah Szes Installation „Flashpoint (Timekeeper)“, hier ein Detail, bricht sich das Chaos auf dem Planeten in zahllose Facetten. Bild: Elias Siebert / ZKM

Die Ausstellung „Critical Zones“ im Karlsruher ZKM zeigt Ökokunst unserer Tage. Inspiriert von der Wissenschaft legt sie dar, was wir anrichten und wie ein anderer Umgang mit der Erde aussehen könnte.

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          Erkenntnis unter Tage zu suchen, hat in der Kunst Tradition: Schon die Romantiker hofften, in der Erde zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält, obgleich sie oberhalb der Grasnarbe blaue Blumen pflückten. Clemens Brentano studierte Bergwissenschaften, Novalis war als Geologe tätig, Bergwerke wurden zum beliebten literarischen Motiv in den Jahrzehnten um 1800. Das war mehr als eine damals modische Marotte: Es zeugte vom festen Glauben an eine Verbindung zwischen rationaler und mystischer Naturvorstellung. Novalis beschwor programmatisch, was auch Bildkünstler als Projekt betrieben: „Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar.“

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie eine Neuauflage dessen erscheinen zunächst die riesenhaft aufragenden hölzernen Messstationen, die in einem Lichthof des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe stehen. Die Stelzenbeine der Auffangbecken für Regenwasser gehören eigentlich in den Waldboden der Vogesen versenkt. In der Ausstellungshalle deutet eine Metallkonstruktion das Bodenprofil an, unterhalb dessen wir uns symbolisch bewegen. Die Mixed-Media-Installation mit Videos, Modellen und Objekten von Alexandra Arènes und Soheil Hajmirbaba entspringt einer Kooperation des ZKM mit der französischen Société d’Objets Cartographiques und bringt Teile der Arbeit, die Geowissenschaftler an der Forschungsstation Strengbach im Elsass leisten, ins Museum. Dort wird nun nachvollziehbar, auf welche Weise Forscher im Freiluftlabor den Grund abklopfen, in ihn hineinhorchen und Fluss, Fichten oder Buchen gleichsam den Puls messen – wie Patienten.

          Es war einmal: Natur als Seelenspiegel in Caspar David Friedrichs Gemälde „Felsenriff am Meeresstrand“ von 1824
          Es war einmal: Natur als Seelenspiegel in Caspar David Friedrichs Gemälde „Felsenriff am Meeresstrand“ von 1824 : Bild: bpk, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Wolfgang Pankoke

          Die Ökokunst unserer Tage stülpt das Konzept der Romantik gleichsam um: Belebte und unbelebte Natur sind keine sublim erhabenen, schaurig-schönen weil übermächtigen Gegenüber mehr, die heilige Schauer auslösen oder nach Beherrschung (und Ausbeutung) verlangen, sondern erscheinen als „Critical Zone“ – so der Ausstellungstitel –, als menschlich bedenklich manipulierte Phänomene in einer wenige Kilometer messende kritischen Zone. Sie ist vom Leben geprägt, wir können sie mit unseren Sinnen wahrnehmen und sind völlig von ihr abhängig. Es ist eine Zone in der Krise, die von uns transformiert auf uns zurückwirkt, weil – noch einmal Novalis – eben „alles mit allem zusammenhängt“. Feedbackschleife nennt man das heute.

          Auf der Spur der bedrohter Arten: Jumana Mannas Film „Wild Relatives“ (2018)
          Auf der Spur der bedrohter Arten: Jumana Mannas Film „Wild Relatives“ (2018) : Bild: Jumana Manna, Marte Vold

          Spätestens seit der Biennale di Venezia 2019 ist der Klimawandel als eines der Überthemen der Kunst erkannt. „Critical Zones“ zeichnet diese Linie fort, federführend kuratiert von dem Soziologen Bruno Latour (der Verfasser des „Terrestrischen Manifests“ leistet auch einen Beitrag zur aktuellen Berliner Schau „Down To Earth“) sowie dem ZKM-Chef Peter Weibel. In sechs Ausstellungskapiteln mit knapp fünfzig Positionen sollen „Horizonte einer neuen Erdpolitik“ aufscheinen. Tatsächlich geht es um die Einübung eines Perspektivenwechsels: weg von der Vorstellung des abgegrenzt von der „Natur“ existierenden Menschen, hin zur beobachtenden und fürsorglichen Observation eines Netzwerks des Lebens, in das die Zivilisation eingewebt ist.

          Wir sind Teil der „Umwelt“

          Innensicht statt Aufsicht: So stellt es sich in Sarah Szes ästhetisch verführerischer Installation „Flash Point (Timekeeper“), hier in einer Version von 2018, dar: Kaleidoskopisch auf Miniaturleinwänden aus ausgerissenem Papier flirren bewegliche Bilder von Naturphänomenen – Wassertropfen, Feuer, Magnetfelder, Tiere – und fragmentieren die lineare Zeitordnung des Films, bis zum Overkill im Bildrauschen. Statisch manifestiert sich dagegen unsere Überforderung im Umgang mit der „Umwelt“ in Julian Charrières, in dieser Form in Venedig 2017 erstmals gezeigten, Installation „Future Fossil Spaces“: Salzsäulen mit Lithiumlauge-Behältern stehen als Mahnmale für die kommende Ausbeutung der bolivianischen Anden im Dienste der Elektromobilität. Steine, gesammelt vom großen Naturforscher und Netzwerker Alexander von Humboldt (auch er Absolvent einer Bergakademie) binden solches zurück an frühere Ansätze, den „Kosmos“ zu erfahren und zu begreifen.

          Mahnmal für die künftige Ausbeutung bolivianischer Bodenschätze: Salzsäulen mit Lithiumlaugenbehältern in Julian Charrières Installation „Future Fossil Spaces“ (2017). Im Hintergrund ein Blick auf seine Videoinstallation „An Invitation to disappear“ (2018): eine endlose Kamerafahrt durch Palmölplantagen.
          Mahnmal für die künftige Ausbeutung bolivianischer Bodenschätze: Salzsäulen mit Lithiumlaugenbehältern in Julian Charrières Installation „Future Fossil Spaces“ (2017). Im Hintergrund ein Blick auf seine Videoinstallation „An Invitation to disappear“ (2018): eine endlose Kamerafahrt durch Palmölplantagen. : Bild: Elias Siebert / ZKM

          Darauf zielt, fast schon nostalgisch, auch die kleine Auswahl gemalter Naturansichten, darunter je ein Gemälde von Gustave Courbet und Caspar David Friedrich: Landschaft als Seelenspiegel. Karen Holmberg und Andres Burbano beerben und konterkarieren diese Tradition mit ihrer immersiven Höhlenprojektion „Double-Sided Immersion“ (2019/20), die Besucher in den Bauch der Erde versetzt, unter einen Vulkan in Patagonien, wo die Erdkruste sich selbst neu gebiert und der prähistorische Mensch mit Höhlenzeichnungen formend eingegriffen hat.

          Zwischen Kunst, Design, Forschung und Aktivismus

          So geht es assoziativ hin und her in der von Künstlern, Designern, Wissenschaftlern und Aktivisten bespielten „Gedankenausstellung“. Ob in Projekten, die aus dem die Ausstellung begleitenden Forschungsseminar an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung hervorgegangen sind wie das „Bio Design Lab“ mit seinem Öko-Geschirr aus dem 3D-Drucker, ob in Petra Maitz’ immer wieder faszinierenden gehäkelten Korallenriffen; ob in der Spuren sichernden Kunst der Agentur „Forensic Architecture“, die mit ihren Wolkenanalysen giftige Nebel aufspürt, oder in Xinhao Chengs Vermeidung jeglicher symbolischen Kanalisierung in der mit Fundstücken operierenden Installation „The Naming of a River“: Immer geht es um einen behutsamen Zugriff auf die Natur, um Beobachtung, Neukartographierung. Die Wissenschaft liefert das Datenmaterial, aus dem die Kunst, mal mehr, mal weniger schlagend, Anschauungen schafft. Wer bereit ist, sich zu versenken, kann hier viel lernen (und danach den fast fünfhundert Seiten starken Katalog durcharbeiten). Wer nur kurz den Blick schweifen und weitereilen möchte, wird irritiert oder beeindruckt, aber nicht unbedingt klüger die Ausstellung verlassen.

          Was aus der kolonialen Vergangenheit Frankreichs erwächst: Uriel Orlows Installation „Soil Affinities“ (2018) ergründet historische Versuchsgärten, die in Paris für Pflanzen aus Afrika angelegt wurden.
          Was aus der kolonialen Vergangenheit Frankreichs erwächst: Uriel Orlows Installation „Soil Affinities“ (2018) ergründet historische Versuchsgärten, die in Paris für Pflanzen aus Afrika angelegt wurden. : Bild: Uriel Orlow

          Gruppiert ist das alles um ein mittleres Ausstellungskapitel, in dem James Lovelock und Lynn Margulis als prophetische Leitfiguren präsentiert werden – mithilfe von Interviewvideos, Textbeispielen und Büchern an der Wand, was einen etwas schwergängigen Zugang ebnet. Der ehemalige Nasa-Forscher, inzwischen im biblischen Alter von 101 Jahren, und die Zellbiologin haben in den sechziger Jahren die holistisch-poetische und zahllose Naturschützer inspirierende Gaia-Hypothese aufgestellt, nach der die Erde ein gigantischer sich selbst regulierender Super-Organismus ist. Dass wir Endosymbionten in diesem Weltkörper, so Lovelocks jüngere Prognose, alsbald zu Vasallen künstlicher Hyperintelligenzen herabgewürdigt werden, spielt noch keine Rolle. Noch ist es ja auch nicht soweit. Noch können wir selbst denken – und handeln. Das ZKM lädt dazu ein.

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