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Schau zur antiken Polychromie : Die Überwindung des Reinheitsgebotes

Nur „echt“ mit durchscheinenden Ellbogen, darunterliegendem Gewand und Gold im Haar: Die neue Farbrekonstruktion der „Kleinen Herkulanerin“ aus hellenistischer Zeit. Bild: Liebieghaus Skulpturensammlung

Gegen die Vorherrschaft der Farbe Weiß in Kunst und Kultur: Das Frankfurter Liebieghaus setzt seine Untersuchung der bunten Götterwelt der Griechen, Römer und Ägypter fort.

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          Noch vor Jahren hätte ein Ausstellungsbericht über die Widerlegung der These einer marmorweißen Antike womöglich klassisch mit einer Purifizierungsaktion Ludwigs I. begonnen: Auf Geheiß des bayerischen Königs nämlich wurden im Jahr 1829 sämtliche farbigen Wandmalereien des Bamberger Doms, die dort seit dem Mittelalter alle Wände bedeckten, mit der Wurzelbürste abgeschrubbt und die gesamte Kathedrale weiß getüncht – man wollte in dieser Zeit des Spätklassizismus einen edelmarmorweißen Tempel haben, keine spätromanisch-buntfleckige Disneykirche.

          Nach dem Vorbild der durchgängig golddurchwirkten Kleidung der Skythen rekonstruiert: Der „Bogenschütze“ aus dem Giebel des griechischen Aphaia-Tempel mit einer zweiten Schicht von Goldhöhungen auf der Hose.
          Nach dem Vorbild der durchgängig golddurchwirkten Kleidung der Skythen rekonstruiert: Der „Bogenschütze“ aus dem Giebel des griechischen Aphaia-Tempel mit einer zweiten Schicht von Goldhöhungen auf der Hose. : Bild: Liebieghaus Skulpturensammlung

          In Amerika tobt derzeit ein Kampf um die „Weiße Antike“

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          In Zeiten zunehmender politischer Verrohung hingegen drängt sich heute eine absurde Zuspitzung dieser alten Streitfrage, ob die Antike – mit Goethe und einem falsch interpretierten Winckelmann als Vater der modernen Archäologie – weiß war oder eben quietschbunt, in den Vordergrund: In den Vereinigten Staaten wird derzeit von der Rechten mit Zähnen und Klauen die „white supremacy“ auch auf dem Gebiet der antiken Skulptur zu verteidigen versucht – unmöglich könne das Altertum Götterstatuen und marmorne Menschenbilder mit olivfarbener Haut oder gar noch dunklerem Teint versehen haben, verstoße das doch gegen die Vorherrschaft der und des Weißen. Von politisch korrekter Seite wiederum werden Museen gerade massiv angegangen, warum sie nicht viel stärker die teils fast äthiopisch schwarzen Inkarnate antiker Statuen betonten.

          In jedem Fall zeigen diese extremen Pendelschläge, dass die Diskussion, die 2008 mit einer großen Ausstellung zu diesen „Bunten Göttern“ im Liebieghaus Frankfurt begann, noch lange nicht am Ende ist. An selber Stelle wird nun alles, was in den vergangenen zwölf Jahren an neuen Erkenntnissen auf der Welttournee dieser Ausstellung wie auch an universitärer Forschung hinzukam, als „Golden Edition“ nachgeliefert. Das ist nicht wenig.

          Eine Statue, die in Ich-Form spricht: Die berühmte Phrasikleia mit dem Sternbild Skorpion in Gold auf der Rückseite.
          Eine Statue, die in Ich-Form spricht: Die berühmte Phrasikleia mit dem Sternbild Skorpion in Gold auf der Rückseite. : Bild: Liebieghaus

          Nofretetes Make-up als Vorbild

          Gleich im ersten Saal, dem Ägyptischen, weil die „Bunten Götter II“ sich jeweils dreist in die chronologisch geordneten Säle eingenistet haben und nun ihre über die Jahrtausende im Freien oder im Boden weiß ausgeblichenen Marmorkollegen noch blasser aussehen lassen, wird ein grundlegendes Faktum noch einmal überdeutlich gemacht: Wie die Römer nahezu alles in Kunst und Kultur von den Griechen stahlen, übernahmen diese wiederum viel von den Ägyptern. Es gab stilistisch eine starke Ägypten-Mode in Hellas, und insbesondere die Farbgebung und die Erzeugung einiger besonderer Farben wie des markanten „Ägyptisch Blau“ sind von den immer farbig gefassten Reliefs der Pharaonen beeinflusst, nachzuvollziehen etwa an den Saure-Reliefs der Fünften Dynastie mit einem neckischen Zitronengelb im Rock des Pharaos und dem saftigen Malachitgrün des Nilschilfs hinter ihm. Im Zentrum des Raums aber steht eine alte Bekannte, die sogenannte Phrasikleia in Lachsrot - einst farbschonend in einem Bleimantel aufbewahrt –, die als archaische Grabfigur einer Jungfrau um 540 vor Christus bereits in der Sockelinschrift nicht nur verlebendigt in der „Ich“-Form von sich spricht, sondern auch ihre Hoffnung auf Weiterleben im Jenseits äußert.

          Wem ihr rekonstruiertes Make-up als zu plastikhaft glänzend aufstößt, der sei an die ebenfalls puppenhaft geschminkte Nofretete in Berlin erinnert. Neben den seit den früheren Forschungen hinzugekommenen Schmuckauflagen aus Zinnfolie und dem juwelenbesetzten Gürtel sei der Blick auf Phrasikleias Rücken empfohlen: Hier sind aus Goldfolie aufgebrachte Sterne zu sehen, die mit Linien verbunden das Sternbild Skorpion ergeben – ob es das Sternzeichen der Verstorbenen war oder ein Hinweis auf zu frühen Tod wie beim fast durch Skorpionbiss getöteten mythischen Jäger Orion, ist noch ungeklärt.

          Im nächsten Saal steht die sogenannte Peploskore von der Akropolis, nach ihrem safrangelben Peplos-Gewand benannt, nun aber als Artemis mit gezücktem Schwert und einem detaillierten Tierfries auf dem Gewand identifiziert, in einer Art „Cella“-Heiligtum unter der architektonisch aufwendigen Rahmung des „Schatzhauses der Siphnier“ im Pilgerheiligtum von Delphi. Apropos Rahmen: Dem schon bekannten Figurenfries des Schatzhauses wurden oben und unten nun die ursprünglichen Ornamentfriese, die „Kymatien“, in der hypostasierten Farbigkeit gegeben, wodurch sich für das Erzählte dazwischen überhaupt erst unser gewohnter Eindruck eines gerahmten Bildes einstellt.

          Schließlich ist die schon von weitem türkis und rosa leuchtende „Kleine Herkulanerin“ in der Rotunde des Liebieghauses ein ästhetischer Höhepunkt der Schau insofern, als sich bis zum heutigen Tag an dieser antiken Skulptur im hellenistischen Stil zahlreiche Spuren des ursprünglichen „Farbenkleides“ erhalten haben und diese nun in ihrer ganzen Opulenz rekonstruiert wurden. Und ein Farbkleid darf man die einstige zweite Haut aus geriebenen Pigmenten ruhigen Gewissens nennen: Durch das türkisfarbene Übergewand schimmert zart das darunterliegende in Altrosa durch.

          Was für die überraschten Augen vielleicht anfangs wie schlecht und zu dünn aufgetragene Farbe wirkt, bei der die untere Schicht wieder durchscheint, ist ein Kniff der Antike, um sowohl die unglaubliche Feinheit der oberen Stein-Stoffschicht als auch die plastische Tiefe der Skulptur anzuzeigen. Nicht zuletzt liefert diese Technik der Fassmalerei indirekt einen Beweis dafür, dass alle Statuen der Antike farbig gefasst waren, weil man Göttinnen ohne dieses prächtige Farbkleid wohl als „nackt“ und kaum standesgemäß empfunden hätte. In jedem Fall trifft das Euripides-Zitat an der Wand über der Herkulanerin, in dem die schöne Helena sich wünscht, so hässlich wie eine Statue mit „abgewischten Farben“ zu sein, um kein Leid mehr im Trojanischen Krieg zu verursachen.

          Rosa war die Lieblingsfarbe des Hellenismus: Das technische Hilfsmittel der Infrarotluminiszenz belegt die Verwendung der Farben, die genaue Verteilung und mögliche Mischverhältnisse werden in den hybriden 3D-Scanskulpturen der Frankfurter Schau experimentell erkundet.
          Rosa war die Lieblingsfarbe des Hellenismus: Das technische Hilfsmittel der Infrarotluminiszenz belegt die Verwendung der Farben, die genaue Verteilung und mögliche Mischverhältnisse werden in den hybriden 3D-Scanskulpturen der Frankfurter Schau experimentell erkundet. : Bild: Liebieghaus Skulpturensammlung

          Eine elfenbeinweiße Venus im goldenen Bikini

          Auch in der Museumsabteilung für das Mittelalter und die Neuzeit sind neue Erkenntnisse und bemalte 3D-Scans von Figuren integriert. Wie schon bei der Phrasikleia und der Herkulanerin spinnt sich ein Netz von oft nur punktuellen Goldhöhungen über die Figuren, etwa die erstaunliche, erst 1954 entdeckte „Bikini-Venus“ aus dem Archäologischen Nationalmuseum Neapel, deren spärliche Badekleidung von einem goldenen Gespinst aus Mustern überzogen ist. Oder die Neuerkenntnis, dass der „Lüstereffekt“, der tiefere metallische Glanz von Gewandfarben über einer darunterliegenden Metallfolie, keine Erfindung für die mittelalterlichen Madonnen war, sondern schon im Altertum gerne eingesetzt wurde – es zieht sich tatsächlich ein rotgoldener Faden durch diese Schau.

          Erst die Renaissance hat dieses Kontinuum einer bunten Antike und eines ebenso farbstarken Mittelalters unterbrochen, wie das Liebieghaus etwa durch die auf ein strenges Weiß-Blau reduzierten Altäre der Florentiner Della-Robbia-Brüder augenfällig macht. Ob sich die Renaissancekünstler mit dieser Asepsis gegen zu große „Verschmutzung“ durch Farbe von ihrem verhassten Vorgänger Gotik absetzen wollte oder ob man schlicht die wertvollen Materialien Marmor und Bronze unverdeckt zeigen wollte, muss auch die stark erweiterte Neuauflage der „Bunten Götter“ offenlassen. Dass der auf ein stilistisches Reinheitsgebot versessene Klassizismus um 1800 und die Bauhaus-Strömungen im zwanzigsten Jahrhundert das bunte Altertum reinweiß hygienisch übertünchen, lässt die Schau jedenfalls mehr als deutlich werden.

          Bunte Götter – Golden Edition. Im Liebieghaus, Frankfurt; bis zum 30. August. Der Katalog kostet 49 Euro.

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