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Schau zur antiken Polychromie : Die Überwindung des Reinheitsgebotes

Im nächsten Saal steht die sogenannte Peploskore von der Akropolis, nach ihrem safrangelben Peplos-Gewand benannt, nun aber als Artemis mit gezücktem Schwert und einem detaillierten Tierfries auf dem Gewand identifiziert, in einer Art „Cella“-Heiligtum unter der architektonisch aufwendigen Rahmung des „Schatzhauses der Siphnier“ im Pilgerheiligtum von Delphi. Apropos Rahmen: Dem schon bekannten Figurenfries des Schatzhauses wurden oben und unten nun die ursprünglichen Ornamentfriese, die „Kymatien“, in der hypostasierten Farbigkeit gegeben, wodurch sich für das Erzählte dazwischen überhaupt erst unser gewohnter Eindruck eines gerahmten Bildes einstellt.

Schließlich ist die schon von weitem türkis und rosa leuchtende „Kleine Herkulanerin“ in der Rotunde des Liebieghauses ein ästhetischer Höhepunkt der Schau insofern, als sich bis zum heutigen Tag an dieser antiken Skulptur im hellenistischen Stil zahlreiche Spuren des ursprünglichen „Farbenkleides“ erhalten haben und diese nun in ihrer ganzen Opulenz rekonstruiert wurden. Und ein Farbkleid darf man die einstige zweite Haut aus geriebenen Pigmenten ruhigen Gewissens nennen: Durch das türkisfarbene Übergewand schimmert zart das darunterliegende in Altrosa durch.

Was für die überraschten Augen vielleicht anfangs wie schlecht und zu dünn aufgetragene Farbe wirkt, bei der die untere Schicht wieder durchscheint, ist ein Kniff der Antike, um sowohl die unglaubliche Feinheit der oberen Stein-Stoffschicht als auch die plastische Tiefe der Skulptur anzuzeigen. Nicht zuletzt liefert diese Technik der Fassmalerei indirekt einen Beweis dafür, dass alle Statuen der Antike farbig gefasst waren, weil man Göttinnen ohne dieses prächtige Farbkleid wohl als „nackt“ und kaum standesgemäß empfunden hätte. In jedem Fall trifft das Euripides-Zitat an der Wand über der Herkulanerin, in dem die schöne Helena sich wünscht, so hässlich wie eine Statue mit „abgewischten Farben“ zu sein, um kein Leid mehr im Trojanischen Krieg zu verursachen.

Rosa war die Lieblingsfarbe des Hellenismus: Das technische Hilfsmittel der Infrarotluminiszenz belegt die Verwendung der Farben, die genaue Verteilung und mögliche Mischverhältnisse werden in den hybriden 3D-Scanskulpturen der Frankfurter Schau experimentell erkundet.
Rosa war die Lieblingsfarbe des Hellenismus: Das technische Hilfsmittel der Infrarotluminiszenz belegt die Verwendung der Farben, die genaue Verteilung und mögliche Mischverhältnisse werden in den hybriden 3D-Scanskulpturen der Frankfurter Schau experimentell erkundet. : Bild: Liebieghaus Skulpturensammlung

Eine elfenbeinweiße Venus im goldenen Bikini

Auch in der Museumsabteilung für das Mittelalter und die Neuzeit sind neue Erkenntnisse und bemalte 3D-Scans von Figuren integriert. Wie schon bei der Phrasikleia und der Herkulanerin spinnt sich ein Netz von oft nur punktuellen Goldhöhungen über die Figuren, etwa die erstaunliche, erst 1954 entdeckte „Bikini-Venus“ aus dem Archäologischen Nationalmuseum Neapel, deren spärliche Badekleidung von einem goldenen Gespinst aus Mustern überzogen ist. Oder die Neuerkenntnis, dass der „Lüstereffekt“, der tiefere metallische Glanz von Gewandfarben über einer darunterliegenden Metallfolie, keine Erfindung für die mittelalterlichen Madonnen war, sondern schon im Altertum gerne eingesetzt wurde – es zieht sich tatsächlich ein rotgoldener Faden durch diese Schau.

Erst die Renaissance hat dieses Kontinuum einer bunten Antike und eines ebenso farbstarken Mittelalters unterbrochen, wie das Liebieghaus etwa durch die auf ein strenges Weiß-Blau reduzierten Altäre der Florentiner Della-Robbia-Brüder augenfällig macht. Ob sich die Renaissancekünstler mit dieser Asepsis gegen zu große „Verschmutzung“ durch Farbe von ihrem verhassten Vorgänger Gotik absetzen wollte oder ob man schlicht die wertvollen Materialien Marmor und Bronze unverdeckt zeigen wollte, muss auch die stark erweiterte Neuauflage der „Bunten Götter“ offenlassen. Dass der auf ein stilistisches Reinheitsgebot versessene Klassizismus um 1800 und die Bauhaus-Strömungen im zwanzigsten Jahrhundert das bunte Altertum reinweiß hygienisch übertünchen, lässt die Schau jedenfalls mehr als deutlich werden.

Bunte Götter – Golden Edition. Im Liebieghaus, Frankfurt; bis zum 30. August. Der Katalog kostet 49 Euro.

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