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Berlin Biennale : Das digitale Erhabene

Anders als die Netzkunst der neunziger Jahre, die abseits von Markt und Kunstobjekt politische Alternativen suchte, überführt diese Szene die glatte Ästhetik digitaler Benutzeroberflächen und Stock-Fotografie in Skulpturen und begegnet herrschenden Ästhetiken affirmativ. Auch das taten etwa Bernadette Corporation oder das Duo Swetlana Heger und Plamen Dejanov schon in den neunziger Jahren. Doch die Szene um das Kollektiv DIS geht weiter im Abschied von alten Antagonismen und in der Mimikry der Macht. Die repressive Vaterfigur, gegen die sie sich wendet, sei nicht mehr der Kapitalismus, schrieb der Kritiker Christopher Glazek 2014 – es sei die kritische Theorie, die an den Akademien gelehrt wird. Der Philosoph Armen Avanessian, der Bände zur populären Theorieströmung des Akzelerationismus’ heraus gegeben hat, sieht Kritik eingebunden in die Erhaltung des Status quo. Er gründet während der Berlin Biennale einen Graswurzel-Geheimdienst. Der Künstler Christopher Kulendran Thomas wirbt indessen mit einem Luxus-Showroom für die Kooperative New Eelam, die den Immobilienmarkt mit dessen eigenen Mitteln schlagen und ihren Mitgliedern kostenlosen Wohnraum auf der ganzen Welt und Bürgerschaft ohne Staaten bieten will. Der Narr, so scheint es, trägt heute die Kleider der Macht.

Es muss vor diesem Hintergrund als Befreiungsschlag verstanden werden, wenn diese Biennale nicht, wie einst üblich, Berliner Ruinen sucht, die inzwischen ohnehin weitgehend Luxuswohnungen und Shopping Malls gewichen sind, sondern ins Zentrum der Macht geht, zwischen Botschaften, Rüstungsunternehmen und geheime Scharfschützen-Stände zum Schutz von Staatsgästen am Pariser Platz. „The Present in Drag“ lautet das Motto der Kuratoren: Sie begegnen der Gegenwart mit Mitteln der Travestie, mit einem zarten Dadaismus. DIS propagieren vor allem einen Blick, der nicht wertet, sondern sich auf alles stürzt, was „interesting“ ist: also den Blick des Touristen. So ließen sie die Künstler Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic ein Sightseeing-Boot zu einer Mischung aus Hochzeitsboot und Gruselkabinett umgestalten. Es verkehrt bis zum September nach Fahrplan und nimmt auch zufällige Gäste auf.

Die hier aufgeführte Materialschlacht ist allerdings frappierend, so wie sich überhaupt eine erstaunliche Wiederkehr von Theatralität und Figürlichkeit zeigt, die selten im Verhältnis zum konzeptuellen Mehrwert steht – etwa in den misshandelten Schaufensterpuppen von Anna Uddenberg. DIS aggregieren Content, und teils scheint es an Algorithmen zu fehlen, die diesen sortieren und produktiv verknüpfen könnten. Angesichts der vielen Lifestyle-Oberflächen könnte man denken, Künstler glaubten weiterhin klassisch, dem Bestehenden ließe sich mit ästhetischen Mitteln beikommen.

Spannend wird es dort, wo Künstler groß denken, wie Cécile B. Evans, die in ihrer verführerisch-autoritären Filminstallation „What the Heart Wants“ in den Kunst-Werken eine künstliche Intelligenz sprechen lässt, die in der Zukunft Körper und Gefühle verwaltet, zu suggestiv orchestrierten Szenen, die wechseln wie das Wetter. Hier wird eine neue Kategorie spürbar, die der digitalen Automatisierung entspringt und der Programmierbarkeit des Organischen: das digitale Erhabene.

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