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Ausstellung „Critical Zones“ : Schlägt der Puls der Natur noch?

Wir sind Teil der „Umwelt“

Innensicht statt Aufsicht: So stellt es sich in Sarah Szes ästhetisch verführerischer Installation „Flash Point (Timekeeper“), hier in einer Version von 2018, dar: Kaleidoskopisch auf Miniaturleinwänden aus ausgerissenem Papier flirren bewegliche Bilder von Naturphänomenen – Wassertropfen, Feuer, Magnetfelder, Tiere – und fragmentieren die lineare Zeitordnung des Films, bis zum Overkill im Bildrauschen. Statisch manifestiert sich dagegen unsere Überforderung im Umgang mit der „Umwelt“ in Julian Charrières, in dieser Form in Venedig 2017 erstmals gezeigten, Installation „Future Fossil Spaces“: Salzsäulen mit Lithiumlauge-Behältern stehen als Mahnmale für die kommende Ausbeutung der bolivianischen Anden im Dienste der Elektromobilität. Steine, gesammelt vom großen Naturforscher und Netzwerker Alexander von Humboldt (auch er Absolvent einer Bergakademie) binden solches zurück an frühere Ansätze, den „Kosmos“ zu erfahren und zu begreifen.

Mahnmal für die künftige Ausbeutung bolivianischer Bodenschätze: Salzsäulen mit Lithiumlaugenbehältern in Julian Charrières Installation „Future Fossil Spaces“ (2017). Im Hintergrund ein Blick auf seine Videoinstallation „An Invitation to disappear“ (2018): eine endlose Kamerafahrt durch Palmölplantagen.
Mahnmal für die künftige Ausbeutung bolivianischer Bodenschätze: Salzsäulen mit Lithiumlaugenbehältern in Julian Charrières Installation „Future Fossil Spaces“ (2017). Im Hintergrund ein Blick auf seine Videoinstallation „An Invitation to disappear“ (2018): eine endlose Kamerafahrt durch Palmölplantagen. : Bild: Elias Siebert / ZKM

Darauf zielt, fast schon nostalgisch, auch die kleine Auswahl gemalter Naturansichten, darunter je ein Gemälde von Gustave Courbet und Caspar David Friedrich: Landschaft als Seelenspiegel. Karen Holmberg und Andres Burbano beerben und konterkarieren diese Tradition mit ihrer immersiven Höhlenprojektion „Double-Sided Immersion“ (2019/20), die Besucher in den Bauch der Erde versetzt, unter einen Vulkan in Patagonien, wo die Erdkruste sich selbst neu gebiert und der prähistorische Mensch mit Höhlenzeichnungen formend eingegriffen hat.

Zwischen Kunst, Design, Forschung und Aktivismus

So geht es assoziativ hin und her in der von Künstlern, Designern, Wissenschaftlern und Aktivisten bespielten „Gedankenausstellung“. Ob in Projekten, die aus dem die Ausstellung begleitenden Forschungsseminar an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung hervorgegangen sind wie das „Bio Design Lab“ mit seinem Öko-Geschirr aus dem 3D-Drucker, ob in Petra Maitz’ immer wieder faszinierenden gehäkelten Korallenriffen; ob in der Spuren sichernden Kunst der Agentur „Forensic Architecture“, die mit ihren Wolkenanalysen giftige Nebel aufspürt, oder in Xinhao Chengs Vermeidung jeglicher symbolischen Kanalisierung in der mit Fundstücken operierenden Installation „The Naming of a River“: Immer geht es um einen behutsamen Zugriff auf die Natur, um Beobachtung, Neukartographierung. Die Wissenschaft liefert das Datenmaterial, aus dem die Kunst, mal mehr, mal weniger schlagend, Anschauungen schafft. Wer bereit ist, sich zu versenken, kann hier viel lernen (und danach den fast fünfhundert Seiten starken Katalog durcharbeiten). Wer nur kurz den Blick schweifen und weitereilen möchte, wird irritiert oder beeindruckt, aber nicht unbedingt klüger die Ausstellung verlassen.

Was aus der kolonialen Vergangenheit Frankreichs erwächst: Uriel Orlows Installation „Soil Affinities“ (2018) ergründet historische Versuchsgärten, die in Paris für Pflanzen aus Afrika angelegt wurden.
Was aus der kolonialen Vergangenheit Frankreichs erwächst: Uriel Orlows Installation „Soil Affinities“ (2018) ergründet historische Versuchsgärten, die in Paris für Pflanzen aus Afrika angelegt wurden. : Bild: Uriel Orlow

Gruppiert ist das alles um ein mittleres Ausstellungskapitel, in dem James Lovelock und Lynn Margulis als prophetische Leitfiguren präsentiert werden – mithilfe von Interviewvideos, Textbeispielen und Büchern an der Wand, was einen etwas schwergängigen Zugang ebnet. Der ehemalige Nasa-Forscher, inzwischen im biblischen Alter von 101 Jahren, und die Zellbiologin haben in den sechziger Jahren die holistisch-poetische und zahllose Naturschützer inspirierende Gaia-Hypothese aufgestellt, nach der die Erde ein gigantischer sich selbst regulierender Super-Organismus ist. Dass wir Endosymbionten in diesem Weltkörper, so Lovelocks jüngere Prognose, alsbald zu Vasallen künstlicher Hyperintelligenzen herabgewürdigt werden, spielt noch keine Rolle. Noch ist es ja auch nicht soweit. Noch können wir selbst denken – und handeln. Das ZKM lädt dazu ein.

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