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„Camp“ im New Yorker Met : Schausteller der Eitelkeiten

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Ein sehr elastischer Begriff, dieses „Camp“: Lady Gaga bei der Met Gala. Bild: AFP

Warum ist Lady Gaga „Camp“? In seiner diesjährigen Mode-Ausstellung widmet sich das New Yorker Met dem nur schwer zu greifenden Gesellschaftsphänomen.

          Untertitelt mit der Frage „What makes the king?“, ist die wohl prägnanteste Fashion-Studie des neunzehnten Jahrhunderts das Werk eines Satirikers. Denn auch den König, lautet William Thackerays Antwort, machen Kleider. Und so zeigt er in seiner Karikatur den zum Pfau drapierten Herrscher Frankreichs einmal mit, einmal ohne Hülle – und einmal die Hülle, wie man sie aus Hyacinthe Rigauds Porträt desselben kennt, ganz ohne Ludwig. Nicht der im Vergleich zum Prunkgewand recht mickrig wirkende Mann ist es also, der hier zum König wird: Samt Perücke, angewinkeltem Arm und statueskem Kontrapost ist es der Krönungsornat selbst, der jenen erst zu dem Bild macht, das wir durch Rigaud vom Sonnenkönig haben.

          Auf Rigauds Porträt stößt man dieser Tage nicht zufällig am Eingang der Fashion-Ausstellung des New Yorker Met. Flankiert von Kreationen aus der Werkstatt Karl Lagerfelds und Jean Paul Gaultiers, stellt es dort sogleich die Frage nach dem eigentlichen Thema der diesjährigen Ausgabe. Denn unter dem Titel „Camp: Notes on Fashion“ begegnet das hauseigene Kostüminstitut dem von der Schriftstellerin Susan Sontag 1964 umrissenen Camp-Begriff als ein Definitions-Cluster mit gehöriger Unschärfe.

          Jene stets auf Übertreibung und Zitat bedachte Pose

          Mit der Themenwahl hatte Vogue-Chefin Anna Wintour dem Vernehmen nach schon im Vorfeld der Met-Gala die dort traditionell schaulaufende Prominenz in Angst und Schrecken versetzt. Denn wie im Fall des eitlen Sonnenkönigs lässt sich auch auf Camp als ungemein elastischen Begriff zugleich alles und nichts applizieren. Wie den Satiriker Thackeray interessiert die von Andrew Bolton kuratierte Schau dabei nur vorderhand, was unterm Talmi letztlich übrig bleibt – ausgehend vom historischen Untergewand wird vielmehr Schicht um Schicht die Applikation selbst zum Schau-Prinzip erklärt.

          Kontrapost und obligater Armwinkel erscheinen dabei als jene aus der Antike entlehnte Körperhaltung, der Molière mit dem reflexiven Verbum „se camper“ in einer Posse um einen geckenhaften Diener einst in den Sprachgebrauch verholfen hat. Genau das Unnatürliche, Aufgesetzte jener stets auf Übertreibung und Zitat bedachten Pose ist es, mit dem die Schau die Brücke in das Reich der edlen Stoffe schlägt: Als Ästhetik, Haltung oder „Logik des Geschmacks“ geht Camp im Sinne Sontags eben nicht nur auf die überladene Kostümästhetik der Barockoper zurück, sondern auch auf das extravagante „Camp Eden“, das der Versailler Hof einst für die homosexuelle Gegenkultur des französischen Adels war.

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          Das dort unter anderen vom Königsbruder praktizierte Cross-Dressing greift zum Beispiel ein überaus feines Ensemble aus der Feder Gaultiers auf. Mit Krawatte, Rock, Korsett und Hose hebt die schwarzweiße Kombination auf das hermaphroditische Element einer auf Camp angelegten Haute Couture ab. Unter der in Dauerschleife über der Ausstellung dröhnenden „Somewhere Over the Rainbow“-Interpretation Judy Garlands wird Camp so als Körper-Hülle-Verhältnis gefasst, das die Gegebenheiten der Biologie durch Künstlichkeit und Applikation wahlweise imitieren, verstecken, übertreiben oder gar ersetzen kann.

          Drapiert wie der Bürzel einer Turteltaube

          Über das Beau-Ideal und die Anfänge des Dandytums spannt die Schau den Bogen ins zwanzigste Jahrhundert und Oscar Wildes menschlichen „Teapot“ als die homosexuell-codierte Analogkörperhaltung zum antiken Statuenideal. Auf halber Strecke erst gelangt man zu Sontag, wo deren 58 Anmerkungen zu Camp einer umfangreichen Auslegung unterzogen werden. Verankert wird die Exegese in mehr als vierzig hauseigenen Exponaten, die die regelmäßige Met-Gängerin Sontag ihrerzeit beim Verfassen der „Notes“ als historische „Camp-Landschaft“ definierte.

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