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„Camp“ im New Yorker Met : Schausteller der Eitelkeiten

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Aus der semantischen Ambiguität des Jugendstils etwa, dem Art déco der Tiffany-Lampe, Ernest Schoedsacks King-Kong-Verfilmung oder dem schmückenden Beiwerk der Federboa ergibt sich Camp für Sontag als eine dezidiert „moderne Sensibilität“, die auch auf die zeitgenössische Mode ausgreift. Drapiert wie der Bürzel einer Turteltaube, gehört für Sontag das Seidenkleid des Altmeisters Christian Dior – wie es Berthe David-Weill auf dem Porträt Salvador Dalís trägt – ebenso zum Kanon des Camp wie die blassrosa Robe aus der Werkstatt Cristóbal Balenciagas, das mit seinen über drei Millionen applizierten Federn Sontags Metapher vom „naiven“ Camp wörtlich aufnimmt.

Explosion in Form und Farbe

Dass dabei von Haute Couture an sich bis hierhin nur äußerst knapp und fast ausschließlich als historischem Gegenstand die Rede ist, offenbart ein strukturelles Problem der Schau, dem auch der anschließende zweite Teil in seiner nachreichenden Überfülle nicht schlüssig begegnet. Denn erst via Sontag gelangt man zur Pop- und Massenkultur, die als smartiebunter Spielplatz das Hintergrundrauschen für den von der Amerikanerin einst als „bewusst“ definierten Camp abgibt. Andy Warhols „Souper Dress“ gibt hier mit dem berühmten Campbell-Motiv den Auftakt zu einer regelrechten Explosion in Form und Farbe, die dem Camp von Chanel über Dior bis Gucci, Galliano und Versace in der Haute Couture des zwanzigsten Jahrhunderts nachspürt.

In der knallig-bunten Süßigkeitenschachtel, die als Abschluss der Ausstellung in einer Art zweistöckigen Schaufensterpromenade über hundert Outfits aus den besten Häusern versammelt, wird der Leitbegriff der Schau jedoch derart gedehnt, dass der Anschluss an die im ersten Teil so sorgsam erledigte Begriffsarbeit nur noch fallweise gelingt. So tritt etwa bei Lagerfeld, Thom Browne und Alessandro Michele der dünne Seidenkrepp des Kleids als filigrane Leinwand auf; die von jenen aufgemalten oder bestickten Gürtel, Faltenwürfe, Kragen und Revers stehen dabei zum Zitat in einem ähnlich produktiven Verhältnis wie Jeremy Scotts ungleich gröber gefertigter Latex-Dress im pinkfarbenen Schinkenscheibenlook.

So entsteht gegen Ende der Schau durchaus der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit, die aber keineswegs zu größerer Durchlässigkeit führt. Denn leider nur flüchtig eingegangen wird etwa auf die queere Voguing-Szene im schwarzen Harlem der achtziger Jahre, die auf Camp einen ebenso maßgeblichen Einfluss gehabt haben dürfte wie das omnipräsente Versailles (das hier aber in nur zwei Outfits abgehandelt wird).

Überhaupt offenbart die Schau in der Auswahl der vertretenen Designer und Designerinnen einen – angesichts des vorgenommenen Themas erstaunlichen – Mangel an Diversität. Und auch das Paradoxon eines museal erfassten Camp, das sich als alles Ernste parodierendes Subkultur-Phänomen von Haus aus quer zur Logik (vor)herrschender Verhältnisse stellt, bleibt unangetastet. Unter welchen Umständen etwa Camp als Mode von der immer wieder zitierten Straße in die Ateliers der großen Modehäuser gelangt – und von dort aus auf die Laufstege der Welt –, ist eine der Fragen, die man aus dieser gleichermaßen überbordend wie -fordernd wirkenden Ausstellung mit nach Hause nimmt.

Camp: Notes on Fashion. Im Metropolitan Museum, New York; bis zum 8. September. Der Katalog kostet 50 Dollar.

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