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Ausstellung „Credo“ in Paderborn : Der Triumph der Galiläer

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Das Kreuz mit den nördlichen Stämmen: Wie kam es, dass das Abendland christlich wurde? Eine epochale Ausstellung in Paderborn gibt Antworten.

          Christliches Abendland. Dieser Begriff taugt als nüchterne Beschreibung unserer Kultur wie als Kampfbegriff. Ohne Christentum kein Europa. Doch wann und wie ist Europa überhaupt christlich geworden? War das ein langer Prozess oder eine schlagartige Bekehrung? Geschah es durch Überredung oder mit Gewalt? Und vor allem: Warum setzte sich die obskure Sekte aus Galiläa nicht nur im hochzivilisierten Weltreich Rom durch, sondern am Ende auch bei slawischen Waldläufern und grönländischen Wikingern, bei blutgierigen germanischen Kämpfern wie bei feinsinnigen römischen Patrizierinnen? Diese Kernfrage unserer Zivilisation nicht zu beantworten, sondern überhaupt erst zu stellen hat sich bisher noch niemals eine Ausstellung getraut. „Credo“, in der sehr christlichen, aber nicht gerade zentralabendländischen Metropole Paderborn, unternimmt das Wagnis auf grandiose Weise. Und gibt Antworten.

          Im Diözesanmuseum auf dem Gelände der einst karolingisch-ottonischen Kirchenburg empfangen Prunkstücke aus der christlichsten aller Städte die Besucher, und das ist nicht Jerusalem. Die ganze Grazie des antiken Formenkanons ist in den jugendlichen Hirten mit Schaf auf dem Buckel geflossen, als den die frühen Christen ihren Heiland in Rom personifizierten. Gar nicht so fern vom strahlenden Stierschlachter Mithras, dessen Kult beinahe das römische Soldatenreich mit demselben Schwung geeint hätte. Der feine Unterschied, der bis heute jeden von uns angeht, liegt in einem DIN-A5-kleinen Papyrusfragment des Paulinischen Römerbriefs: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ Dieser Text aus der Chester Beatty Library in Dublin zeigt nicht mehr und nicht weniger als die älteste testamentarische Überlieferung, verfasst um das Jahr 200 von fleißig korrigierenden und schreibenden Gemeindechristen, die es mit dem Wort Gottes - oder seines Knechtes Paulus - sehr genau nahmen. Dieser Text war am Ende mächtiger als alle antiken Götterbilder, die gleich daneben unsere Ehrfurcht wollen.

          Nicht dass die frühen Christen sich dem Wettkampf mit der antiken Schaupracht verweigerten: unfassbar, was aus Rom und den größten Sammlungen an frühchristlichen Kameen, Sarkophagen, Elfenbeinaltärchen, Glasamuletten und bebilderten Epitaphien nach Ostwestfalen ausgeliehen wurde. Am beeindruckendsten vielleicht eine Terrakottalampe (aus Berlin) mit dem Christushirten und winzigen Bibelszenen - ganz frühe christliche Belehrung für den Nachttisch des Neubekehrten. So bescheiden fing die Kirche in namhafter Konkurrenz mit den hochentwickelten jüdischen Symbolen und Texten, die natürlich auch anwesend sind, einst an.

          Das Kreuz, das wir heute trotz seines makabren Foltergehalts als Christensymbol selbstverständlich finden, kommt frühestens vom vierten Jahrhundert an in Mode. Der Nahost-Kult musste erst unter und nach Konstantin triumphieren und dann schrittweise vor den Barbaren kapitulieren, bis der tragische Verliereraspekt dieser merkwürdigen Himmelfahrtsreligion im Volk angenommen wurde. Ein Loser am Kreuz machte lange Zeit keinen Stich gegen Jupiter und Co. und wurde deshalb anfangs diskret gegen einen jugendlichen Muskelphilosophen ausgetauscht.

          Als Rom dann 411 von den Goten geplündert war, als die Nord- und Ostprovinzen reihenweise den Barbaren überlassen wurden, als Augustinus den Gottesstaat für den besseren Bauplatz hielt und fromme Leute aus Furcht vor neuen Kindern ins Zölibat flüchteten, da triumphierte das Christentum als Glaube durch und gegen die Angst. Und merkwürdigerweise wurden auch die attackierenden Franken, Goten, Alamannen, Vandalen sehr schnell christlich, um schließlich mit den rauchenden Resten der Hochkultur zu verschmelzen, die sie gerade erledigt hatten. Die „Goldscheibe von Limons“ aus Paris führt den Synkretismus von archaisch ornamentierter Sonnenscheibe und rationalem Kruzifix exemplarisch vor. Jesus war nun ein Franke oder Brite. Und die auf Gotisch verfasste Bibelseite des Bischofs Ulfila mit ihrem Purpurgrund ist so einzig, dass sie nur zwanzig Minuten täglich als Original aus dem Schrank kommt.

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