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Maler El Bermejo : Ein Spanier mit flämischen Vorlieben

Endlose Räume der Phantasie: Der Maler El Bermejo war lange ein großer Unbekannter, nun wird er als herausragender Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt.

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          Es gibt sie noch, die völlig unbekannten Meister, die großen Maler, die man mit kaum jemanden teilen muss, weil die Nennung ihres Namens bis heute allenfalls glasige Blicke hervorruft. Einer von ihnen ist Bartolomé de Cárdenas, genannt „El Bermejo“, der mutmaßlich von 1440 bis 1501 lebte und in diesen Monaten als Spaniens herausragender Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt wird. „Bermejo“ heißt rot, aber niemand weiß, ob sich der Beiname auf des Malers rotes Haar oder seine gerötete Haut oder auf irgendetwas anderes bezog.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Man weiß überhaupt sehr wenig über ihn, doch das wenige macht ihn so interessant, dass es zu allerlei Spekulationen Anlass gibt. Die spärlichen Dokumente über seinen Lebensweg, ausgegraben im zwanzigsten Jahrhundert, als die ernsthafte Beschäftigung mit ihm nach vierhundert Jahren des Vergessens begann, berichten von künstlerischer Aktivität im Gebiet der Krone von Aragonien, Jahrzehnte vor der Vollendung der „Reconquista“ und der Herrschaft der katholischen Könige. Bermejo, gebürtig aus Córdoba, stammte aller Wahrscheinlichkeit nach aus einer „Converso“-Familie, konvertierter Juden also, die mit der Zwangsaustreibung der Juden und Mauren 1492 in den Verdacht der Subversion und heimlichen Widerstands gegen den Katholizismus geraten würden. Er selbst spielt in seiner Malerei, ob in der Signatur, der Symbolik oder der Kleidung seiner Figuren, mit jüdisch-arabischen Identitätszeichen, sprach aber wohl kein Hebräisch.

          Ruhm erwarb sich Bermejo schnell durch sein ungewöhnliches Talent, das auf den ersten Blick seine Lehrmeister verrät: Flamen wie Rogier van der Weyden und Hans Memling, deren Altarbilder etwa um die Zeit von Bermejos Geburt die Betrachter zu beschäftigen begannen und deren Bilderfindungen schon bald als Stiche und Kopien durch Europa tourten. Bermejo war noch ein Kleinkind, als die kastilische Krone bei van der Weyden und van Eyck die ersten Werke in Auftrag gab, darunter ein so emblematisches Triptychon wie den Miraflores-Altar. Von diesen Meistern lernte der andalusische „Converso“ die Grundlagen seiner Malerei: überragendes Kompositionsvermögen, exquisite Öltechnik und einen außerordentlichen Sinn für Stofflichkeit. Die Phantasieleistung jedoch war ganz seine eigene.

          Religiöse Malerei auf höchstem Niveau

          Immer wieder bricht bei Bermejo in die frühe, temperierte Renaissancekunst ein erschütternder psychologischer Scharfsinn ein. In der Geißelungsepisode des Santa-Engracia-Altars (1472–77) etwa, dessen sechs Tafeln auf vier verschiedene Museen auf zwei Kontinenten verteilt sind, blickt man in die feixende Visage des Peinigers oder das hintersinnig-zynische Lächeln eines fein gekleideten Beobachters. Und wie bei den Männerfiguren Rogiers weiß man auch bei Bermejo genau, ob die letzte Rasur vor elf oder vor achtzehn Stunden stattgefunden hat.

          Die Schau zeigt eine enorme Bandbreite religiöser Malerei auf höchstem Niveau. Bermejos Tafeln öffnen sich in endlose Räume der Phantasie wie im „Triptychon der Jungfrau von Montserrat“ (1483–89), das an einen Landschaftsrevolutionär wie den etwas jüngeren Patinir erinnert. Seine Marienfiguren kennen elfenbeinerne Zartheit und herzzerreißende Trauer. Seine Christusfiguren sind schrecklich leidende Menschen und obendrein skandalös nackt: Die hauchdünnen Gazeschleier verhüllen kaum die Geschlechtsteile, für die Zeit ein ungewöhnlicher Naturalismus. Überhaupt das Mikrodetail: Bermejo füllt seine Tafeln mit Ornamenten, Mustern, kostbaren Materialien, immer wieder Metallarbeiten und wundersamen Designkombinationen, als wollte er uns keine Sekunde vergessen lassen, dass er buchstäblich alles kann und jede Materie beherrscht.

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